KATRIN BONGARD

RADIO GAGA

Band 1 der Radio Gaga-Trilogie
Radio Gaga von Katrin Bongard

Radio Gaga

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3,99 €
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296
978-3-943799-19-4
Young Adult – All Age

Du träumst von Freiheit? Einer coolen Gruppe?
Der großen Liebe? Then all you hear is … Radio Gaga

Rocco hält Berlin er für eine graue Großstadt, bis er sie zum ersten Mal hört: Die Stimmen von Radio Gaga, einem Piratensender in einem Ex-Wachturm auf dem ehemaligen Grenzstreifen. Rocco will dabei sein, verliebt sich Hals über Kopf in die coolen Moderatorinnen des Senders und gehört schließlich dazu … aber das freie Leben ist bedroht.

AUSZEICHNUNGEN

Peter-Härtling–Preis

„Das Manuskript schildert den turbulenten Aufbruch des 16-jährigen Rocco, der sich mit seiner Familie auseinandersetzt und für den sich beim Piratensender ’Radio GAGA’ eine neue Welt öffnet. Die jungen Leute um den Piratensender faszinieren ihn, vor allem die Frauen. Schlagfertig und stilsicher erzählt, gibt der Roman ein intensives Lebensgefühl wieder, das jungen Lesern vertraut sein wird. Ein zeitnahes Buch voller Tempo, Atmosphäre und Sound.“

Jury der jungen Leser, Wien

Radio Gaga (…) erzählt von Freunden, die Spaß am Leben haben, egal wie schimm ihre Probleme sind. Und genau das wollen sie der ganzen Welt sagen:  dass das Leben toll ist und es sich zu leben lohnt.Die Stimmung ist genial und man will auhc teilhaben am Leben der Radio Gaga-Crew. Lesen!

Goldene Leslie

„Radio Gaga“ überzeugte die Jury insbesondere durch die Realitätsnähe des Romans, die flüssige Sprache und die glaubhaft gezeichneten Figuren.

Radio Gaga

Ein Ort

Eine Stadt der Breite, der Höhe, der Weite. Osten und Westen, Süden und Norden.
  In der turbulenten, der neuen Mitte und in den sich geschäftig an sie anlehnenden Innenbezirken schlägt das Herz dieser Stadt, die sich nun bis weit ins Umland ausdehnt. Außenbezirke, die jene Mitte jeden Morgen mit Leben versorgen und in die sich die Stadt zur Erholung zurückzieht, pulsierend, ein großer lebendiger Organismus. Hier, an den Rändern der Stadt, stirbt die Vergangenheit langsam. Ein übrig gebliebener Wach-turm auf einer verwilderten Rasenfläche, wer erinnert sich noch?

Der Funkturm ein Wahrzeichen in Ost und West. Eine Stadt ohne Wolkenkratzer, streckt ihren Kopf in die Höhe. Überall, immer, rund um die Uhr: Radio. Die Arroganz einer Metropole, die immer Bescheid weiß, immer auf Sendung, über unzählige Kanäle. Hörst du das?

Eine Hand voll Helden, in einem gekaperten Turm, on air, in einem sich endlos dehnenden Raum. Freiheit, was für ein Wort! Brachland, Steppe der Großstadt, Wolken über Berlin und manchmal ein Flugzeug am Horizont. Im Chaos der Schaltpulte, Lautsprecher und Mikrophone an Drähten hängend. Ein Raumschiff in der Schwerelosigkeit der Zeit mit einer Crew zwischen Technik und Trotz zum Traum. Atlantik, wo bist du? … and all you hear is Radio Gaga ...
  

1

Die Erde ist eine Scheibe. Alles eben, bis zum Rand. Kein Zweifel mit Ende und Anfang. Im Westen der Hades, der Rand, der Abgrund, der Tod. Geboren, gelitten, gestorben. Alles vorbestimmt, ein Leben in gleichförmiger Bürgerlichkeit: gelernt, bestanden, gearbeitet bis zur Rente. Jedenfalls konnte ich mir an diesem Tag nichts anderes darunter vorstellen. Der blaue Planet, um sich selbst rotierend, um die Sonne kreisend, im unendlichen Weltall - nein, tut mir Leid. Denn das hieße, all die Möglichkeiten zu spüren. Die Relativität von Zeit und Raum, die fünfte oder sechste Dimension, die Rückkehr der Yedi-Ritter, die schwarzen Löcher, das Licht der sterbenden Sterne, die Weite der virtuellen Welt. Doch ich saß hier. Allein das Sitzen hätte mich umbringen können. Vor mir meine Welt, eine Scheibe, oder genauer gesagt: eine Pizza. Teigberge, Salamimeere und der Käse der weltweiten Kommunikation. Übersichtlich, trostlos. Ich hatte mir mehr von meinem sechzehnten Geburtstag versprochen. Was ich mir gewünscht hatte, hatte ich im Wesentlichen bekommen: einen Flachbildschirm, Bücher, CDs, einen neuen Lenker für mein Fahrrad. Materiellen Kram eben. Auf dies alles hätte ich gut verzichten können, wenn wir stattdessen nicht aus München weggezogen wären.
  Die Vielzahl der unterschiedlichen Entwicklungs-möglichkeiten eines Systems wird als Freiheitsgrad bezeichnet. Ein bewegter Körper hat mindestens so viele Freiheitsgrade, wie ihm Raumrichtungen zur Verfügung stehen.
  Eine Schnecke auf einem Grashalm: Freiheitsgrad eins.
  Eine Schnecke auf einer Tischplatte: Freiheitsgrad zwei.
  Eine Schnecke mit Flügeln im Raum: Freiheitsgrad drei.
  Ich war eine Schnecke auf einem Stuhl. Freiheitsgrad null.
  Wenn man sich sein Leben in sechzehn Jahren an einem bestimmten Ort aufgebaut hat, dann sollte einen niemand gegen seinen Willen an einen anderen Ort schleppen. Vieles sprach dagegen, hier zu sein. Ich sah aus dem Fenster unseres großen neuen Wohnzimmers in den großen neuen Garten und wunderte mich, über das erste zarte Grün der Sträucher. Irgendwie hatte ich das nicht erwartet, hier im Norden. Eine ehemalige Mauerstadt war grau. Grau in grau, wie meine Stimmung. Ich dachte kurz an Paul, der jetzt am Eisbach saß und Mädchen aufriss. Dabei fiel mir Klara ein. Ich glaube, in diesem Augenblick, vor mir die pappige Pizza und draußen diese ersten Frühlingsblättchen, wurde mir unwiderruflich klar, dass mein bisheriges Leben vorbei war. Vorbei, echt vorbei. Und ich hasste dieses Frühjahr, diesen Umzug, die ganze neue, beschissene Situation. Seltsamerweise sollte es eine der besten Zeiten meines Lebens werden. Bevor ich das begriff, verlor ich so ziemlich jede Illusion über ein heiles und geordnetes Leben, über Freundschaft, Familie, Freiheit, eigentlich alles. Wenn ich sage, dass es Liebe war, die mich am Leben hielt, klingt das kitschig. Aber in diesem verrückten Jahr war es das Einzige, was blieb.

Ich war froh über mein eigenes Zimmer. Auch in München hatte ich ein eigenes Zimmer gehabt, allerdings direkt neben dem meines Bruders. Ich hörte so ziemlich alles, was er dort veranstaltete. Ich hatte den Eindruck, dass sein Zigarettenrauch sich nur in meinem Zimmer so richtig wohl fühlte und ich überlegte mir ernsthaft, auch mit dem Rauchen anzufangen, nur um den Gestank besser ertragen zu können. Doch ich tat es nicht. Wahrscheinlich hat mich mein Bruder für alle Zeiten gegen jede Art von Drogen geimpft, denn er schob sich damals praktisch alles rein, was er auftreiben konnte. Ich machte mir so meine Gedanken. Dass er kiffte, war klar und ich denke, Hanf fiel für ihn nicht unter Drogen. Koks war teuer, aber in München einfach immer angesagt. Heroin - nein, ich konnte mir Giove einfach nicht mit einer Spritze im Arm vorstellen. Außerdem war er nicht der Typ, der Spuren hinterließ. Aber Pillen, Ecstasy, Amphetamine, alles was sauber zu schlucken war, das war genau sein Ding. Aber Giove war ein Typ, der immer von sich behauptete, die Dinge im Griff zu haben. Lange beruhigte mich das. Und dass meine Eltern von all dem nichts mitbekamen, rundete die ganze Sache irgendwie ab.
  Hier sollte er sein Abschlussjahr machen, notfalls auf einer Privatschule. Mein Vater glaubte immer noch daran, dass mein Bruder irgendwann einmal in seine Kanzlei einsteigen könnte. Mein Bruder! Dass ich dafür nicht in Frage kam, war genauso beschlossene Sache wie seine Zukunft als Anwalt. Anwalt wäre auch so ungefähr das Letzte gewesen, was ich mir als Beruf vorstellen konnte. Ich mochte keinen Streit und hatte mich in der Familie zu einer Art Friedensrichter entwickelt. Meine Mutter sah mich als Psychologen. Wenn ich an einen Psychologen dachte, dann sah ich erstens einen total blassen, dünnhäutigen, nervösen, neurotischen Men-schen, der zweitens schlecht trainiert war und (heimlich) rauchte und drittens keine Chance mehr hatte, ein normales oder auch ein außergewöhnliches Leben zu führen, da er immerfort damit beschäftigt war, sein eigenes oder das Leben anderer Leute zu analysieren. Nein. Mein Traum war, richtig zu leben.
  «Was meinst du mit richtig?«, fragte mein Vater, als ich ihm mit acht Jahren meine Theorie unterbreitete.
  «Ich denke daran, nicht zu arbeiten.«
  Er lachte und wurde dabei ganz leise, denn dieses war eines der Männerthemen, über die er nur mit gesenkter Stimme sprach.
  «Und wie willst du dein Geld verdienen, Rocco?«
  Darüber hatte ich weniger nachgedacht. «Ich kann doch von deinem Erbe leben«, schlug ich vor und sein Lächeln gefror.
  Er nahm mich sehr erwachsen an den Schultern, sah mir tief in die Augen und sagte: «Und wann, denkst du, werde ich sterben?«
  Ich war irritiert, kein großer Rechenkünstler. Ich fand meinen Vater schon ziemlich alt. Er sollte natürlich nicht jetzt sterben, aber wenn ich erwachsen wäre, musste er einfach schon steinalt sein. Anders konnte ich es mir nicht vorstellen.
  Die Sonne fiel ins Zimmer, ich beobachtete einige Staubfäden, die im Sonnenlicht tanzten. Vielleicht vergaß er die Sache, dachte ich und ruckelte ein wenig mit den Schultern, um ihm zu zeigen, dass ich gehen wollte. Aber er zwang mich, ihm weiter in die Augen zu sehen.
  »Bis ich sterbe«, sagte er ruhig, »ist es noch ein Weilchen hin. Ich fürchte, du musst dir selber einen Beruf suchen!«
  Er war echt sauer.
  Wenn ich an meine Zukunft dachte, dann stellte ich mir einen Tag vor, an dem mir kein Mensch sagen konnte, was ich zu tun hätte. In diesem göttlichen Nirwana würde ich dann anfangen, meine eigenen Wünsche zu ergründen. Dies würde mindestens zehn Jahre dauern und dann würde ich aufstehen und leben. So wie der starke Wanja, der jahrelang auf dem Ofen lag und sich nur von Sonnenblumenkernen ernährte. Irgendwann ging er los und eroberte die Welt, wurde Zar und alles, was er vorher nicht getan hatte, war vergessen. Allerdings schaffte der es, dort oben auf dem Ofen zu liegen, obwohl seine ganze Familie täglich um ihn herumlungerte. Bewundernswert.

»Hallo!« Mein Bruder kam in mein Zimmer und hielt mir ein kleines Paket entgegen. In dem Durcheinander war mir gar nicht aufgefallen, dass ich von ihm noch nichts zum Geburtstag bekommen hatte. Das Päckchen hatte die Größe einer Zigarettenschachtel und nichts anderes vermutete ich darin. Ich nahm es zögernd an. Im Laufe der Jahre hatte ich mir fast alles von meinem großen Bruder abgeguckt, außer Drogen, und seien es auch nur Zigaretten. Ich wollte darüber jetzt keine Diskussion anfangen.
  Giove setzte sich auf mein Bett und beobachtete mich. Ich öffnete das Päckchen langsam. Keine Zigaretten. Ein kleines schwarzes Gerät kam zum Vorschein. Kein supermodernes Hightech-Ding, sondern ein einfaches Radio. Ich war so verblüfft, dass ich Giove nur sprachlos ansah.
  »Ein Radio!«, sagte er freundlich.
  »Das sehe ich«, sagte ich.
  »Du hast doch kein Radio?!«
  »Stimmt.«
  Sein Lächeln nervte mich ein wenig. Wir verstanden uns in der Regel ohne Worte, doch jetzt fühlte ich mich verarscht. Was in aller Welt sollte ich mit einem Radio? Wer hörte überhaupt noch - außer vielleicht im Auto - Radio? »Danke.«
  Giove legte seine Hand kurz auf meine Schulter und stand auf. »Bis später!« Und ging.
  Ich stellte das kleine schwarze Ding auf einen der Umzugskartons. Es fiel kaum auf im Chaos meines Zimmers und bald hatte ich es vergessen.

Die Schule war eine Katastrophe. Ich sah es gleich, als mein Vater sie uns zeigte. Es war ein großer roter Backsteinbau und er sah dermaßen knastmäßig aus, dass ich mich fragte, ob sie dort vielleicht noch Rohrstöcke hätten. Natürlich hatten meine Eltern dieses humanistische Gymnasium für meinen Bruder ausgesucht, dem sie etwas mehr Zucht und Ordnung wünschten, obwohl sie im Grunde doch so liberal waren. Hier konnte er Latein lernen und am besten noch Griechisch, denn sie wussten nicht, dass seine besseren Noten allesamt einem genialen Geschäftsmann auf der Jungentoilette seines alten Gymnasiums zu verdanken waren. Also hatten sie diesen Schulkasten gleich auch für mich in Betracht gezogen. Meine Leidenschaft für Naturwissenschaften hatte bisher offenbar noch niemand bemerkt. Zugegeben, ich sprach nie darüber, und in Latein hatte ich bisher ganz passable Noten gehabt. Mein Widerspruch war dann auch eher verhalten. Irgendwann hatte ich es aufgegeben, mich bei Entscheidungen dieser Art nach vorne zu werfen und Einspruch zu brüllen, denn das ließ meinen Vater zu voller Anwaltsform auflaufen, und dabei stampfte er mich garantiert verbal in den Boden.

Der erste Schultag übertraf meine schlimmsten Er-wartungen. Ich lernte: Man darf aus Bayern kommen, man darf teure Designerklamotten tragen, man darf sich im Cabrio der Mutter vor der Schule absetzen lassen und man kann sich vermutlich auch mit dem Sitzenbleiber der Klasse anlegen, aber wenn dies alles am ersten Schultag passiert, dann hat man ganz schnell ein großes Problem. Was ich Selbstbewusstsein nannte, nannten sie hier Arroganz. In der Pause schleppten sie mich auf das Jungenklo, nicht nur der Supermarkt, sondern auch die Folterkammer aller Schulen. Dann hielten sie mich fest. Es war ein skurriler Moment, da sie es in der Behindertentoilette taten, was irgendwie passend war, wenn ich an ihren Intelligenzquotienten dachte. Neben uns gab es Spülgeräusche und Füße scharrten. Dann wurde es still. Der Sitzenbleiber zog meinen Kopf an den Haaren nach hinten. Ich hielt die Luft an und versteifte meinen Nacken. Mein starrer Widerstand erstaunte ihn. Kurzerhand schlug er mir mit der flachen Hand unters Kinn, so dass mein Kopf nach hinten flog. An der Decke des Klos klebten Fliegen, was mir sonst bestimmt nicht aufgefallen wäre. Versuche das Beste aus der Situation zu machen, dachte ich, Widerstand verlängert es nur.
  Ich begann mich auf das Kommende einzustimmen, ohne genau zu wissen, was sie vorhatten. Sie hantierten mit klingendem Werkzeug herum und einen panischen Moment dachte ich, sie würden mich kastrieren, bis ich den Geruch von Bier wahrnahm. Besser als Urin, konstatierte mein Gehirn sachlich, wenn auch völlig unrichtig. Es war ein billiges, grauenhaft schmeckendes Bier. Der Große goss, die anderen hielten mich fest. Dann Schnaps. Dann Bier. Sie wollten unbedingt verhindern, dass ich kotzte, deshalb gönnten sie mir kleine Pausen, bevor sie mir die nächste Pulle einfüllten. Zwei hielten meinen Kopf, einer hatte meine Hände auf den Rücken verdreht und der Chef ließ laufen. Als nichts mehr rein ging, zogen sie mich auf den Hof, damit ich keine Zeit hatte mir den Finger in den Hals zu stecken. Ich hatte nichts gegen ein bisschen Alkohol, aber ich machte mir ernsthaft Sorgen, was eine halbe Flasche Schnaps mit meiner Leber machen würde.
  Die nächste Unterrichtsstunde war Mathe. Mir war unbedingt klar, dass ich schwänzen musste, aber meine freundlichen Gefährten führten mich scheinheilig an meinen Platz und bewachten mich so lange, bis Herr Struck in die Klasse kam.
  »Morgen, Kinder!«
  Es gab ein unangenehmes Geräusch von Knochen auf Holz. Ich hörte einen spitzen Schrei und dachte an Vögel und an den Eisbach, dann wurde es schwarz vor meinen Augen und warm und feucht.
  Fünf Stiche. Ich hatte mich kurz nach dem Aufprall übergeben, was sich bei den Mädchen der Klasse wahrscheinlich bis an ihr Lebensende eingebrannt hatte. Dann wurde ich abgeholt. Die Kotzerei hatte mir eine Alkoholvergiftung erspart. Die Ärztin sah mich mitleidig und fragend an und ich war spontan bereit, mich dafür in sie zu verlieben. Das lag vermutlich am Restalkohol. Sie bestand darauf, meine Eltern zu verständigen. Vermutlich erwartete sie eine abgewrackte Alkoholikerin, während sie den Eingangsbereich der Notaufnahme abscannte. Meine Mutter hatte sich dagegen Zeit für ihren Auftritt genommen, zumal man ihr erzählt hatte, dass ich nicht in Lebensgefahr schwebte. Ein enges Kostüm, die Sonnenbrille ins Haar geschoben. Wenn meine Mutter irgendetwas drauf hat, dann sind es Auftritte. Sie ist groß und schlank und sieht aus wie eine Schauspielerin, wenn sie irgendwo ankommt und souverän die Umgebung mustert. Ich vergesse dann fast, dass sie meine Mutter ist und kann verstehen, warum mein Vater sich in sie verliebt hat.
  »Hey, Kleiner!«
  Sie strich mir mitleidig über den Kopf und besah sich kritisch die genähte Wunde am Kinn. Ihre Stirn legte sich in Falten und ich ahnte, was jetzt kam. Mit ihrem ganzen Münchner Selbstbewusstsein fegte sie jede Erklärungen der Ärztin beiseite und beschuldigte sie der Pfuscherei. Meine genuschelten Einwände (örtliche Betäubung), dass sie doch erst einmal abwarten könne, bis die Fäden gezogen seien, überhörte sie ungehalten und drohte - das alte Lied - mit rechtlichen Konsequenzen, falls irgendwelche Narben, Wülste etc. bei mir zurückbleiben würden. Die Ärztin nahm es gelassen und verbuchte es vermutlich unter Schock. Ich war froh, als wir gingen, ernüchtert und müde.
  Meine Mutter hatte, um ihrem Auftritt genügend Nachdruck zu verleihen, das Cabrio genommen. Aber hier war nicht München und daher fing es prompt an zu regnen. Immer noch außer sich riss sie an dem Verdeck herum, gab es schließlich auf und raste im Nieselregen los.
  »Die Ärztin hat gesagt, du warst betrunken.« Meine Mutter sah nach vorne in den stockenden Verkehr und tat möglichst unbeteiligt, aber ich merkte ihre Verärgerung.
  „Tja ...», begann ich zögernd, „die in der Schule haben mich abgefüllt.« Sie riss den Kopf kurz zu mir herum und sah mich mit funkelnden Augen an. Sie dachte, ich erzähle ihr irgendeine Geschichte und sie hasste es, vom mir angelogen zu werden.
  Meine Mutter ließ meinem Bruder und mir vollkommene Freiheit. Sie fand es kleinlich und spießig uns mit Erziehungsregeln zu gängeln. Das war immer schon so gewesen und es hatte Vorteile, um die mich viele meiner Freunde beneideten. Wenn es irgendwie ging und wenn mein Vater es zuließ, dann erlaubte sie uns alles. Sie war sich vollkommen darüber im Klaren, dass wir auf diese Weise selber entscheiden mussten, was gut für uns war. Sie hatte nicht vor, unser schlechtes Gewissen zu spielen. Im Großen Ganzen hatte unser Verhalten ihr bisher immer Recht gegeben. Es lief gut. Wir hatten gelernt, unsere Probleme, soweit es ging, selber zu lösen.

»Echt, ist die Wahrheit!« Beim Sprechen spürte ich mein Kinn wie einen nassen Schwamm.
  »Ich dachte, du interessierst dich nicht für Drogen ...«, fing sie wieder an.
  »Eine Mutprobe.« Es war ein schlapper Versuch, ihr irgendeine passende Erklärung zu geben und überraschenderweise funktionierte es. Sie lächelte erleichtert.
  »Ihr Jungs seid doch alle ... verrückt!«

Meine Mutter war die jüngste von drei Schwestern. Ihren Vater, einen Diplomaten, der wesentlich älter als ihre Mutter war, hatte sie nie richtig kennen gelernt. Wenn sie von etwas nichts verstand, dann waren es Männer. Wir alle, mein Vater, Giove und ich, waren für sie Terra incognita, vollkommen unerforschtes Land. Männer liebte man, man heiratete sie, man brachte sie als kleine Jungen zur Welt, aber sie waren unergründlich, seltsam, fremd. Es hatte für sie den Vorteil, dass sie in vielen schwierigen Erziehungsfragen gerne zu meinem Vater sagte: »Du bist doch ein Mann! Du musst wissen, was in ihnen vorgeht.« Aber Männer wissen nichts über sich. Sie sind froh, wenn sie mit sich selber klarkommen.

Ich war eine Woche krankgeschrieben und ich genoss es. Ich saß in meinem Zimmer, starrte auf die unausge-packten Umzugskisten und versuchte es schon mal mit starkem Wanja. Allerdings kam meine Mutter alle paar Stunden herein und erkundigte sich, ob mir etwas fehlen würde und ob ich auch essen könnte. Kauen war in der Tat unangenehm. Also ernährte ich mich von Vanilleeis, nahm eine Einliterdose zwischen meine Knie und schabte sie genüsslich aus. Dabei dachte ich an die netten Jungs in meiner Klasse und wie ich es ihnen heimzahlen konnte. Ich probierte mehrere Racheszenarien durch und stellte mir vor, wie mich alle Mädchen dafür beklatschen würden, dass ich den drei Oberärschen die Nasen blutig schlüge. Dann ging ich zu subtileren Phantasien über, wie ihnen Speedpillen zwischen die Scheiben ihrer Pausenbrote zu schieben. Bei all dem wurde mir klar, dass es auf jeden Fall hart werden würde, in die Klasse zurückzukehren, wenn ich mich nicht rächen könnte.
  Ich bin ein großer Spiele-Fan, aber bisher hatte ich noch keine Lust gehabt, meinen Computer aufzustellen oder die Konsole anzuschließen. Mir fehlte also jede äußere Ablenkung und meine Gedanken verrannten sich immer mehr in die deprimierenden Aussichten meines Lebens in dieser Stadt. Mein bester Freund Paul hatte mir geschrieben, am gleichen Tag wie Klara übrigens, worüber ich mir zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken machte. Sie schrieben von dem tollen Wetter in München und wie sehr sie mich vermissen würden. So beginnt eine Depression, war mein düsterer Gedanke, als mir das kleine Sonyradio auf der Umzugskiste ins Auge fiel. Ich schaltete es an. Es schnarrte: »... heute sonnig und bis zu fünfzehn Grad werden ...«
  Ach! dachte ich düster. Meine Aggressionen wandten sich ungerechterweise gegen die plärrende Stimme einer Moderatorin, die nun begann von Sonne, Superwetter und Superlaune zu erzählen. Ich riss das Radio an mich, stellte es aus und wieder zurück auf die Umzugskiste. Es war ein kleines und schon älteres Modell. Ich hatte die Antenne herausgezogen und das Ding saß mir nun gegenüber wie ein Marsmännchen. »Halt die Klappe!«, zischte ich und stellte es dann doch wieder an, als wollte ich mich nun erst recht mit ihm streiten. Ich drehte am Senderknopf und vermisste den breiten bayrischen Tonfall. Er war nirgendwo zu finden, was mir hätte klar sein müssen. Ich drehte weiter.
  »Sobydu ihr sloggys. Schloscherenslot. Slasverasch ...« (ein heiseres Lachen) »... das war nicht Russisch und auch nicht Serbokroatisch ... und statt der Maus ... musika!«
  Es ertönte ein seltsames blechernes Geräusch und dann der ohrenbetäubende Lärm irgendeiner Kellerband. Ich war überrascht von diesem akustischen Ausbruch per Radio und dieser Stimme, die klang, als hätte sie nie ein Stimmtraining gehabt und als sei ihr das auch ziemlich egal. Sie war dermaßen roh und dreckig, dass ich richtiggehend erschrak. Paralysiert wartete ich auf das Ende des Songs, der sich gerade auf ein schepperndes Finale zu bewegte.
  »Hey, Folks«, krächzte die Stimme wieder. »How're you do´n? Diese wunderbare Band, die mir ihr wunderbares Tape gestern geschickt hat, spielt ... Moment ...« (er kramte offenbar in einem Papierstapel) »... nächste Woche ... oder, nein, morgen ...« (im Hintergrund nun Gekicher von einer weiblichen Stimme) »... im Tresor ... nein ... im Dimitrovkeller. Hm.« Er schien selber zu stutzen. »Oder nein, im Dimirov ... hm. Leute, kliert nicht so. Ich kann das hier echt nicht lesen. Schau mal, Anna.«
  Er reichte offenbar etwas weiter und ich hielt blödsinnigerweise den Atem an, obwohl es mir vollkommen gleichgültig war, wo diese Band morgen oder sonst wann spielen würde.
  Eine sehr sanfte Stimme erklang: »Also ich glaube, das heißt Demihoff. Hm, macht keinen Sinn, oder? Also ruft uns an«, sagte sie pragmatisch und schloss damit das Thema ab.
  »Ey, wir sind sowieso am Ende«, ertönte wieder die raue männliche Stimme. »Heute Nachmittag kommt Mika und dann gibt es, Moment ...«, er wühlte wieder in Papier, »Musik und Musik«, und lachte rau. »Tschau, bis morgen!« Und weg war die Stimme.
  Ich erwartete Werbung oder irgendeine übergeordnete Moderatorenstimme, sozusagen den Leiter dieses ganzen Kindergartens oder den Oberchef der Sendung, aber da war nichts. Hatte ich den Sender verloren? Ich drehte das Senderrädchen filigran ein ganz kleines bisschen nach vorn und nach hinten, aber es war nichts mehr zu hören. Ohne es zu merken, war ich aus meiner Apathie erwacht. Diese Stimme! So rau und - ich suchte nach einem passenderen Wort und kam nur auf »stark«. Und ich dachte: Wer lässt solche Leute Radiosprecher werden?

Am Nachmittag, hatte er gesagt. Ich saß vor dem Radio. Ich hatte mir die Frequenz des Senders eingeprägt und wartete brav ab. Wanja auf seinem Bett, Beine angezogen, den Bauch voll Vanilleeis. Meine Mutter rief zum Essen. Ich schoss aus meinem Zimmer und nuschelte etwas von »satt sein«.
  Sie sah mich erstaunt an. »Dein Kinn sieht schon viel besser aus!«
  Ich nickte, obwohl ich mich erst am Morgen im Spiegel über die Farbschattierungen zwischen grün, blau und gelb erschrocken hatte. Und - zack - wieder im Zimmer. Wieder drehte ich ein wenig am Rädchen, nun schon ungeduldig und nervös. Es war bereits kurz vor drei. Nichts. Vielleicht war ich ja schon durchgeknallt. Hatte Stimmen gehört. Mir alles eingebildet. Doch dann ging es los.
  »Hey, Mika auf Radio Gaga.« Es folgte ein Jingle, der klang, als würde eine erste Klasse auf dem Xylophon spielen. »Danke für das nette Tape nach Reinickendorf.« Sie lachte.
  Wieder war ich erstaunt, wie außerordentlich frisch auch Mikas Stimme klang. Sie war noch jung, vielleicht fünfzehn, schätzte ich. Sie hatte ein glucksendes Lachen, das ansteckend war, und ich ertappte mich beim Grinsen, obwohl das immer noch reichlich schmerzhaft war.
  »Ich habe euch polnische Rockmusik mitgebracht und was aus Spandau, das mir jemand gestern gemailt hat. Ein total verrücktes Ding. Zuckerwürfel in Blechdose oder so ähnlich.« Sie lachte wieder so nett. »Gestern gab es noch eine heiße Diskussion per Mail, nachdem ich Nirvana gespielt hatte. Und ich bleibe dabei, dass man bei jedem Stück schon die Kugel im Kopf hört. Und das ist doch völlig in Ordnung so. Wieso ist euch das zu esoterisch? Das ist Physik.« Ich lehnte mich vor, um diese Mika besser zu verstehen. »Zeit ist relativ und diese ganzen Songs sind nur ein einziger auseinander gezogener Schuss! Peng. Die Frage, was vorher war, der Schuss oder die Musik, keine Ahnung. Ich spiel einfach noch einen Song.«
  Und dann kam Nirvana.


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Presse / Rezensionen

„Diese Geschichte über einen Piratensender und seine coolen Moderatoren ist authentisch, feinfühlig und dennoch schnell und frech.“ („Stern“ 2005) *


„Zwischen Liebesleid und Glückssuche: ein toller Roman über eines der wichtigsten Abenteuer im Leben – das Erwachsenwerden.“ („Brigitte Young Miss“ 2005)


„Neben der Geschichte und den Charakteren hat mich an erster Stelle die Atmosphäre überzeugt, die ich hier ganz besonders mitempfinden konnte. Natürlich auch, weil es in meiner Heimatstadt Berlin spielt und ich diese Grenztürme kenne und mir deshalb ein ziemlich gutes Bild davon machen konnte. (…)Man hatte nach einer Zeit wirklich das Gefühl, dazu zu gehören und ich wäre am liebsten selber auf mein Fahrrad gestiegen und zum Turm gefahren oder hätte einfach mein Radio auf die Radio Gaga Frequenz geschaltet.“ (Laura Kulik 12. 2012 Kometenschauer)


„Radio Gaga ist für mich eine absolute Empfehlung!
Man erlebt im Buch Roccos Entwicklung und man kann gar nicht mehr aufhören zu lesen, da man einfach wissen will was als nächstes passiert. Der Schreibstil ist flüssig und fesselt einen noch mehr hinter das Buch.
Mir sind zwar während des Lesens einige Rechtschreibfehler aufgefallen, aber das stört nicht und deshalb bekommt das Buch von mir volle 5 Sterne und eine dicke, fette Empfehlung meinerseits. =) (Büchermaus96 12.2012 Lovelybooks)


„Mir hat „Radio Gaga“ sehr gut gefallen. Es ist nicht nur gut und mitreissend geschrieben, sondern hat auch tolle Charaktere, die sehr gut beschrieben sind und einem sehr nahe kommen.“ (Irina Wolpers 12-2012 Lovelybooks)


„Das Buch ist einfach klasse, und eine absolute Leseempfehlung. Es behandelt Themen des alltäglichen Lebens. Die Wichtig sind, aber leider oft übersehen werden.“ (Xallaya, 2.11.2012 Xallaya-Buchblog)


Katrin Bongard hat mit „Radio Gaga“ einen ganz tollen Jugendroman geschrieben, Pubertätsprobleme, Schwierigkeiten in einem neuen Umfeld, keine Bezugspersonen und fehlende Freunde. Rocco hat mit vielen verschieden Gefühlen zu kämpfen, was die Autorin sehr anschaulich rübergebracht und geschildert hat, die Charaktere sind sehr gut dargestellt, man kann sich Rocco und die Radio Gang wirklich vorstellen. (Conneling, 12-2012 Lovelybooks)


Es ist nicht leicht ein spannendes, fesselndes und auch authetisches Jugendbuch zu schreiben, dass gänzlich ohne Riesenkatastrophen und magische Wesen auskommt.
Doch dies gelingt Katrin Bongard mit „Radio Gaga“. (Julia Rose-Greim 12-2012 Lovelybooks)

 


KATRIN BONGARD

RADIO GAGA on Air

Band 2 der Radio Gaga-Trilogie
Radio Gaga on Air von Katrin Bongard

Radio Gaga On Air

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ISBN
4,99 €
9,99 €
330
978-3-943799-86-6

*Eine rasante Liebesgeschichte, von Berlin nach New York und zurück*

Ein eigenes Radio-Programm bei einem Piratensender zusammen mit dem Mädchen seiner Träume. Eigentlich war Roccos Leben perfekt. Bis zur Räumung des Sendeturms. Warum muss SIE nun ausgerechnet für ein Jahr nach New York fahren und ER eine anspruchslose Radiosendung bei einem Mainstream-Sender moderieren? Und was ist mit der verrückten Radiocrew, die einmal Roccos Lebensmittelpunkt war? Auf der Suche nach dem freien Leben und seiner großen Liebe macht Rocco sich schließlich auf nach New York. Doch dafür muss er nicht nur seine Flugangst bekämpfen, sondern auch seine Eifersucht …

 

Radio Gaga on Air

 
Eine Zeit

Die beste Zeit des Lebens. Ein junges Hirn, ein lebendiger Körper und alle Zellen auf Los. Unendlich und frei. Weil vorher und später nicht zählt und alles im Jetzt beginnt. Weil sich die Welt um uns dreht, weil es Lichtgeschwindigkeit ist, ein Sturzflug ins Leben, spürst du das?
  Halte das Tempo, verdichte den Raum. Finde den Sound der Welt.
  Teilchen im Äther und Worte im All.
  Schreien gegen den Wind.
  Tanzen am Turm, Verschwenden der Lust.
  Lieben, bis das Herz ausblutet.
  Und küssen und küssen.
  Abgedreht.
  Chill out.

Und in der Unendlichkeit des Raumes unsere Frequenz im Wellenmeer. Das ganze Universum und Radio Gaga on air.
 

  1

Zeit ist relativ. Ein Jahr wie ein Tag. Schneller als das Licht müsste man sein, die Zeit verlangsamen, die guten Tage ausdehnen, die schlechten eindampfen auf Mikrosekunden und löschen! Vielleicht war das letzte Jahr das beste meines Lebens gewesen? Das war’s Rocco. Mir wurde klar, dass ich nie an ein DANACH gedacht hatte. Ich versuchte, mich an vorher zu erinnern. An meinen Umzug. Aus dem noblen München in das launische Berlin. An die Schule, an der ich von Anfang an gedisst worden war. An meinen Bruder Giove und seine Drogengeschichten. An Ramona, für die ich, als ich in sie verliebt war, alles getan hätte. Sie ist die absolut coolste Frau des Universums. Mal abgesehen von Mika.
  Mika. Man weiß nichts von sich. Weder, warum man hier ist, noch, wer zu einem gehört. Doch wenn man es ahnt, wenn man es spürt, dann will man nichts anderes mehr, als mit diesem Menschen zusammen zu sein. Warum auch immer.
  Gefühle sind eine verdammt heikle Angelegenheit. In dieser Hinsicht hat mein zweites Jahr in Berlin das erste übertroffen. An Gefühl und Härte. Aber Zeit ist relativ.

»Rocco? Ich bin froh, dass du wieder hier bist!« Meine Mutter sah mich erleichtert an. Ich glaube, manchmal war ihre eigene Toleranz ihr unheimlich. Sie erlaubte gerne verrückte Sachen und war dann ganz erstaunt, dass sie sich Sorgen machte wie jede andere Mutter. Mein Vater machte vermutlich auch drei Kreuze, dass mein Ausflug in die Illegalität endlich beendet war. Piratensender, unerlaubte Besetzung eines Wachturms und das als Sohn eines Anwalts. Und nun wieder hier. War ich das? Es fühlte sich nicht so an. Ich lag irgendwo angeschmiegt an Mikas Hals, gehalten von ihrem Schlüsselbein und ihrem Duft nach Pfefferminz und Liebe.

Giove und Ramona stürmten ins Wohnzimmer. »Kommst du mit Pizza essen?« Ramona lächelte. »War Berts Vorschlag. Er möchte die ganze Geschichte hören. Und wir auch.«
  Ich kannte die Pizzeria. Hier hatte Ramona damals mit ihren Eltern gesessen. Unerreichbar. Und nun ging sie ganz entspannt neben mir. Nun, sie hielt Gioves Hand. Gut so, klar. Auch nicht schlecht, wenn eine so tolle Frau mit dem großen Bruder zusammen ist. Doch seltsam, die Erinnerung war plötzlich so nah, denn wenn ich Ramona hier nicht gesehen hätte, wäre ich nie zu dem Wachturm gegangen, hätte nie den Piratensender entdeckt. Ich würde alle die Menschen, die sich um den Tisch in der Pizzeria drängten, gar nicht kennen – hätte Mika nie kennen gelernt. Mika, die sich übermütig neben mich drängte.
  »Rocco? Träumst du?«
  »Klar!« Ich lächelte.
  Mika zog die Nase kraus und sah mir prüfend in die Augen. »Woran hast du gedacht? An unseren Turm? Dass die Bullen gerade unsere Radiostation auseinandernehmen?« Daran hatte ich nicht gedacht. War auch nicht gerade eine schöne Vorstellung. Ich schüttelte unwillig den Kopf.
  »Keine Sorge.« Giove lehnte sich zu uns herüber. »Haben wir alles in Sicherheit gebracht.«
  »Echt, alles?« Mika sah ihn begeistert an. Giove nickte. Er und Ramona waren bei der Räumung nicht im Turm gewesen, sondern hatten an der Zufahrtsstraße Wache gehalten. »Sie haben uns eine Stunde gegeben, die persönlichen Sachen aus dem Turm zu holen. JetztDas stapelt sich alles bei Ramona in der Wohnung.«
  »Geil! Meine CDs, alle gerettet?!«, rief Mika ungläubig. Giove nickte lässig. Mika drehte sich mit strahlenden Augen zu mir um. »Weißt du, da waren Aufnahmen dabei, die kriegst du nirgendwo zu kaufen, all´ die Bands, die mir ihre Musik geschickt haben ...«
  »Ich weiß.« Wenn Mika von Musikern sprach, dann fühlte ich mich immer ein wenig ausgeschlossen. Ich habe mit dir geschlafen, dachte ich eifersüchtig. Ich bin verliebt, geil, alles zusammen und halte es nicht mehr aus, deinen Mund nicht zu küssen.
  »Hallo Rocco, ich dachte du wärst schüchtern!«, rief John über den Tisch. »Der Kellner möchte gerne wissen, ob du außer Mikas Zunge heute noch etwas zu dir nehmen möchtest!« Alle lachten. Nein, ehrlich, das wollte ich nicht. Diese kleine feuchte Zunge reichte mir völlig. Danke der Nachfrage, John!

John hatte mir eine Pizza bestellt. Er zwinkerte mir über den Tisch zu. Und sah erleichtert aus. Plötzlich wurde mir klar, dass ihn die Verantwortung für die Räumung belastet hatte. Er und Anna waren fünf Jahre älter als Mika und ich. Klar, ich hatte mich auf ihn verlassen. Was wäre passiert, wenn Dazu noch die ganzen Leute, die zum Schluss um den Turm ihr Lager aufgeschlagen hatten, . Was wäre passiert, wenn sie das Räumungskommando der Polizei angegriffen hätten? Wenn jemand verletzt worden wäre? Ich hatte mir bis eben keine Gedanken darum gemacht.
  »Dein Essen wird kalt!« Mika hatte schon die Hälfte ihrer Pizza gegessen und sah mich merkwürdig an. Ich hatte wieder Lust, sie zu küssen. Überall. »Keinen Appetit?«
  Ich sah Mika in die Augen. »Doch! Sehr großen Appetit.«
  Sie lächelte. »Ich auch!«
  Alles war gut. Selbst die schnulzige Italo-Pizzeriamusik und der Schmatz-Pizzeriaputz passten.
  Pling, pling! Bert schlug mit einer Gabel an sein Glas. »Hallo, wann wollt ihr mir erzählen, was los war?« Er saß am anderen Ende des Tisches, zwischen Ramona und Anna und sah immer noch etwas angeschlagen aus. Wir waren Freunde. Als wir uns im Turm verschanzt und auf die Räumung gewartet hatten, waren wir wegen Mika zu Rivalen geworden. Ob er sauer auf mich war? Ich sah ihn an. Er war Ramona, seiner Schwester, verdammt ähnlich. Er hatte es weggesteckt, sonst säße er nicht mit mir und Mika, mit uns allen hier.
»Sechs Leute und keiner kann sich erinnern?«
  Giove zuckte mit den Achseln. »Also, ich habe mit Ramona stundenlang in einem verdammt kalten Auto gesessen und Ausschau gehalten. Da gibt es wirklich nicht viel zu erzählen. Als mehrere Einsatzwagen Richtung Turm gefahren sind, haben wir vergeblich versucht, Rocco zu erreichen ...« Er machte eine Kunstpause, in der ich prompt rot anlief.
  »Ich bin nicht so schnell aus dem Schlafsack gekommen!«
  Giove grinste Mika an. »Schon klar! – Na, jedenfalls habe ich dann John angerufen und Bescheid gesagt. Als wir zum Turm kamen, waren die Bullen gerade dabei, die Stahltür zu knacken.«
  »Und die Leute am Turm?« Bert schob seinen Teller mit Pizzaresten in die Tischmitte und lehnte sich vor.
  »Die haben herumgejohlt, gepfiffen. Bis John einen Lautsprecher mit der Radio- Gaga- Hymne auf Replay in eines der Turmfenster gestellt hat. Die Bullen waren vielleicht sauer!«
  »Ich fand den Einsatzleiter richtig nett,«, widersprach John. »Der hat nicht mal rumgebrüllt.«
  Anna sah Bert an. »Ich hatte echt Schiss, dass sie uns die Arme auf den Rücken drehen und all den Scheiß machen, den man immer so in Krimis sieht. Aber als wir die Leiter von oben herunterkamen, haben sie uns nur an den Oberarmen gepackt und abgeführt.«
  »Nur?« Mika rollte ihr T-Sshirt hoch und zeigte einen beeindruckenden Blutergussß an ihrem linken Oberarm. Ich streichelte ihren Arm und zog sie an mich. Bert sah schnell zur Seite.
  »Und wann machen wir weiter?«, fragte John. Er und Anna warfen sich einen Blick zu, als hätten sie seit Wochen einen Plan After-Radio-Gaga-Plan in der Schublade.
  Ich hatte wirklich nie weiter als bis zur Räumung gedacht. Bis zur Räumung und bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich Mika küssen und lieben wollte. Ich würde eben wieder das machen, was ich vorher gemacht hatte. Doch je genauer ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass das gar nicht so einfach war. Was in diesen Monaten bei Radio Gaga passiert war, in dieser verrückten, intensiven Zeit, die Gespräche mit Anna über Liebe und Familie, die Sendungen mit Bert und Mika, die Musik, der Blick vom Turm, das alles hatte mich verändert. Die Eindrücke, Gedanken, Gefühle hatten mich durchdrungen und jedes Molekül meines Körpers verwandelt. Ich konnte und wollte nicht mehr zurück in die alte Zeit und mein altes Leben. Instinktiv griff ich nach Mikas Hand. Mika war da, real, auch nach unserer Räumung. Jedenfalls war sie es in diesem Moment, als ich von den kommenden Entwicklungen noch nichts ahnte.

Als ich aus meinen Gedanken auftauchte, hörte ich die anderen intensiv diskutieren. Bert erzählte, was sich während der Räumung in unserem Gesprächsforum getan hatte. Wir hatten unsere alte Radiofrequenz verloren und unseren Senderaum, den Wachturm. Aber wir hatten noch Was wir noch hatten, war immer unsere technische Ausrüstung und die Energie weiter zu machen. Wir mussten ein neues Quartier suchen, eine Frequenz belegen. Oder die Sache aufgeben. Ruhe in Frieden.
  Für John war es klar, dass es weitergehen musste. »Der Kampf«, wie er es nannte, weshalb Bert »der Spaß« sagte und sich von John einen finsteren Blick einfing. Seit John sich mit ein paar durchgeknallten Faschos angelegt hatte, von denen er fast totgeschlagen worden war, hatte sich seine politische Haltung radikalisiert. Die Faschos hatten uns verprügelt, niemand hatte das verhindert und dann hatte man uns die Radiostation weggenommen, obwohl wir weder zum Konsum von Drogen noch zu Gewalt aufgerufen hatten. John war sauer. Sehr sauer.
  Ramona erwähnte ständig, dass sie in der nächsten Zeit eine Reihe wichtiger Prüfungen habe und sich nicht viel einbringen könne. Aber Anna war voller Energie. Mir fiel auf, dass Mika nicht wirklich an dem Gespräch teilnahm, sondern nur nachdenklich mit ihrer Gabel Muster in ihre Papierserviette kratzte.
  »Alles klar?«
  »Wollen wir gehen?«
  »Gerne.« Ich kramte in meiner Jeans nach Geld. Mika hatte schon einen 20-Euro-ScheinZwanzigeuroschein20 Euro-Schein in der Hand und schob ihn zu John entgegen.
  »Geht ihr?«
  Mika nickte und stand auf. Ich erhob mich ebenfalls. Dabei sah ich in die Runde und suchte Berts Blick. Bevor ich etwas sagen konnte, rief er: »Rocco, mach’´s gut!« Ich lachte erleichtert zurück. Giove berührte mich am Arm.
  »Wo geht ihr hin?« Ich sah ihn an, hatte keine Ahnung. Zu mir, also meinen Eltern, zu ihr, also ihrem Vater?
  »Wir gehen zu mir«, sagte Mika. Giove nickte. Es war erstaunlich, wie schnell er sich in den letzten Monaten erholt hatte. Ich sah ihn immer noch vor mir, auf Entzug, psychotisch, krank, und so verrückt, dass ich innerlich schon Abschied von ihm genommen hatte. Jetzt trank er noch nicht einmal mehr Alkohol zum Essen. Einerseits wirkte alles an ihm noch flackernd und schwach, andererseits war er schon wieder der große Überbruder.

Draußen war es dunkel. Keine Sterne, ein fahler Halbmond. Mika sah mich wieder mit einem seltsam verlegenen Blick an.
  »Hast du Lust, mit zu mir zu kommengehen?«
  »Klar!«
  »Vielleicht willst du allein sein?« Sie schaute in den Himmel und dann wieder zu mir. Was sollten ihre Fragen? War sie gar nicht verliebt? Sollte ich besser gehen? Mein Gehirn arbeitete langsam und unwillig. Mika trat auf mich zu und nahm mich in den Arm.
»Entschuldige! Ich hatte eben in der Pizzeria den Eindruck, ich überrumple dich. Dass es dir vielleicht nicht recht ist.«
  »Was?«
  »Na, zu mir ...«, sie zögerte, »... und zu meinem Vater zu gehen.« Sie blies mir leicht ins Ohr und küsste mich.
  Ihr Atem an meinem Ohr und ihr Geruch. Über uns baumelten lässig die bunten Glühbirnen einer Gartenlichterkette. Amüsiert euch, schienen sie zu sagen. Hier rumzuhängen ist auch nicht besser.
  Am Straßenrand parkten drei Taxen. Einer der Taxifahrer lehnte rauchend an einer Einsatzsäule. Mika steuerte direkt auf ihn zu. Erst als sie sich vor ihm aufbaute, rührte sich der Taxifahrer sich überrascht. Mika zog mich hinter sich her, öffnete die hintere Wagentür des Taxis und nannte dem Fahrer ihre Straße. Sie kuschelte sich an mich und legte ihren Kopf an meine Schulter. Ich sah aus dem Fenster. Obwohl ich schon ein dreiviertel Jahr in Berlin war, überraschte mich immer noch, wie viele Bäume es überall gab. Praktisch an jeder Straße, meist auf beiden Seiten und bei Straßen mit geteilter Fahrbahn oder sogar auf dem Mittelstreifen von breiteren Straßen. Mir fiel auf, dass ich noch nie einen Winter in Berlin erlebt hatte. Würde es schneller kalt werden Hier wurde es schneller kalt als in München?.
  »Wir sind da.« Mika beugte sich nach vorne und bezahlte den Fahrer großzügig. Das Haus, in dem sie und ihr Vater wohnten, war ein Zweifamilienhaus aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit schlichter Fassade und großen Fenstern. Es war bis auf ein Licht im Untergeschossß dunkel, wirkte aber einladend und entspannt. Ich hatte keine Ahnung, wie Mikas Vater dazu stand, dass sie mich mit nach Hause brachte.
  »Arbeitet dein Vater noch?«
  »Glaube nicht.« Sie zögerte. »Er möchte dich kennen lernen.« Sie schloss die Tür auf und schaltete das Flurlicht an. Geräusche. Schubladen wurden aufgezogen, Geschirr zusammengestellt. Ihr Vater stand in einem groben Wollpullover und Jeans in der Küche und räumte die Geschirrspülmaschine aus. Er war groß und kräftig, ganz anders als Mika. Obwohl der äußere Eindruck täuschte. Ich dachte an unsere Liebesnacht, an ihren starken und muskulösen Körper.
  »Hallo, ich bin Ben!« Er kam auf mich zu und reichte mir seine große, schwielige Hand. Sein Händedruck war kräftig und entschlossen. Ich gab mir Mühe, ihn angemessen zu erwidern.
  «Rocco! Hallo.«
  Er lächelte knapp und Mika entspannte sich. »Wollt ihr was trinken?« Ben riss den Kühlschrank auf und sah hinein, als ob der Inhalt ihm völlig unbekannt war, was vermutlich auch stimmte., denn Mika hatte mir erzählt, dass eine Haushälterin für sie und ihren Vater einkaufte.
»Cola, Fanta, Wein, Bier, Wasser?«
  »Danke. Wir waren gerade essen.«
  «Espresso?«
  »Ja, gerne.«
  Mika sah mich überrascht an. Sie wusste, dass ich praktisch nie Kaffee trank. Ich wollte nur höflich sein.
  »Für dmich einen Tee, Mika?.«
  Mika und ihr Vater wohnten allein in dem großen Haus. Mikas Mutter war früh gestorben. Ihr Vater war Bildhauer, überall standen Sockel mit Skulpturen, an den Wänden sah ich Bücherregale mit Katalogen und Skizzen. Es gab einen Kamin, in dem ein ruhiges Feuer brannte. Mika ließ sich auf ein riesiges Sofa fallen und zog mich neben sich. Sie war nervös und hüpfte im Sitzen auf und ab wie eine Siebenjährige. Ich sah mich in dem großen Raum um. Es war nicht gerade aufgeräumt, vor einem Regal stand sogar eine geöffnete Transportkiste. Mika legte Unterlagen und Flugtickets auf dem Tisch zusammen.
  »Verreist ihr?«
  Gerade als Mika mir antworten wollte, betrat ihr Vater mit einem Tablett das Zimmer. Er füllte den Raum sofort mit einer Energie, die mich an einen in starkem Wind stehenden Baum erinnerte. Beschützend, aber auch dominant. Er setzte sich uns gegenüber auf ein weiteres Sofa und nahm zwei Espressotassen von dem Tablett, die in seinen Händen wie winziges Puppengeschirr wirkten. Mika nahm sich eine große getöpferte Teetasse vom Tablett und ließ den Teebeutel auf und abtauchen, als gäbe es nichts Iinteressanteres auf der Welt. Ben räusperte sich.
  »Hast du es ihm schon gesagt?«
  Was gesagt? Mika lächelt mich verlegen von der Seite an, dann fiel ihr Gesicht zusammen und sie sah schnell wieder in die Teetasse. Was ging hier vor? Ich hielt mich an meiner Tasse fest. Der Espresso war ein schwarzes Wurmloch, in das ich eintauchen und verschwinden wollte.
  »Wir fahren nach New York.«
  Daher die Flugtickets. Ich erwiderte Mikas Blick äußerlich gelassen, innerlich aber total aufgewühlt.
»Und?«
  »Das wollte ich dir nur sagen.« Mika hatte wohl eine heftigere Reaktion von mir erwartet. Nun, eine Reise nach New York, was sollte sein? Die Anspannung fiel von mir ab. Ben räusperte sich wieder.
  »Ich habe dort einen größeren Auftrag zu erledigen.
„Für ein Jahr. Mika wird mich begleiten.«

Wir saßen in Mikas Zimmer auf ihrer Matratze, die am Boden lag, mit den Rücken an der Wand. Auch in ihrem Raum stand eine Transportkiste. Ich war ja echt ein Glückspilz. Kaum hatte ich mich zum ersten Mal richtig glücklich verliebt, passierte so was. Das war es dann wohl, was man später die Widerstände nennt, den ganzen Scheiß, der einem dann am Ende des Lebens noch als wertvoll verkauft wird. Die Krisen, die Abschiede, die Verluste. Ich versuchte, mich neu zu sortieren, aber in Mikas Nähe war das völlig unmöglich. Ihr Geruch, ihre Wärme, alles war hier.
  »Ich wollte es dir schon langeeher sagen, ... aber es hätte irgendwie blöde geklungen. Oder?« Sie sah mich verzweifelt an. Es klang blöde und zwar zu jedem Zeitpunkt. Absolut unpassend.
»Es war schon ganz lange geplant und mein Vater hat die Abreise wegen der Räumung extra um einen Monat verschoben.«
  »Musst du denn mit?«
   Mika sah mich an, ihre Lippen bebten und dann – weinte sie. Erst liefen ihr nur Tränen über die Wangen, dannschließlich fing sie an zu schluchzendann schluchzte sie. Es war, als hätte ich an den wundesten Punkt überhaupt gerührt. Vorsichtig legte ich den Arm um sie, zog sie an mich. In meinen Armen fing Mika erst recht an zu weinen. Ihr Kopf lag auf meinem Schoß und ihr ganzer Körper bebte. Ich küsste sie sanft in den Nacken.
  Was war schon ein Jahr? Nun ja. Wo hatte ich mich vor einem Jahr befunden? Weit weg. Ein Jahr, in dem ich mich dreimal verliebt und zweimal entliebt hatte. Ein Jahr war viel, verdammt viel. Wir waren lächerliche vierundzwanzig24 Stunden richtig zusammen, ein Jahr hatte zwölf12 Monate und scheißnochmal wie viele verdammte Stunden, in denen ich mich entweder nach Mika sehnen musste oder leben. Und ich wollte leben!
  Mika richtete sich auf. »Guck nicht so grimmig!«
  Ich gab mir einen Ruck. »Wann fliegtfahrt ihr?«
  »In zwei Wochen.«
  »Dreihundertsechsunddreißig336 Stunden. Na, das ist doch was!?« Es klang bitter. Vergiss die Zeit, dachte ich angestrengt, vielleicht überlegt sie es sich anders, ich kann sie davon überzeugen, zu bleiben, bleib´ optimistisch. Ich lächelte vorsichtig und sah Mika an. Sie rückte etwas von mir ab und schnappte sich ein Kissen, das sie sich vor den Bauch presste.
  »Du verstehst das nicht. Ich habe doch nur ihn.« Und nachdem ich sie vorwurfsvoll ansah, fügte sie hinzu. »Und er hat nur mich. Ich gehe auf eine deutsch-amerikanische Schule. Ich lerne Englisch. Ich kann dort ein Praktikum machen bei einem sehr guten Fotografen und Künstler machen. Wir werden bei ihm wohnen, und New York ...«, Ssie brach ab.
  »Ach, so, verstehe, du willst also da hin«, sagte ich kühl.
  »Was würdest du wollen? Ich meine, Rocco, New York!« Sie sah mich für einen Moment begeistert an, dann zog sie sich schnell wieder zurück. »Und ich wusste doch gar nicht, ob aus uns etwas wird. Du hast doch immer nur hinter Ramona hergehechelt!«
  »Hergehechelt?« Ich musste lachen.
  »Und wie!«
  Mika stand auf und legte eine CD ein. The Doors. Die traurigste Musik des Universums. Ich hätte lieber Eminem gehört. Irgend etwas Hartes über Frauen, was für Schlampen sie sind und dass man ihnen einfach nicht vertrauen kann. Aber genau genommen sang Eminem auch nur über eine Schlampe: sSeine Ehefrau und große Liebe. Die Musik mahlte in meinen Knochen. Ich legte mich zurück und sah an die Decke. Spinnweben. Was für eine trostlose Welt. Ich wollte einschlafen, mich wegstehlenschliefafe ein, staehle mich davon, aus Raum und Zeit. Richtung Zimmerdecke, wo etwas klebtee. Ich richtete mich auf, um es genauer zu betrachten. Es war – ein Teebeutel! An der Decke eingetrocknet. Der Beutelfaden samt Papierschildchen hing herunter und schaukelte sanft hin und her.
  »Was ...?«, fragte ich irritiert, doch Mika warf mich um und hielt mir die Augen zu. »Ich war sauer. Auf dich und Ramona!«
   Ich schobzog fassungslos ihre Hand weg.
  »Und dann wirfst du Teebeutel an die Decke?«
  »Oder Becher in die Ecke. Der Teebeutel ist einfach nicht mehr runtergekommen.«
  »Da kann man nachhelfen ...« Ich griff nach einem kleinen Kissen auf ihrem Bett, aber Mika riss es mir aus der Hand und sprang auf. »Okay,«, sagte ich drohend, schnappte mir ein weiteres Kissen und zielte damit auf Mika. Sie grinste breit und flüchtete hinter die Transportkiste. Ich warf trotzdem und das Kissen traf sie weich am Kopf.
   »Rache!« Mika sprang auf, holte aus und warf ihr Kissen nach mir. Ich fing es lässig und hielt es triumphierend in der Hand. Wir Männer!
  »Hände hoch!«
  Sie gehorchte, riss die Hände über den Kopf und ihr Bauchnabel kam zum Vorschein. Während ich mich langsam näherte, warf ich das Kissen achtlos beiseite, umarmte Mika und, trug sie Richtung Matratze.
  »Du warst so eifersüchtig, dass du Teebeutel an die Decke geworfen hast?« Ich legte Mika sanft ab und küsste sie auf ihre Augen, die Stirn, den Mund. Sie lachte leise. Und ich vergaß die Zukunft.
  Bis es auf der Treppe polterte. Ich erstarrte, aber Mika küsste weiter, als wäre nichts. Unruhig drehte ich denmeinen Kopf zur Tür. Sie zog mich herunter. »Er kommt nie rein.« Einerseits beruhigten mich ihre Worte, andererseits klang es, als wäre Mika hier ständig mit irgendwelchen Jungs beschäftigt.
  »Mika?«, Ben stand in der Tür und sah uns ungeniert an. »Weißt du, wo mein Reisepass ist?«
  Mika riss erstaunt die Augen auf und kämpfte sich unter mir hervor. »Keine Ahnung!«
  »Na, dann ...«, Ben zögerte. »Übernachtet Rocco hier? Ihr müsst morgen früh raus«, sagte er, sah dann ein, dass es uns nicht interessierte und zog etwas zu laut die Tür zu. Mika setzte sich abrupt auf und starrte mich mit halb offenem Mund an.
  »Das hat er noch nie gemacht!« Sie flüsterte, als stünde Ben noch hinter der Tür.
  »Eifersucht ist ja echt ein Thema in eurer Familie!«
  Sie grinste ertappt, legte sich auf die Seite und stützte denihren Kopf in ihre Hand. Ich sah ihre Brüste. Weiche, zarte Pfirsiche. Eine kleine Flamme züngelte durch meinen Körper. Ich schob meine Hand unter ihr T-Sshirt, drückteschob mich an ihre warmen Schenkel. Sie spürte meine Erregung. Doch sie nahm sich alle Zeit der Welt, meinen Körper zu erkunden. Und ich genoss den Schmerz, zu warten und dachte in verworrenen Schlaufen, dass ich warten konnte. Minuten, Tage, Monate, Jahre.

Irgendwann in der Nacht wachte ich auf. Ich war von der Matratze gerutscht und hatte die Decke verloren, unter der wir geschlafen hatten. Ich bin eher ein ruhiger Schläfer, aber Mika lag quer über der Matratze, die Decke halb unter, halb über ihr. Ich war nackt, es war kalt. Ich zog mir ein Sweat-shirt und meine Boxershorts über und stapfte zum Fenster. Mikas Zimmer lag nach vorne heraus und ich sah auf die Skulptur im Garten. Wie konnte sie ausgerechnet jetzt weggehen? Ich sah zum Bett zurück, wo Mika vertrauensvoll ausgebreitet lag. Für unsere Zukunft sah ich zwei Möglichkeiten: Ich würde sie überreden, hier zu bleiben und wir könnten zusammen sein. Oder sie würde gehen und alles wäre über kurz oder lang aus. Es fühlte sich unerträglich an. Beides.
  Seufzend lehnte ich mich an das Fenster und sah mich in ihrem Zimmer um. Ihr Schreibtisch war unaufgeräumt., Schulbücher türmten sich auf der einen Seite und mitten auf dem Schreibtisch lag ein Stapel FPhotos. Ich trat neugierig näher. Ich hatte nicht das Gefühl, in ihren Privatdingen zu schnüffeln, es war eher so, als ob ich einen FPhotoband von ihr zur Hand genommen hätte, denn alle Bilder waren großformatige Sschwarz-weißa-ufnahmenPhotos. Ich nahm den Stapel in die Hand und sah mir das erste Bild an. Es zeigte den Ausblick vom Radio-Gaga-Turm, die öde Weite des Grenzstreifens und den Waldrand. Es sah seltsam surreal aus, wie eine Marslandschaft. Es folgten weitere Bilder vom Grenzstreifen, von leeren Wiesen in Parks, von verlassenen Straßen bei Nacht, FPhotos von Berlin, aber aus Ecken, die ich nicht kannte und auch nie so sehen könnte. Verlassen, einsam, weit. Wenn das ihr Lebensgefühl ist, dachte ich fröstelnd, dann kenne ich sie nicht. Ich ging den Stapel schnell weiter durch und stoppte, als Bilder von Menschen folgten. Ihr Vater, der in seinem Atelier an einer großen Skulptur arbeitete. Mehrere Bilder von Anna und von Leuten, die ich nicht kannte. Ich begann wieder schneller zu blättern, doch dann. Was war das? Ein Bild von Bert. Ein Portrait. Berts Haare waren kürzer, die Aufnahme war vielleicht ein Jahr alt und er lachte, glücklich und offen. Geschockt suchte ich nach weiteren Bildern, von Bert oder auch John, weil diesess einzelne FotoBild mich beunruhigte. Aber nichts. Ich sah es mir noch einmal an. Bert sah – verliebt aus. Gut, ich wusste ja, dass er in Mika verliebt war, aber es sah aus, als wäre er sich in diesem Moment, als Mika fotografierteden Auslöser betätigteas Photo mache, sicher, dass auch sie in ihn verliebt war.
  Verlegen legte ich die BilderPhotos auf den Schreibtisch zurück. Mit weichen Knien tappte ich zurück zur Matratze und setzte ließ mich so darauf hinnieder, dass ich Mikaegte mich so neben Mika, dass ich sie möglichst nicht berührte. Ich starrte zur Decke. Der Teebeutel warf einen langen Schatten und ich hatte nicht übel Lust, einen zweiten daneben zu werfen.

Irgendwann schlief ich ein, angezogen, weil mir immer kälter wurde und ich steif war wie eine ägyptische Mumie. Als ich aufwachte, kam Mika mit einem Badetuch um die Hüften gerade aus der Dusche. Es war verdammt früh und ich dachte mit Schrecken daran, dass ich noch zu mir musste, um meine Schulsachen zu holen. Mika sah mich verlegen an. Ihre Haut glänzte. »Wolltest du gehen?« Mir fiel ein, dass ich angezogen war.
  »Nein«, nuschelte ich zerschlagen., »Mmir war kalt.«
  »Oh, sorry.« Sie zog sich ein T-Sshirt über und stieg in ihre Jeans. »Mein Vater hat angeboten, uns zu fahren. Er fährt bei dir vorbei.«
  Als wir schweigend aufbrachenlosfuhren, nahm Mika meine Hand. Ich hätte sie gerne geküsst. Ben hielt vor unserer Tür. Als ich aussteigen wollte, hielt Mika mich kurz fest.
  »Am Samstag geben ein paar Mädels von meiner Schule eine Abschiedsparty für mich. Hast du Lust zu kommen?« Ich spürte fast körperlich, wie sie die Luft anhielt. Klar wollte ich. Ich wollte Mika sehen, mit ihr tanzen, alles.
  »Ja, doch.«
  »Schön, dann sehen wir uns Samstag?«
  Samstag?, schrie es in mir.? Fast eine Woche warten, wenn sie in zwei Wochen fuhr? Was dachte sie sich? Ich war schon jetzt völlig ausgehungert. Aber ich hielt den Mund. Verdammt, ich merkte es genau. Wir spielten eines diesers dämlichen Beziehungsspielchen miteinander. Wenn ich dir nicht fehle, fehlst du mir auch nicht. Und im gleichen Moment begann ich es auch schon zu glauben. Mein ganzes Immunsystem arbeitete daran. Mika? Nie gehört ...

Nach dem Unterricht gingfuhr ich langsam nach Hause. Sonst war ich immer zum Turm gefahren, keine Frage. Ich hatte mit Bert Schach gespielt, meine Sendung gemacht, mit Mika geflirtet. Wir waren im See geschwommen, hatten uns Pizza geholt, gekifft, Wein getrunken und die Vegetation der Umgebung in Grund und Boden gepinkelt. Was nun? Hausaufgaben machen, Essen am Tisch, Gespräche über Schule, Noten und zuhören, wenn mein Vater von einem seiner Prozesse oder meine Mutter von ihren Klienten erzählte? Etwa einen ganz normalen Tag leben?
  Ich betratschob mein Fahrrad auf das Grundstück. Meine Mutter arbeitete daran, ihre Praxis für Mediation auszubauen. Wie gut war das eigentlich für die Energie dieses Hauses, wenn alle möglichen Leute hier ankamen und sich in unserem Haus die Seele aus dem Leib kotzten?
  »Hallo, ich bin da!«, rief ich vage im Flur. Keine Antwort. Ich schaute in die Küche. Leer. Dann ging ich ins WohnEsszimmer. Dort saßen meine Eltern. Stumm. Ihnen gegenüber stand Giove mit hochgezogenen Schultern. Ich kannte diese Haltung. Sie hatten gestritten oder debattiert. Keine mediatorische Sitzung. Eher old school.
  »Hi, wie geht’´s?, Iich bin wieder da.« War unübersehbar, aber man weiß ja nie. Meine Mutter sah kurz auf, mein Vater verzog dassein Gesicht zu einem müden Grinsen. Giove drehte sich zu mir um, sein Blick war finster. Meine Mutter, die durch ihre Ausbildung bei Konflikten eine geradezu stoische Gelassenheit entwickelt hatte, ließ sich nicht provozieren. »Giove zieht aus«, sagte sie ruhig.
  Mein Vater räusperte sich. »Giove möchte ausziehen.«

Ich folgte Giove bis in sein Zimmer.
»Du willst hier wegausziehen?«
  Er sah mich nicht an. »Klar. Du nicht?!«
  Ich hatte noch nie darüber nachgedacht.
»Zu Ramona?«.
  »Quatsch.« Ungehalten lief er auf und ab. »Ein Kumpel aus der Band geht für ein Jahr auf Tournee. Ich kann in seine Wohnung. Es ist alles geklärt.« Ich fühlte mich wie betäubt. Erst fuhr Mika weg, dann zog Giove aus. Mein Leben bewegte sich gerade von einer leichten Schräglage in eine gefährliche Krängung.


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Presse / Rezensionen

»Ein Roman über das Jungsein, der wie ein guter Song mitten ins Herz trifft.« (bücher)


„Ich finde es sehr spannend aus Sicht eines Jungens zu lesen und stell mir genau SO die Gedankenwelt vor: Sexuell, verwirrend und loyal.
Jetzt kann ich es kaum erwarten das endlich Radio Gaga Everywhere erscheint. Aber ich tröste mich nun erst mal mit den anderen Büchern von Katrin Bongard *g* Ich muß zugeben, mir gefällt ihr Scheibstil und es hat noch kein Autor geschafft das ich restlos ALLE Bücher besitze xD. Und ich hoffe sie wird auch noch weiter su tolle Jugendbücher schreiben. (Neujahrsgirl 2013 Lovelybooks)


„So treffsicher gibt die Autorin Milieu, Bewusstsein und Sprache ihrer Helden wieder, dass man sich fortwährend fragt: ‚Woher weiß die das bloß?‘ Der Roman ist vielschichtig wie das Leben selbst, dazu temporeich und voller Witz. Möge es tatsächlich ein Bestseller werden!“ (Doppelpunkt)

 


KATRIN BONGARD

RADIO GAGA EVERYWHERE

Band 3 der Radio Gaga-Trilogie
Radio Gaga Everywhere von Katrin Bongard

Radio Gaga Everywhere

E-Book
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Seiten
ISBN
4,99 €
9,99 €
330
978-3-943799-87-3

*Lebe deine Träume, liebe dein Leben,
ein Roadtrip mit Radio Gaga*

Rocco kämpft um einen Ort für den neuen Radiosender. Zuvor gibt es nur ein paar kleine Hürden zu meistern: Abitur, Bundeswehr und die Feindschaft einer Neonazigruppe, die ihn lebensgefährlich bedroht. Der beste Zeitpunkt für einen Roadtrip finden seine Freunde und nehmen Rocco mit auf eine Reise quer durch Europa.

Radio Gaga Everywhere

 
 Ein Leben

  Okay, das ist das Leben.
  Geboren, gestorben und dann bist du frei.
  Nichts ist sicher, wer weiß Bescheid?
  Suche Sender, finde Empfänger,
  alles ist locker und breit.
  Dreh den Sound lauter,
  Botschaft an Leben!
  Hier kann dich jeder hören.
  Das Universum ist endlos und dunkel und
  weit und
  schreit nach Erkenntnis.
  Ich liege in deiner Hand.
  Ich denke,
  bringe mich
  um den Verstand.
  Okay,
  wir machen den Kopfsprung ins Tiefe,
  lassen uns einfach fallen,
  weder denken noch warten macht Sinn.
  Ich bin.
  Du bist.
  Wir sind alle dabei.
  Genieße die Liebe, tanke viel Wissen, grüße die Sterne
  und dann - schwimm dich frei.

 

  1

Nehmen wir an, die Welt würde jetzt untergehen. Ein Riesenkomet im Anflug auf die Erde und wuuusch! Ein Stromausfall in unserer Galaxie und keine Sicherungen mehr. Erde – ausgeknipst. Oder ein Erdbeben. Vulkanausbruch. Berlin, Pompeji. Völlig unerwartet.
  Oder nur ich würde sterben. Plötzlicher Tod. Supergau im Organismus.
  Oder ein Irrer würde mich ausradieren. Oder ein Profikiller würde mich erschießen. Warum? Verstrickungen meiner Vorfahren mit der Mafia. Blutrache.
  Es war ein wunderschöner Morgen, Licht und Klarheit und Mika lag neben mir. Und mir ging es gut, sehr gut sogar. So gut, dass ich sofort hätte sterben können. Kein Problem.
  Irgendwo habe ich gehört, dass im Augenblick des Todes das eigene Leben in Sekundenschnelle an einem vorbeizieht. Ein Film im Zeitraffer. Ich versuchte, es mir vorzustellen. Meine Kindheit in München, die sich leicht in einer einzigen Szene zusammenfassen lässt: Ich stehe vor dem Zimmer meines großen Bruders Giove, hämmere gegen die Tür und brülle: „Lass mich rein!“ Worauf er zurückbrüllt: „Hör auf zu nerven, Rocco!“
  Schulzeit? Eine Millionen gelernte Dinge, die alle zu Staub zerfallen, wenn ich sterbe. Und sonst? Schule schwänzen und stattdessen snowboarden, der erste Kuss hinter der Turnhalle, die Nachmittage mit Paul auf dem alten Baugelände. So in etwa.
  Mit fünfzehn war es richtig gut. Ich gehörte zu der angesagtesten Clique meines Jahrgangs, eine feste Freundin, ein bester Freund. Aber welcher Film flimmert einfach so fröhlich dahin? Im Leben ist es genauso. Da gibt es dann diese Einschnitte. Wie den Umzug nach Berlin. Und hier erwarte ich in meinem Lebensrückblick zumindest einen dramatischen Tusch. Alles, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte, war auf einmal Vergangenheit. Sogar in der Schulhierarchie war ich wieder ganz unten. Das war echt ein Tiefpunkt meines Lebens.
  Damals hätte ich nicht gedacht, obwohl das ja immer gesagt wird, dass von irgendwoher ein Licht kommen könnte. Oder eine Stimme. Und das ist definitiv eine wichtige Szene in meinem Lebensfilm: Ich hänge vor dem Radio und höre diese dreckige Stimme, ein unverschämtes Lachen. Das war John, das war Radio Gaga! Aber wenn alle Szenen des Lebens an einem vorbeiziehen, und das ist vermutlich das Härteste am Sterben, dann auch die peinlichsten Momente. Mein erster Auftritt bei Radio Gaga gehört dazu. Ich war unglaublich beeindruckt von diesen Freaks, die in einem ehemaligen Wachturm ihre Radiosendung produzierten. John und Anna waren viel älter und absolut souverän. Mika und Bert waren zwar in meinem Alter, ignorierten mich aber komplett. Und dann Ramona, die ältere Schwester von Bert, die eine ganze Galerie von unvergesslichen Momenten in meinem Leben füllen könnte, wovon die meisten peinlich waren. Ich war in sie verliebt und es war einfach schrecklich, da sie sich überhaupt nicht für mich interessierte! Na ja. Dafür nimmt sie jetzt einen herausragenden Platz im Leben meines Bruders ein. Die beiden sind zusammen und Ramona erwartet ein Kind von ihm. Nein, ich stehe nicht mehr vor seiner Tür und brülle: „Lass mich rein!“ Das bedeutet vermutlich erwachsen werden. Man verringert die Anzahl von peinlichen Momenten.
  Mika seufzte, tastete nach meiner Hand und zog sie zu sich unter die Decke. Eine meiner schönsten Erinnerungen ist die erste Nacht, die ich mit Mika kurz vor der Räumung des Radio-Gaga-Turms verbrachte. Und an dieser Stelle werde ich angesichts meines Todes auf eine lange Zeitlupe bestehen, selbst wenn das kitschig ist.
  Als Mika dann für ein Jahr mit ihrem Vater nach New York ging, war das eine Katastrophe, auch wenn ich mir das nicht unbedingt eingestehen wollte. Nichts ist sicher und für ewig. Kein Radiosender und auch keine Beziehung. Deshalb musste ich nach New York fliegen. Obwohl ich diesen Flug nicht noch einmal erleben möchte. Ich habe Flugangst, was mir erst hoch über den Wolken klar wurde, während Ruben, mein damaliger Erzrivale und der beste Freund von Mika, seelenruhig neben mir saß und mir die Hand hielt.
  Aber es war gut, Mika zu besuchen, und als ich zurückkam, hatte ich diese grandiose Idee: podcasten. Radio im Internet. Und selbst wenn bei meinem Tod die technische Entwicklung weit fortgeschritten sein wird, werde ich noch stolz auf diese Eingebung sein, denn es war die Wiedergeburt von Radio Gaga. Während Mika in New York war, bauten wir Radio Gaga mit Podcasten wieder auf und unsere Podcast-Nacht war der Höhepunkt. Was mir zu diesem Zeitpunkt meines Lebens noch gefehlt hatte, war eigentlich nur Mikas Rückkehr aus New York. Unfassbar, jetzt war sie hier.
  Ich frage mich, ob es bei einem Film, der angesichts des eigenen Todes gezeigt wird, einen Abspann gibt? Und wer Regie geführt hat?
  „Rocco? Ist was?“
  „Wieso?“
  Mika sah mich hellwach an. „Du grinst die ganze Zeit so vor dich hin...“
  Es ging mir eben wirklich gut. Mika benutzte meinen Brustkorb als Kopfkissen und sah an die Decke. „Hast du dir schon mal überlegt, dass wir in einem Jahr achtzehn sind?!“
  „Ich schon in acht Monaten.“
  „Dann können wir machen, was wir wollen.“
  „Was zum Beispiel?“
  „Na ja, das eigene Leben leben. Irgendwo hingehen, ein Geschäft eröffnen, ein Haus kaufen, eine Firma gründen, ein Auto fahren, heiraten...“
  „Heiraten?“
  „War jetzt nur so ein Beispiel.“ Mika lachte verlegen. „Niemand kann uns dann was vorschreiben oder sich einmischen. Ich find´s irre.“
  Ich wusste, was sie meinte. Es war die Theorie. Das reine Leben. Daran wollten wir glauben. Alles, was dann kam, war nicht immer perfekt, manches richtig chaotisch, und ich glaube, so viele Zweifel hatte ich noch nie. Andererseits sollte man immer bereit sein, zu leben und zu sterben. Darum geht’s. Der Rest - kommt schon hin.

Mika ließ ihren Blick durch mein Zimmer schweifen. Als hätte es sich groß verändert, bloß weil sie ein paar Monate in New York gewesen war. Nun gut, es hatte sich verändert. Zur Zeit sah es so aus, als hätte es jemand ausgeraubt und anschließend eine Bombe hineingeworfen. An der Stelle, wo sonst mein Computer stand, war nur noch ein staubfreier Fleck. Mein PC und mein Drucker befanden sich, genau wie meine CD-Sammlung, in unserer neuen Podcast-Zentrale. Die Sachen brauchten wir für die Podcast-Nacht. Wenn Mika nicht überraschend aus New York zurückgekehrt wäre, hätte auch ich dort übernachtet.
  Als wir gestern Nacht hier ankamen, hatte ich meinen Schlafsack einfach auf den Boden geworfen, der sich nun mit dreckigen Klamotten, diversen Gläsern und halbleeren Colaflaschen den Teppich teilte. Na ja.
  Ich zuckte zusammen, weil Mika ihren Kopf auf einen fetten Bluterguss zwischen meinen Rippen legte.
  „Tut das weh?“
  „Geht schon.“
  „Wieso habt ihr euch denn geprügelt?“
  „Na ja...“
  Ich denke eigentlich, dass Mädchen das nicht verstehen können. Vielleicht gab es einen Grund, aber den kannte Mika. Bert und ich hatten gestern Abend on air unseren Job bei Fast Forward gekündigt. Einen Job bei einem kommerziellen Radiosender, den wir nur angenommen hatten, um weiter moderieren zu können. Aber statt wie geplant zu moderieren, hatten wir den ganzen Abend über Reklame für die Podcast-Nacht von Radio Gaga gemacht. Genial. Es war auch absolut verständlich, dass manche Leute das nicht so positiv aufnahmen. Insbesondere zwei andere Moderatoren von Fast Forward, die wir nach unserer Sendung auf dem Parkplatz trafen. Sie fanden wohl, wir hätten uns über ihren Job lustig gemacht. Der eine von ihnen ging mir schon lange auf die Nerven und Worte reichen manchmal einfach nicht aus, um das zu beschreiben.
  „Ich würde sagen, es stand einfach an“, fasste ich die Sache zusammen.
  „Verstehe...“ Mika lächelte nachsichtig, angelte nach ihrer Tasche, die neben dem Bett stand, und kramte nach frischen Sachen.
  „Kann ich duschen?“
  Ich breitete beide Arme aus. „Mein Reich ist dein Reich!“
  „Seit wann hast du eine Dusche im Zimmer?!“
  „Okay, ich habe ein Friedensabkommen mit dem Nachbarreich geschlossen, ich darf Bad und Küche mitbenutzen.“
  Mika grinste, zog sich ein T-Shirt über und suchte sich einen Weg durch das Chaos. Als sie an meinem Schreibtisch vorbeikam, fiel ihr Blick auf Henry Miller. Sexus. Sie kniff kritisch die Augen zusammen, angelte sich das Buch und fing an, darin herumzublättern. Wenn ich ihren Besuch vorausgeahnt hätte, wäre es längst verschwunden gewesen. Das konnte einfach nicht gut gehen.
  „’Nimm ihn nie wieder heraus', flehte sie. ’Es macht mich verrückt. Fick mich, fick mich!’“ Mika sah mich fragend an.
  „He, warte!“ Ich sprang aus dem Bett. „Da gibt es aber auch ganz andere Stellen!“ Ich nahm ihr das Buch weg und blätterte hektisch darin herum.
  Mika ging zurück zum Bett, legte sich auf die Seite und stützte ihren Kopf in die Hand. „Ich höre!“
  „Warte, ich hab´s gleich.“ Es war mir ein echtes Anliegen.
  Sie lächelte entspannt. „Ich wette, das hat Bert dir geschenkt!“
  Ich sah überrascht auf. Es war eigentlich logisch, dass sie es wusste. Mika war ein halbes Jahr mit Bert zusammen gewesen und kannte bestimmt sein Bücherregal. Bücher interessierten sie fast so sehr wie Musik. Ich fand die Stelle und räusperte mich. „’Kein Mensch brächte ein Wort zu Papier, wenn er den Mut hätte, seiner Überzeugung entsprechend zu leben. Seine Inspiration wird schon an der Quelle abgelenkt. Wenn er das Verlangen hat, eine wahre, schöne und magische Welt zu schaffen, warum legt er dann eine Millionen Worte zwischen sich und die Realität einer solchen Welt?’ Ist es nicht irre, dass ein Schriftsteller so etwas schreibt?! Wir sollen leben, nicht lesen.“
  Mika wog die Worte ab, nickte anerkennend. „Hm, das ist gut.“ Ich klappte erleichtert das Buch zu. Sie ließ sich auf den Rücken fallen, breitete die Arme aus und japste: „Fick mich, fick mich!“
  „Okay, okay! Ist aber trotzdem ein gutes Buch!“
  Mika grinste. „Bert hat dich einfach während meiner Abwesenheit versaut! Ich hab überhaupt ne Menge verpasst. Sind Bert und Chris endlich zusammen?“
  „Wieso endlich?“
  Mika sah mich an, als sei sie nicht sicher, ob ein Geheimnis bei mir gut aufgehoben war. „Na ja... also ganz unter uns. Chris ist schon lange in Bert verliebt. Sehr lange!“
  Das haute mich um. Es war überhaupt die verrückteste Geschichte des letzten Abends gewesen. Chris hatte uns beim Renovieren unserer Podcast-Zentrale geholfen, hatte an der Website von Radio Gaga mitgestaltet und war langsam Teil des Radio-Gaga-Teams geworden. Der einzige, den das gestört hatte, war Bert. Chris sah klasse aus und war eigentlich genau Berts Typ. Trotzdem hatte er sich ständig über sie aufgeregt, und sie war auch nicht gerade nett mit ihm umgegangen. Aber das hatte sich gestern offensichtlich geändert; als wir gingen, knutschten die beiden im Garten.
  „Armer Jens!“, fiel es mir ein.
  „Wieso das denn?“
  „Er ist doch total in Chris verliebt.“
  „Oh, Mann! Da fährt man mal ein paar Monate nach New York und schon dreht sich hier das Beziehungskarussell.“ Mika sah mich kritisch an. „Gibt’s da vielleicht auch ein paar Geschichten, die für mich interessant sein könnten?“ Sie stand auf und kam auf mich zu.
  Ich hielt zwei Finger hoch. „Ich schwöre, ich habe alle Mädchen gut behandelt!“
  Mika stieß mich in meine angeschlagene Seite. „Verdammter Italiener!“

Während Mika duschte, versuchte ich, mein Zimmer aufzuräumen.
  Es klopfte. „Rocco?“
  Meine Mutter. Ich hörte schon an ihrer Stimme, dass sie beunruhigt war.
  „Ja...“
  Sie öffnete die Tür. Ich versuchte, mein Gesicht und meine aufgeschlagene Lippe zu verstecken, was kaum möglich war. „Wolltest du nicht mit den anderen drüben übernachten? Hattet ihr nicht diese Podcast-Nacht? Und...“ Der Blick meiner Mutter wanderte Richtung Bad. Vermutlich fragte sie sich, welches Mädchen ich abgeschleppt hatte.
  „Mika ist gestern aus New York gekommen!“
  „Ach, wie schön!“ Sie war sichtlich erleichtert und ich riskierte, sie anzusehen. Sie erschrak. „Hattest du wieder Ärger mit Fred?“
  Ich prügle mich eher selten, oder besser gesagt: fast nie. Meine einzigen ernsthaften Verletzungen hatte mir bisher Fred, ein Typ aus der Schule, zugefügt.
  „So ähnlich...“
  Meine Mutter nickte irritiert und beschloss, nicht weiter nachzufragen. „Tja, Rocco, wollt ihr mit uns frühstücken?“
  „Ja, okay. Wann fahrt ihr?“ Meine Eltern hatten vor, den Rest der Ferien in unserem Ferienhaus in Italien zu verbringen, aber mein Vater brauchte immer ein paar Tage, um sich loszureißen.
  „Eher morgen.“
  Meine Mutter beobachtete mich kritisch bei meinen halbherzigen Aufräumversuchen. „Du kannst doch in Gioves Zimmer ziehen, das ist größer.“
  „Ja, mal sehen...“
  Sie ging wieder nach unten. Mein Bruder war vor etwa einem Jahr ausgezogen, aber es war mir nie ernsthaft in den Sinn gekommen, in sein Zimmer zu wechseln. Ich wollte es nicht, es wäre dann irgendwie noch endgültiger gewesen, dass ich nun allein mit meinen Eltern lebte. Ich stopfte den Schlafsack und die Liegematte unter das Bett und sammelte die Gläser ein, bis Mika vom Duschen zurückkam.
  „Bisschen Cola?“ Ich schwenkte eine halbleere PET-Flasche.
  „Aus dem letzten Weltkrieg, oder was?“ Sie trug Jeans und ein enges T-Shirt und ihre Haare waren nass. Ihre kleinen Brustwarzen drückten sich durch das T-Shirt. Ich sah sie eine Weile an und trank von der abgestandenen Cola. Mika setzte sich an meinen Schreibtisch, drehte sich entspannt auf meinem Arbeitsstuhl und ließ sich langsam nach oben schrauben. Ihr Blick fiel auf mein Regal. „He, ist das nicht Ramonas Ohrring?“ Mir schoss sofort das Blut in den Kopf. Warum hatte ich ihn nicht längst weggeworfen?! Oder noch besser: Ramona zurückgegeben. Dass mich die Erinnerung an meine vollkommen aussichtslose Verliebtheit immer noch verfolgte! Mika sah mich neugierig an.
  „Hab ich am See gefunden“, sagte ich und senkte theatralisch meine Stimme. „Damals. Es ist lange her. Zu einer Zeit lange vor unserer Zeit!“

Unser Haus ist riesig und eigentlich zu groß für drei Leute. Mein Zimmer ist im ersten Stock, ebenso wie das Schlafzimmer meiner Eltern, Gioves altes Zimmer und zwei weitere Räume, die meine Eltern zum Arbeiten nutzen. Im Erdgeschoss befinden sich ein riesiges Wohnzimmer, ein sich daran anschließendes Esszimmer sowie die Küche. Vom Wohnzimmer schaut man durch eine breite Glasfront auf eine Terrasse mit einer Steinbrüstung, die die gesamte Rückfront des Hauses einnimmt. Sie ist leicht erhöht und man kann von dort den ganzen Garten überblicken, der im Grunde nur eine große, etwas buckelige Rasenfläche mit Unmengen von Löwenzahn ist, auf der sich die Maulwürfe austoben. Keiner von uns fühlt sich zur Gartenarbeit berufen, aber manchmal macht meine Mutter einen Vorstoß und sticht Löwenzahn aus, was allerdings völlig aussichtslos ist.
  Im Esszimmer hatte meine Mutter ihr Spezialfrühstück aufgetischt. Deutsch-italienische Freundschaft. Mascarpone und Graubrot, Mortadella und Schrippen, Pflaumenmus und Feigen.
  Mika riss die Augen auf. „Frühstückt ihr immer so?“
  „Ferien...“
  Meine Mutter kam mit frisch aufgebackenen Hörnchen aus der Küche. „Morgen, Mika! Seid ihr schon wieder zurück?“
  „Nur ich, mein Vater hat noch Arbeit.“
  „Und wie lange bleibst du?“ Es war seltsam, wie zielgerichtet meine Mutter die Fragen stellte, die mich selbst brennend interessierten. Ich hatte nur noch keine Gelegenheit gehabt, sie einfühlsam zu stellen.
  Mika warf mir einen schnellen Blick zu. „Och - ich denke, ich fahr nicht mehr zurück.“
  „Was!“ Das haute mich um. Meine Mutter verschwand wieder in der Küche.
  Mika grinste breit. „We are better together!“
  Ich umarmte sie, hob sie hoch und drehte mich mit ihr im Kreis. „Wann hast du das beschlossen?“
  „Schon bevor ich herflog.“
  Mein Vater kam mit der Post ins Esszimmer und sah erstaunt über seine Lesebrille. „Hallo, Mika! Gibt es Neuigkeiten oder ist das nur die übliche Roccomania?“ He, er war witzig.
  „Sie bleibt!“, sagte ich glücklich.

Mit meinen Eltern ist es eigentlich ganz okay. Mein Vater ist streng, aber viel zu selten da, um wirklich zu nerven. Er ist Anwalt, ein guter und sogar verdammt erfolgreicher Anwalt. Sein einziges Problem: Weder Giove noch ich werden jemals seine Kanzlei übernehmen. Sorry, ausgeschlossen.
  Meine Mutter macht Mediation, so eine Art Streitschlichtungsmethode, die überall bestens funktioniert, nur in unserer Familie nicht. Beide sind meistens ganz entspannt und sie lieben sich, das finde ich cool, ich meine, mittlerweile hindert sie nichts und niemand daran, einfach auseinanderzugehen.
  Wir setzten uns an den Tisch und Mika starrte ehrfürchtig auf die Unmengen von Lebensmitteln, die sich vor ihr ausbreiteten.
  „Nimm dir, Mika!“, sagte meine Mutter freundlich und reichte ihr den Brotkorb. Mika nahm sich ein Hörnchen und legte es feierlich auf ihren Teller. Sie lebt allein mit ihrem Vater, einem Bildhauer; ihre Mutter starb, als sie zehn war. Mika hatte mir erzählt, dass sie praktisch nie mit ihrem Vater frühstückte, weil er in der Woche meist bis tief in die Nacht arbeitete und morgens noch schlief, wenn sie zur Schule ging.
  „Und wohnst du jetzt ganz allein in eurem Haus?“, fragte meine Mutter weiter.
  „Nein, mein Vater hat sein Atelier an eine Künstlerin untervermietet. Ich kenne sie, und unsere Haushälterin kommt zweimal die Woche.“
  Meine Mutter nickte. „Aber solange du Ferien hast, kannst du auch gerne in Gioves Zimmer wohnen.“

Draußen schien die Sonne. Ein Sommer, wie ich ihn aus München kannte. Ich war zufrieden, glücklich und alles, da entdeckte ich den Brief. Er lag ganz unschuldig auf meinem Teller. So kommen die verdammten schlechten Nachrichten immer in dein Leben. Ich öffnete ihn arglos. Vom Kreiswehrersatzamt. Ich sollte meine beim Einwohnermeldeamt erfassten Daten bestätigen.
  „Der Bund?“, fragte mein Vater milde interessiert.
  „Ist Krieg, oder was? Wieso wollen die mich schon erfassen?“
  „Das ist üblich.“
  „Scheiße!“
  „Rocco!“
  Ich las das Schreiben und stellte fest, dass sie erstmal nur wissen wollten, ob die gespeicherten Daten stimmten.
  Meine Mutter nahm sich den Brief. „Sag mal, Marcello, wie ist das eigentlich? Rocco hat doch beide Staatsbürgerschaften...“
  Mein Vater setzte sein Anwaltsgesicht auf. „Das wird ihm wohl nichts nützen, da sein Lebensmittelpunkt eindeutig in Deutschland ist.“ Er massierte sein Kinn. „Tja, ärgerlich, in Italien ist die Wehrpflicht seit 1985 abgeschafft. Oder, Rocco, du müsstest die deutsche Staatsbürgerschaft abgeben...“
  Meine Mutter war nicht begeistert. „Kann er sie sich dann später wiederholen?“
  „Nun ja, das sieht man bei den Behörden gar nicht gerne.“
  Mika saß dabei, sah erst zu meinem Vater, dann zu mir, dann zu meiner Mutter. Ganz entspannt. Klar, ein Mädchen.
  „Verweigere doch!“, sagte sie schließlich.
  „Na, sowieso!“, erwiderte ich grob, obwohl in meinem Kopf nur ein großes Chaos herrschte.
  „Oder vielleicht bist du untauglich?“
  „Na, danke!“
  „Rocco, sei doch nicht so aggressiv! Jeder Junge...“, setzte meine Mutter an.
  „Ich weiß! Und was ist eigentlich mit Giove?“, rief ich aufgebracht.
  Mein Vater räusperte sich, wie so oft, wenn er von meinem Bruder sprach. „Na ja, eins weiß ich sicher, einen ehemaligen Drogenpsychotiker wollen die beim Bund bestimmt nicht haben.“
  „Und außerdem wird er Vater!“, fügte meine Mutter freundlicher hinzu. Giove war extrem in allem, was er tat. Egal, ob er Drogen nahm oder durchknallte. Für mich war seine Drogenpsychose so ungefähr das Schrecklichste, was ich je erlebt hatte. Aber Giove hatte sich schnell erholt und er brauchte nicht zum Bund.
  „Also“, fasste ich die Sache zusammen. „Papa musste als Italiener nie zum Wehrdienst, Giove ist ausgemustert und ich bin jetzt der Einzige, der ein Problem hat?“
  Meine Mutter legte mir beruhigend die Hand auf den Arm. „Rocco, keiner will, dass du Wehrdienst machst! Du kannst doch Zivildienst für... wie lange?“
  „Zehn Monate.“
  „Danke, Marcello. Also zehn Monate Zivildienst, das ist doch in Ordnung.“
  Verstand das denn keiner? Es ging nicht nur um Wehrdienst oder Zivildienst. Es ging darum, dass plötzlich von irgendwoher Leute kamen und Fragen und Ansprüche an mich stellten. Kommen Sie hierhin, machen Sie dies, machen Sie das! Es war mein Leben! Ich hatte gedacht, ich würde frei und immer freier werden, aber stattdessen hatte ich auf einmal ein riesiges Problem. Für mich war die Sache eigentlich klar: Ich hatte nichts mit diesem ganzen Armeeding zu tun. Sollten doch andere in den Krieg ziehen. Die komplette Ausbildung war veraltet, Gewehre, Gewaltmärsche, körperliche Fitness, alles von gestern. Auch die Büroarbeit. Ich starrte auf diesen Brief und wollte ihn nur so schnell wie möglich loswerden. Also überprüfte ich die Angaben des Einwohnermeldeamts und bestätigte sie. Ja, alles richtig. Langsam beruhigte ich mich wieder.
  „Wollen wir zu den anderen fahren?“, fragte Mika, die meine Stimmung etwas irritierte, vorsichtig. Ich nickte. Klar. Wir packten ein paar Sachen und holten unsere Räder. Ein wunderschöner Sommertag. Noch zwei Wochen Ferien und Mika war hier. Was beschwerte ich mich?

Nebenan stand Friedländer auf einer Leiter und fummelte eine kleine Birnenfrucht in eine Flasche. Er winkte uns zu.
  „Was gibt das?“, rief ich.
  „Williamsbirne!“
  Friedländer ist unser Nachbar und ungefähr siebzig. Er liebt seinen Garten, im Sommer ist er ständig damit beschäftigt. Ich mag ihn. Er ist der einzige Erwachsene in meiner Umgebung, der es richtig gut fand, dass ich bei Radio Gaga anfing, und er hat uns auch geholfen, neue Räume für unser Radio zu finden. Seine Freundin, Lara Rosenberg, hat vor kurzem eine alte Villa in der Nähe geerbt, in deren Erdgeschoss wir zwei Räume anmieten konnten.
  „Fahrt ihr zu Lara?“ Wir nickten.

  


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KATRIN BONGARD

RADIO GAGA — Die Trilogie

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