KATRIN BONGARD

KISSING

Band 1 der Kissing-Serie
Katrin_Bongard_Kissing

KISSING

New Adult, All Age, Liebe

*Verführung, Liebe, Freundschaft*

Emmy ist wie Jane Austens Emma eine leidenschaftliche Kupplerin. Ihr neustes Opfer – ihr bester Freund Julian. Der steht auf Jungs und als sie den attraktiven Noah entdeckt, glaubt sie den perfekten Kandidaten gefunden zu haben. Doch Noah interessiert sich viel mehr für Emmy. Schnell stellt sich heraus, dass Noah kein Sunnyboy ist. Aber vielleicht ist das genau der Grund, warum Emmy sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlt …

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978-3-943799-52-1

Die Kissing-Serie

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Kissing

Eins

Unsere Lippen liegen aufeinander, ich öffne meinen Mund, unsere Zungen umspielen sich sanft. Ich spüre die kleine Narbe an der Innenseite von Julians Oberlippe und streiche vorsichtig mit meiner Zungenspitze darüber. Ich kenne sie, ich bin schuld an dieser Narbe. Ich war mit sechs ein ziemlich wildes Mädchen und habe ihn beim Ausholen mit meinem Tennisschläger im Gesicht getroffen. Julian wollte mir eigentlich nur zeigen, wie das geht. Der hohe Aufschlag. Ich erinnere mich noch an all das Blut auf seinem weißen Poloshirt und seine Mutter, die herumgeschrien hat, als ob ich ihren Sohn töten wollte. Unsere Münder wandern seitlich, seine Lippen sind an meinem Hals. Er atmet den Duft meiner neuen Körperlotion.
  »Was für eine Marke?«, fragt er leise an meinem Ohr.
  Ich grinse und antworte ebenso leise. »DM-Markt, zweiter Gang, unterstes Regal.«
  »Du riechst fantastisch, Emmy!«
  »Danke.«
  Ich tauche aus der Mulde seines Halses auf. »Und du küsst umwerfend. Der Junge, der dich einmal bekommt, kann sich sehr glücklich schätzen!«
  Julian grinst. »Dito, Prinzessin.«
  Ich sehe mich unauffällig um. »Meinst du, es reicht?«
  Er nickt. »Wenn ich mir die Blicke der Leute hier so ansehe, würde ich sagen: Mission accomplished.«
  Julian und ich haben einen Deal, der zurzeit ziemlich gut funktioniert: Er tut so, als ob er auf Mädchen steht und ich tue so, als ob ich eine feste Beziehung hätte und so halten wir uns eine Menge Fragen, Probleme und Annäherungsversuche vom Hals, die uns beide im Moment überfordern würden.
  Er zieht mich mit in die Küche.
  »Was willst du trinken?«
  Ich sehe nur eine Kiste Berliner Bier, einen billigen Rotwein, einen noch billigeren Weißwein und eine Batterie von Alkopops. Da hatte ich mehr erwartet.
  »Gibt es Corona?«, frage ich, da ich Tacos in einer großen Schüssel entdecke und etwas, das wohl Guacamole sein soll.
  »Ja, im Kühlschrank«, sagt ein Typ, den ich noch nie vorher gesehen habe. Er hat halblange blonde Haare, trägt ein aquamarinfarbenes T-Shirt und hat die schönsten blauen Augen, die ich je gesehen habe. Sorry, Paul Newman. Für einen Moment bin ich verwirrt, dann drehe ich mich weg und reiße den Kühlschrank auf. Er ist ein supermodernes Modell und bis oben mit den Körperteilen eines Schweins gefüllt. Typisch Mediziner. Wo ist das Bier? Ich ziehe eines der Gemüsefächer auf. Joghurtbecher mit Post-its. Fiona. Meine beste Freundin ist wohl mal wieder auf Diät. Anderes Fach: Vier Flaschen Corona. Ich nehme zwei heraus und reiche eine Flasche blind nach hinten.
  »Gefunden!«
  Als mir die Hand fast abfriert, drehe ich mich um. Der Blonde nimmt mir die Flasche ab und lächelt.
  »Danke.«
  Ich bin zu verblüfft, um sie festzuhalten.
  Er lächelt. »Noah!«
  »Emmy«, antworte ich automatisch.
  Er gefällt mir. Flirtet er mit mir? Ich drehe mich zurück, schließe den Kühlschrank und entdecke Julian mit hochrotem Kopf dahinter. Bingo! Ich grinse und ziehe ihn schnell in den Flur.
  »Alles okay?«, fragt er unsicher.
  »Alles bestens.«
  Wo ist Fiona?
  Ich entdecke sie am Ende des Flurs, wo sie mit einem Typen mit braunen Locken knutscht, den ich vom Sehen aus der Uni kenne. Aber das hier hat Vorrang und ich winke ihr. Sie fängt meinen Blick auf, entschuldigt sich mit einem charmanten Fiona-Lächeln und kommt zu uns herüber.
  »Was?«
  »Es ist passiert!«
  »Echt?«
  »Eindeutig.«
  »Habe ich es nicht gesagt, Emmy?! Ich wusste es! Gott, ich liebe es, wenn ich recht habe.«
  Ich nehme Fiona beiseite. »Jetzt müssen wir nur noch heraus-finden, ob er auf Jungs steht.«
  Fiona lächelt, zieht mich an sich und flüstert in mein Ohr. »Nun, das ist mehr als wahrscheinlich, denn ich habe diesmal nur Einladungszettel im AStA aufgehängt, wo auch das Schwulenreferat ist. Und zwar rosa Zettel.«

Julian hat mit zwölf Jahren begriffen, dass Jungs ihn mehr als Mädchen interessieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich für uns eigentlich schon eine märchenhafte Zukunft – fünf Kinder, ein Leben in einem der Schlösser seiner Eltern, Frühstück auf silbernen Tellern – erträumt und ja, in gewisser Weise war es die erste große Enttäuschung meines Lebens, als er mich mit dreizehn in sein Geheimnis einweihte. Allerdings bestand unsere Beziehung bis dahin hauptsächlich aus dem gemeinsamen Spielen mit Barbiepuppen, was mich eigentlich schon hätte skeptisch machen können. Mittlerweile ist es ganz normal. Julian steht auf Jungs. Unserer Freundschaft hat das nicht geschadet, im Gegenteil. Julian ist mein bester Freund. Ich würde alles für ihn tun. Aber ich bin nicht das Problem. Eher Magret, seine Mutter. Julian ist ihr einziger Sohn und damit alleiniger Nachkomme einer Familie, die ihren alten Adelstitel hochhält, doch leider kurz vor dem Aussterben steht. Seine Mutter wartet praktisch täglich auf einen weiteren männlichen Nachkommen. Aus diesem Grund und weil Julian der sanfteste und empfindlichste Mensch ist, den ich kenne, war sofort klar, dass seine Mutter  erst einmal nichts davon erfahren durfte. Mit zwölf war das Thema leicht zu vertagen, doch in den letzten Jahren und besonders seit wir die Schule beendet haben, ist die Sache schwieriger geworden. Denn seitdem erwartet Julians Mama Entwicklungen und Entscheidungen. Und schleppt ihn immer öfter auf Wohltätigkeitsveranstaltungen und Debütan-tinnenbälle. Und hier kommen nun Fiona und ich ins Spiel. Denn wenn Julian nicht mein Prinz sein kann, dann will ich zumindest diejenige sein, die ihn mit seinem Traumprinzen verkuppelt. Und Fiona ist dabei.
  »Wie sieht er aus? Wo ist er?«, wispert sie und ihre Augen funkeln auf diese Art, die ich gut an ihr kenne. Abenteuerlustig und entschlossen. Das Funkeln, mit dem sie auf Männerjagd geht.
  »Blonde, halblange Haare, unwahrscheinlich blaue Augen. Küche!«, sage ich leise.
  Julian ahnt, dass wir etwas vorhaben.
  »Nicht so!«
  Fiona legt den Kopf schief und sieht ihn nachsichtig an. Den Blick, den sie für Julian und seine Umständlichkeit reserviert hat. Seine Bedenken und Ängste.
  »Ich bin natürlich ganz diskret. Aber ich muss doch sehen, um wen es geht.« Sie mustert Julian und mich streng. »Und Schluss mit dem Knutschen. Ab jetzt gefährdet ihr das Projekt.«
  Ich nicke. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht daran geglaubt, dass Julian hier einen Jungen treffen könnte, der ihm gefällt.
  Sie huscht in Richtung Küche. »Bring noch Corona mit!«, rufe ich ihr hinterher.
  Kolja schlendert vorbei. Groß, dunkelhaarig, attraktiv. »Hallo, das Pärchen!«
  Er grüßt lässig und wir nicken zurück. Er studiert mit mir Psychologie, arbeitet im Schwulenreferat, ist engagiert und hilft Jungs, sich zu outen. Oder, wie Fiona gerne spitz bemerkt: Mit ihm ins Bett zu gehen. Er war unsere erste Option, eigentlich der ideale Partner, aber Julian kann ihn nicht leiden. Das wäre dann wohl auch zu einfach gewesen.
  »Lass uns auf den Balkon gehen«, schlägt Julian vor, aber es ist zu voll, um sich von der Stelle zu bewegen.
  Die Partys in Fionas Mediziner-WG haben sich mittlerweile in allen Fakultäten herumgesprochen.
  »Er sah nett aus«, sage ich.
  Julian lächelt unsicher. »Ja, er sah nett aus, aber vielleicht ist er ganz anders und überhaupt.«
  Ich weiß, was Julian denkt. Vielleicht steht dieser nette, gutaussehende Typ nicht auf Jungs.
  »Eher unwahrscheinlich, meinte Fiona.«
  Julian nickt nervös.
  Ich biete ihm den Rest meines Corona an. Er greift zu, trinkt aber nicht, sondern hält sich nur aufgeregt an der Flasche fest. Ich verstehe seine Panik, doch langsam wird es Zeit für ein Outing.
  Julian studiert Jura und wird sicher einmal ein ganz großartiger Anwalt oder sogar Richter werden. Aber egal, ob er Anwalt oder Richter wird, die Wahrheit wird in seinem Beruf eine große Rolle spielen. Ich verstehe, dass er sich jahrelang nicht vor seinen Eltern geoutet hat. Allerdings sehe ich auch, dass er langsam anfängt, unter seinem Geheimnis zu leiden. Er musste mir versprechen, mit seinen Eltern zu reden, sobald er sich verliebt und Beziehung ein Thema wird. Denn ganz im Gegensatz zu Fiona, die One-Night-Stands zu ihrem neuen Hobby gemacht hat, glauben Julian und ich an die große Liebe und eine langandauernde Beziehung. Auch wenn mein Glaube daran zurzeit stark erschüttert ist, da meine Eltern seit einem Jahr in einer üblen Ehekrise stecken.
  »Und wie läuft es bei dir?«, fragt Julian, obwohl er es genau weiß. Warum sonst würden wir auf jeder Party ein Paar spielen?
  »Einsam aber schneller«, sage ich.
  Unser Motto.
  Ich lächele. »Was sich bei dir ja vielleicht bald ändert.«
  »Hier!« Fiona drückt mir ein nasses Corona in die Hand, das offenbar in der Badewanne gekühlt wurde und strahlt.
  »Der ist es«, sagt sie befriedigt. »Habt ihr diese blauen Augen gesehen? Die sind ja der Hammer. Meinst du, er trägt gefärbte Kontaktlinsen?«
  Wir kichern albern.
  »Okay!«, sagt sie und schaltet von lustig auf ihren Feldwebelton. »Die Mission geht in Stufe zwei. Was wissen wir über ihn?«
  »Nichts. Was ist, wenn ihn niemand kennt? Er einfach zufällig hier ist und dann geht?«, sage ich.
  Fiona drückt ihren Rücken durch, senkt den Blick. »Dafür habt ihr mich. Ich habe die Netze schon ausgeworfen. Er studiert Psychologie, geht in Richtung Sportpsychologie und überlegt, ob er dieses Semester nach Berlin wechselt.«
  »Du hast ihn angesprochen?«, sage ich fassungslos.
  »Nun ja, er stand da und wir kamen ins Gespräch.«
  »Fiona!«
  Sie wirft beide Arme hoch. »Ich war ganz neutral. Ich bin schließlich die Gastgeberin. Oder zumindest eine davon. Da kümmert man sich um die Gäste. Aber keine Sorge. Ich mische mich nicht ein. Wobei ... also Julian, falls er nicht ... Habt ihr diese Hammer-Oberarme gesehen?«
  Julian und ich seufzen gleichzeitig genervt. Fiona hat in den letzten Monaten mehr Jungs vernascht, als wir angeschaut haben.
  »Manche Menschen haben ein Herz, solltest du als angehende Medizinerin eigentlich wissen«, sage ich.
  »Ja und letztens im Präpkurs habe ich mal eines in der Hand gehabt. Echt viel schwerer, als man so denkt.«
  Julian verzieht das Gesicht, ich nehme einen Schluck vom Corona, um den komischen Geschmack herunterzuspülen. Fiona schneidet Leichen auf. Alles Teil ihrer Ausbildung. Und man braucht keine ausgebildete Psychologin zu sein, um einen Zusammenhang zwischen Fionas Präpkursen und ihrem neuesten Umgang mit Sex zu sehen. Denn auch ihr ist das Aufschneiden von Toten am Anfang nicht leicht gefallen. Nach der ersten Stunde stand sie unter Schock und wir haben zwei Stunden darüber geredet, ob Menschen eine Seele haben. Wobei Fiona wohl am meisten verunsichert hat, wie schnell man von einem vitalen, gesunden Lebenden, zu einer runzeligen, ledrigen Leiche werden kann. Ein Unfall oder achtzig läppische Jahre reichen. Worauf sie sofort beschlossen hat, ihren jungen und gut gebauten Körper nicht mehr länger nur dem Medizinstudium zu widmen.
  »Fiona?«
  Ruth, ihre Mitbewohnerin.
  »Was machst du denn schon hier?«, fragt Fiona entgeistert, die diese Party nie hätte feiern können, wenn Ruth davon gewusst hätte oder da gewesen wäre. Sie sollte eigentlich auch in Marburg bei ihrer kranken Oma sein.
  »Irgendwas dazwischen gekommen?«
  »Ja, der Tod«, sagt Ruth eisig.
  Ich sehe, wie es um Julians Mundwinkel gefährlich anfängt zu zucken. Ich blicke zu Fiona, die sich auf ihre Unterlippe beißt, um ein Grinsen zu unterdrücken und starre angestrengt ins Nirwana, damit ich nicht als Einzige loslache.
  Ruth schiebt ihre Brille energisch zurück auf die Nasenwurzel. »Euch wird das Lachen noch vergehen!«

 

 Zwei

»Soll ich noch mit reinkommen?«, fragt Julian und parkt seinen Beetle vor dem Haus meiner Eltern. Eine riesige Jugendstilvilla im Grunewald. Reichtum XL, nennt es Fiona, die ich manchmal um ihr normales Leben beneide. Ich sehe zu den beleuchteten Fenstern im Untergeschoss. Ich müsste eigentlich nur noch aussteigen.
  »Gott, sie ist so deprimiert!«
  Ich habe etwas zu viel Bier getrunken und wie immer macht mich das traurig. Julian schweigt.
  »Schon okay«, sage ich, bleibe aber sitzen. »Ich brauche nur noch einen Moment.«
  »Solange du willst.«

Unsere Mütter sind beste Freundinnen, auch wenn es immer wieder Phasen gibt, in denen sie nicht miteinander sprechen. Wie jetzt. Aber ich bin kein guter Freundinnenersatz, schon gar nicht, wenn der Mensch, der sie betrogen und verlassen hat, mein Vater ist. Was soll ich sagen? Ich bin ihm viel ähnlicher als meiner Mutter.
  »Und was will sie jetzt machen?«, fragt Julian, der über alles Bescheid weiß.
  Ich verstehe, er meint vor allem das Haus. Gut, es war schon vorher viel zu groß für drei Leute, aber nun sind wir nur noch zu zweit und ich möchte eigentlich auch so schnell wie möglich ausziehen.
  »Meinst du, ich kann sie jetzt allein lassen?«
  Julian hebt minimal die Augenbrauen. »Hey, Emmy, du bist einundzwanzig. Es ist vollkommen normal, dass du ausziehen willst.«
  Ich mag sein Beetle Cabriolet, die weichen Sitze, es ist ein Platz außerhalb der harten Welt. Ich lege den Kopf zurück auf die bequeme Kopfstütze und schließe die Augen. Wie kann es sein, dass sich in einem Jahr so viel verändert hat? Hätte ich nicht wegfahren dürfen? Wäre das alles dann nicht passiert?
  »Du denkst doch nicht wieder daran?«, fragt er leise.
  Natürlich denke ich daran. Immer, wenn etwas in meinem Leben nicht gut läuft, taucht die Erinnerung auf.
  Es war meine Schuld.
  Ich reiße die Augen auf. »Nein, nein, ich schöpfe nur Kraft. Ist das Licht im Wohnzimmer noch an?«
  »Schätze ja«, sagt Julian. »Willst du lieber bei mir übernachten?«
  »Nein, schon okay. Wir sehen uns Montagabend. Heimkino?«
  »Klar doch.«
  »Soll ich was mitbringen?«
  »Gute Laune«, sagt Julian und grinst.
  Ich steige aus und beuge mich noch einmal zurück in den Wagen und grinse. »Und Informationen über Noah!«
  Julian errötet und ich muss lächeln. Meinen besten Freund hat es ordentlich erwischt.
  »Bis dann.«
  Ich atme tief durch und gehe auf mein Elternhaus zu. Ich schaffe das. Wozu studiere ich Psychologie?!

»Emilia?«
  Meine Mutter sitzt im Salon. Nicht ich nenne den Raum so, sondern sie, obwohl er schon lange nicht mehr als repräsentativer Empfangsraum oder Gesellschaftsraum genutzt wird. Der Begriff erinnert an alte Zeiten, als es noch eine Ordnung gab, und Männer ihre Ehefrauen nicht verlassen haben. Schon gar nicht, wenn sie in eine adelige Familie eingeheiratet hatten. Aber die alten Spielregeln hat meine Mutter selber außer Kraft gesetzt, als sie einen Rocker und Bad Boy wie meinen Vater geheiratet hat. Zwar hat sie ihren Namen behalten und auch den Reichtum nicht aufgegeben, aber ihre Familie hatte trotzdem wenig Verständnis.
  »Ja?«
  Sie sitzt auf der riesigen Couch, die Beine seitlich an den Körper gezogen, in der Hand ein riesiges Glas Rotwein, das beruhigenderweise nur zu einem Drittel gefüllt ist. Sie ist immer noch sehr schön und hat eine aufrechte Haltung, die sie jünger erscheinen lässt als fünfzig. Sie könnte einfach neu durchstarten, sie hat Geld, sie hat dieses Haus, sie hat eine riesige Verwandtschaft, die ihr immer prophezeit hat, dass dieser Mann sie irgendwann verlassen wird und die sie sicher gerne wieder in ihre Arme schließen wird. Andererseits – die sind alle verrückt.
  »Hat Julian dich nach Hause gefahren?«
  »Ja.«
  Sie dreht das Glas in ihrer Hand, nippt.
  »Er ist so ein Netter.«
  Ja, ich weiß. Es hängt in der Luft, sie hat es mir schon viele Male erzählt. Damals, am Rand der Buddelkiste, als wir immer so schön zusammen gespielt haben, da war es eine großartige Vorstellung. Wir beide ein Paar. Nun, vergessen wir kurz, dass ich Julian immer die Schippe weggenommen oder auf den Kopf gehauen habe, aber ich verstehe schon. Man will, dass die Dinge so werden, wie man sie sich einmal erträumt hat. Alles klar, mir geht es ja genauso. Aber daraus wird nichts und meine Mutter weiß das. Sie weiß, dass Julian Jungs liebt. Sie hat etwas geahnt, mich vor zwei Jahren gefragt und ich habe schlecht gelogen. Sie weiß auch, dass Julians Mutter und ihre beste Freundin, davon nichts weiß. Und sie musste mir versprechen, es Julian zu überlassen, seine Mutter aufzuklären.
  Ich gähne. »Ich gehe mal ins Bett, ist schon spät.«
  »Gut.« Sie sieht auf, lächelt. »Wollen wir Montag ins Kino gehen?«
  Ich bin so überrascht, dass ich im ersten Moment nichts sagen kann. Erstens: Meine Mutter und Kino. Hallo? Und zweitens: Mit mir?
  »Da treffen wir uns eigentlich immer bei Julian zum DVD-Abend. An einem anderen Tag?«
  Sie winkt ab. »Ja, stimmt, eigentlich weiß ich das ja. Schon gut, war nur so eine Idee.«

Oben, in meinem Zimmer, schaue ich in den großen Spiegel. Meine Mutter hat ihn mir geschenkt, damit ich am Morgen mein Aussehen kontrollieren kann. Nicht, dass ich das jemals tun würde. Ich mag weder Spiegel noch Kontrolle. Doch jetzt sehe ich hinein. Alle behaupten, ich wäre meiner Mutter so ähnlich. Die Figur, die schmalen Hände, die langen Beine, die kleine Nase. Aber ich sehe etwas anderes. Ich sehe die Augen meines Vaters, seinen Mund, der immer aussieht, als ob ihn etwas amüsiert, die dunkelblonden, dicken Haare, die Haut, die schnell bräunt und sofort einen goldbraunen Ton annimmt. Meine Mutter dagegen hat eine empfindliche, durchscheinende, zarte Haut und hellblonde Haare. Und das sind nur die Äußerlichkeiten.
  Ich werfe mich auf mein Bett und denke über Julians Worte nach. Mein Leben leben. Meiner Mutter zuliebe habe ich den Aus-zug hinausgeschoben, aber nun wird es Zeit. Ich freue mich auf eine eigene Wohnung, einen Neuanfang, eine Zukunft. Es ist genau wie bei Julian, es wird Zeit, dass ich zu dem stehe, was ich bin oder sein will. Mir fällt dieser Noah ein. Sein Lächeln, seine strahlend blauen Augen. Er ist der perfekte Partner für Julian. Ich sehe mich mit beiden zusammen in der Mensa sitzen, eine Radtour unternehmen, lachen. Julian ist zwar nicht sehr sportlich, aber das würde sich bestimmt ändern. Wir würden zusammen kochen und einen Film anschauen. Irgendeinen Blockbuster. Obwohl Julian lieber kleine Independentfilme sieht. Ich kuschele mich in die Vorstellung dieser wunderbaren Freundschaft, mein bester Freund, endlich richtig verliebt und glücklich. Und ohne dass ich es richtig bemerke, bin ich auf einmal in meiner Vorstellung mit Noah allein. Liege mit ihm auf dem großen Sofa, kuschele mich an ihn, wir küssen uns, während Julian Nüsse holt oder die Blumen gießt oder – was? Ich schnelle hoch.
  Holla! Was war das denn?!
  Das sind eindeutig die Gene meines Vaters, die mir gerade einen Streich spielen. Denn niemals würde ich Julian hintergehen oder ihm den Freund ausspannen. Niemals. Und überhaupt, warum sollte dieser Noah mich wollen, wenn er Jungs bevorzugt.
  Und wenn nicht?
  Was ist bloß los mit mir? Ich stehe auf und renne aufgescheucht im Zimmer auf und ab. Warum denke ich überhaupt über diesen Typen nach? Ich sollte mich besser auf andere Dinge konzentrieren. Zum Beispiel auf das Chaos in meinem Zimmer, die halb ausgepackten Kisten, die Kleider, die auf dem Boden liegen. Ich bin schon seit neun Monaten wieder aus London zurück und immer noch gibt es Kisten und Koffer, die ich nicht ausgepackt habe. Oder nicht auspacken will. Eigentlich wollte ich ja auch gar nicht wieder bei meinen Eltern einziehen.

Beim Zähneputzen fällt es mir ein. Montag. Der Hochzeitstag meiner Eltern. Ich erstarre, die Zahnbürste hängt in meinem Mund. Ich muss mit ihr ins Kino gehen.
  Oder irre ich mich? Ich spucke die Zahnpastareste ins Becken und renne zurück in mein Zimmer, krame mein iPhone aus meinem Rucksack, um das Datum zu überprüfen und finde eine SMS von Fiona.

Morgen um 12 Lagebesprechung
bei mir. Bring Croissants mit.
Kuss F.

Okay. Morgen ist Sonntag und eigentlich ist heute schon morgen, also der zweite Juni, und Montag ist der dritte. Ich rechne zurück. 20 Jahre verheiratet. Ich kann meine Mutter nicht im Stich lassen. Unmöglich. Ich markiere es als Termin und baue eine Erinnerung ein, damit ich Fiona Bescheid sagen kann. Während ich noch tippe, klingelt mein iPhone. Es ist mein Vater. Ich kann mir denken, was er will.
  »Paps?«
  »Em, bist du es?«
  Natürlich.
  Ich höre seiner Stimme an, dass er nervös ist.
  »Was ist los? Du hast mich angerufen.«
  »Ja, also ...«, er lacht verlegen. »Also am Montag ist doch ...«
  »Hochzeitstag? Ich weiß«, sage ich, als hätte ich es die ganze Zeit gewusst, denn ich habe nicht vor, es ihm leicht zu machen.
  »Was machen wir mit den Rosen?«, fragt er vorsichtig.
  Es gibt eine sehr alte Tradition am Hochzeitstag meiner Eltern. Der Rosenstrauß. Im ersten Jahr war es nur eine Rose, im zweiten zwei und so weiter. Über die Jahre ist es ein Strauß Blumen geworden, mit dem mein Vater meine Mutter jedes Mal wieder an ihrem Hochzeitstag überrascht. Meine Eltern haben geheiratet, als ich ein Jahr alt war und seitdem hat mich mein Vater an jedem Hochzeitstag mitgenommen, um Rosen zu kaufen. Baccararosen. Es sind die schönsten und perfektesten Rosen, die es gibt und ich durfte sie immer einzeln in der Gärtnerei aussuchen. Als ich ungefähr sechs war, erzählte mir der alte Gärtner dort, dass die Baccararose eine der weltweit berühmtesten und erfolgreichsten Rosensorten ist. Eine Kreuzung der Sorten Happiness und Independence. Ich mochte die Geschichte sehr. Was will man mehr!
  Im Jahr darauf übernahm sein Sohn den Betrieb und erzählte keine Geschichten mehr. Vorletztes Jahr konnte er die originale Baccararose nicht bekommen und bestellte stattdessen die Sorte Grand Prix, die eine ähnliche Farbe und Blütenform hat. Ein besseres Bild für den Niedergang einer Beziehung kann es wohl kaum geben, oder? Von Happiness und Independence zu Grand Prix. Letztes Jahr bin ich nicht mit meinem Vater zum Rosenkaufen gegangen, denn ich war in England. Und dieses Jahr?
  Mein Vater räuspert sich nervös. »Also, ich bin ja zurzeit nicht in Berlin. Also wenn du ...«
  »Papa«, sage ich ruhig, aber ich bin nicht gut darin, mich zu beherrschen. Schon gar nicht für diese seltsame Aktion.
  »Warum sollte ich das machen?«
  »Wir beide haben das doch immer zusammen gemacht.«
  Ja, damals, als noch alles in Ordnung war.
  »Mama ist deine Ehefrau, nicht unsere. Wieso willst du ihr überhaupt Rosen schenken, ich meine ...«
  »Em, ich will ja nur alles richtig machen. Denkst du nicht, Charlotte würde sich über Blumen freuen? Wir sind ja noch verheiratet.«
  Ich atme tief durch. Fast bin ich in Versuchung. Ich habe ihn schon oft aus Situationen herausgeritten, wenn er spät betrunken nach Hause kam oder einen Auftrag vergessen hatte. Dann habe ich das meiner Mutter schonend beigebracht. Doch jetzt? Er hat auch bei mir eine Grenze überschritten.
  »Es gibt da so einen Service, der heißt Fleurop. Aber wenn du mich fragst: Keine gute Idee, ihr Rosen zu schicken.«
  Kurzes Schweigen auf der anderen Seite.
  »Aha. Gut. Danke für deinen Rat.« Er klingt beleidigt.
  »Also dann. Mach’s gut.«
  Ich lege auf. Und stöhne. Mein Vater hat diese Technik, mit der er mir immer die Verantwortung für die Gefühle meiner Mutter zuschiebt, wenn es ihm zu viel wird. Bestimmt gibt es einen Fachterminus in der Psychologie dafür, aber im zweiten Semester ist mir der noch nicht begegnet. Vielleicht gibt es ihn auch noch nicht und er ist etwas für meine Doktorarbeit, denn man kann bestimmt ganz wunderbar über Dinge forschen, die man im Leben niemals in den Griff bekommt.
  Ich werfe mich auf mein Bett, vergrabe mein Gesicht unter der Bettdecke und schreie in mein Kissen. In irgendeinem Buch habe ich gelesen, dass man so Wut abbauen kann, aber anschließend habe ich nur Fusseln im Mund und die Wut ist mehr oder weniger die gleiche. In solchen Momenten wünsche ich mir nichts mehr, als einen Bruder oder eine Schwester zu haben. Jemand, mit dem ich diesen ganzen Wahnsinn besprechen und dann zu dem wunderbaren Schluss kommen kann, dass, egal wie dumm oder verrückt sich unsere Eltern benehmen, wir einfach zusammenhalten werden. So tue ich das, was ich immer getan habe. Ich schließe alles im mir weg und hoffe, dass es weder keimt noch vermodert, sondern sich einfach in Luft auflöst.

    


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KATRIN BONGARD

KISSING MORE

Band 2  der Kissing-Serie
Kissing more von Katrin Bongard

KISSING MORE

E-Book
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Seiten
ISBN
4,99 €
9,99 €
330
978-3-943799-61-3
New Adult – All Age – Liebe

*Verführung, Liebe, Freundschaft*

Emmy und Noah waren ein Paar, bis Emmy sich nach einer dramatischen Nacht von Noah getrennt hat.
»Wir bleiben Freunde«, sagt Noah.
»Ich kann eine gute Freundin sein«, sagt Emmy.
Eine Freundschaft ist ungefährlich und sicher, denn Emmy und Noah haben genug mit den Schatten ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Bis ein überraschendes Ereignis sie zwingt, sich ihren wahren Gefühlen zu stellen.

Kissing more

  Eins
  Noah
  Eine Woche vorher.

Ich sitze im Zug nach Hamburg, sehe aus dem Fenster, blinzele gegen das Licht. Draußen sausen Felder vorbei, kaum verlässt man die Stadt, ist die Landschaft flach und übersichtlich, als wäre alles ganz einfach zu erklären, nur dass niemand auftaucht, der das für einen übernimmt. Zwei Monate in Berlin und ich habe noch nicht einmal geklärt, wo ich bleiben will. Oder doch. In ihrer Nähe.
  Was war das zwischen Emmy und mir?
  Selbst Leo kann mir das diesmal nicht erklären und er ist doch sonst ein Meister darin, Dinge sorgfältig zu durchdenken, Pro und Contra, aber wenn man selber verliebt ist, ist es damit wohl vorbei. Ich muss grinsen. Leo und verliebt. Und ausgerechnet in das Mädchen, vor dem er mich wochenlang gewarnt hat. Die alle abschleppt. Dabei hat mich von Anfang an nur ihre Freundin interessiert. Emmy.
  Ich schiebe den linken Ärmel meines Hoodies hoch, starre auf den Folienverband am Puls meines Handgelenks. Ein Geschenk von Matti. Die Spuren der Vergangenheit, die der Körper tragen muss. Seine Worte, und seine Theorie, dass es dann erträglicher wird. Ein Abschied, eine Trennung. Aber dafür habe ich habe mich nicht tätowieren lassen. Im Gegenteil. Ich habe nicht vor, aufzugeben. Diesmal nicht.
  Mein Handy klingelt. Leo. Mir fällt ein, dass ich mich nicht richtig verabschiedet habe.
  »Alter, wo bist du?«
  »Ich sitz im Zug.«
  »Ich will ja jetzt nicht kleinlich sein, aber eine SMS oder ein Zettel auf dem Küchentisch oder so wären schön gewesen. Ich dachte, du bleibst?«
  »Ich muss das erst in Hamburg klären. Mit Nele und der Wohnung.«
  »Verstehe. Wart mal, Fiona wird wach, ich geh ins Bad.«
  Ich höre Geräusche: Schritte, Türenschließen und sehe Leo vor mir, wie er sich in das winzige Bad einschließt.
  »Aber bitte keine anderen dringenden Geschäfte erledigen.«
  Leo lacht, seine Stimme klingt leicht verändert.
  »Und was war gestern im Segelclub? Das war doch nett. Warum bist du so plötzlich verschwunden? Dein Vater, oder?«, fragt er.
  »Ich dachte nicht, dass er kommt.«
  »Aber es war wahrscheinlich.«
  Leo hat Recht. Wieder ganz der kühle Denker, was vielleicht auch an den Kacheln im Bad liegt. Aber er konnte das immer schon besser, sich beherrschen, die Dinge rational angehen. Ich höre ihn ausatmen.
  »Oder lag es an Emmy? Ihr habt miteinander geredet, den Beamer aufgebaut ... ich dachte, da läuft wieder was?«
  Ich drehe mich schnell zum Fenster, denn ich spüre die Hitze im Gesicht, und habe das Gefühl, alle sehen zu mir herüber. Blöd genug in einem Ruheabteil zu telefonieren, wo überall Psst-Piktogramme hängen.
  »Wie steht ihr zueinander?«, hakt Leo nach. Wie immer unerbittlich.
  »Keine Ahnung.«
  Zwei Mädchen sitzen schräg gegenüber und starren besonders intensiv zu mir herüber. Ich schiebe den Ärmel meines Hoodies nach unten.
  »Und wieso warst du gestern Nacht noch bei Matti?«, bohrt Leo weiter.
  »Ein Geschenk.«
  Er schweigt, aber ich kann seine Gedanken hören. Und kann es dann auch gleich sagen.
  »Ein Tattoo.«
  »Ich hoffe nicht im Gesicht«, sagt er todernst und ich muss lachen.
  Die Mädchen glotzen wieder.
  »Hör mal, alle fragen mich, was mit dir los ist. Warum du im Segelclub einfach abgehauen bist? Ob du jetzt nach Berlin kommst? Warum du so seltsam bist?«
  Alle? Auch Emmy?
  »Du weißt warum.«
  »Ja, aber solange du deine Informationssperre verhängt hast, rede ich auch nicht.«
  »Ich klär das schon.«
  »Warte nicht zu lange. Hast du schon mit Nele gesprochen?«
  »Nein.«
  »Na bravo!«
  Ich höre ein Klopfen und Fionas gedämpfte Stimme. »Ich komme!« Und dann leise zu mir: »Ich muss Schluss machen. Halt mich auf dem Laufenden, okay?«
  Ich lege auf und fahre mir über das Gesicht. Einmal will ich alles richtig machen. In der richtigen Reihenfolge, im richtigen Tempo. Aber gibt es das überhaupt? Ich setze die Earphones ein. Kadavar. Black Sun. Das Intro dröhnt in meinem Kopf. Ein vibrierender Gitarrensound. Ich denke an Emmy.
  Das war kein Irrtum. Dort in ihrem leeren Zimmer auf der Matratze, neben ihr. Das war echt. Unsere Gespräche, die Berührungen, der Sex. Es hatte sich noch nie so richtig angefühlt. Wirklich? Warum hat sie mich dann weggeschickt? Schluss gemacht? Ahnt sie, dass etwas nicht mit mir stimmt, ich ein Zerstörer bin, wie mein Vater gerne behauptet? Und ich alle ins Unglück ziehe, die mich lieben und mir zu nahe kommen.
  Es ist nicht vorbei.

Etwa eine halbe Stunde später weckt mich ein zweiter Anruf und ich schrecke hoch. Eingeschlafen. Zu viele durchgemachte Nächte. Meine Mutter.
  »Ja?«
  »Noah? Dr. Berghöff hat sich gemeldet. Du hast den Termin bei ihr verpasst. Wo bist du gerade?«
  »Im Zug nach Hamburg.«
  »Sie hat dich nicht erreicht. Sie klang besorgt.«
  Keine große Neuigkeit, Dr. Berghöff ist immer besorgt.
  »Ich musste noch was in Berlin erledigen.«
  Meine Mutter schweigt und ich habe nicht vor, mich zu rechtfertigen.
  »Was ist mit dem Motorrad? Hast du schon einen Käufer gefunden?«, sagt sie schließlich.
  »Nein.«
  »Dein Vater will es aus der Garage haben.«
  »Es hat drei Jahre dort gestanden und auf einmal stört es?«
  »Du weißt, wie er ist.«
  Allerdings.
  »Ich behalte es.«
  »Noah, du ...«
  »Sag ihm das. Ich hole es ab.«
  »Aber ... du wolltest doch nicht mehr fahren. Es verkaufen.«
  Mir fällt die Fahrt auf Emmys XT ein. Die Geschwindigkeit, das Gefühl wieder lebendig zu sein. Ihr Körper an meinem.
  »Ich hab´s mir anders überlegt.«
  Sie seufzt. Natürlich. Ihr gefällt das nicht. Aber ich habe lange genug alles zurückgehalten. Und wofür? Ich hole Luft, sehe aus dem Fenster in die flirrende Hitze. Ich will mein Leben zurück.
  »Grüß Nele von mir«, sagt sie wieder gefasst.
  »Klar, mach ich.«

Kurz bevor ich ankomme, wähle ich Berghöffs Nummer. Ich rechne nicht wirklich damit, dass sie abhebt, obwohl es ihre Notfallnummer ist und sie immer sagt, wenn man auf dem Fensterbrett im 5. Stock steht und kurz davor ist, herunterzuspringen, dann kann man sie anrufen. Kein Problem. Was ich mir sehr gut vorstellen kann, obwohl ich es noch nie ausprobiert habe.
  »Berghöff!«
  Ich bin so überrascht ihre Stimme zu hören, dass ich einen Moment brauche.
  »Äh, Noah.«
  »Sie haben unseren Termin verpasst.«
  »Stimmt.«
  Einen Moment ist Schweigen in der Leitung.
  »Tut mir leid«, füge ich hinzu.
  »Haben Sie jetzt Zeit?«
  Der Zug fährt in den Hauptbahnhof ein. Noch zwei Stationen bis Altona.
  »Ich komme gerade mit dem Zug an. Jetzt gleich?«
  »Ein Patient hat abgesagt, wenn Sie in einer halben Stunde hier sein könnten ...«
  »Okay.«
  Eine Therapiestunde. Nicht unbedingt das, was ich mir gerade wünsche oder glaube zu brauchen, aber vielleicht sollte ich dort anfangen. Bei Berghöff. Und alles entwirren.
  Ich nehme meinen Rucksack von der Gepäckablage. Im Gang stehen die Mädchen vor mir und starren schon wieder.
  »Hey«, sagt eine der beiden, eine zierliche Rothaarige mit blauen Augen, so als ob wir uns kennen würden, was ich einen Moment lang sogar glaube. Warum starrt sie mich sonst so an? Sie reicht mir eine Karte.
  »Falls du mal Zeit hast.« Sie lächelt und dreht sich zu ihrer Freundin zurück. Die beiden kichern leise. Es ist die Visitenkarte eines Cafés aus Berlin. Auf der Rückseite steht Hannah daneben eine Handynummer.

Es gab eine Zeit, da bin ich dreimal die Woche zu Berghöff gegangen. Vermutlich hätte ich auch in den Zoo gehen und mit den Giraffen reden können oder mit ihnen schweigen, denn es ging hauptsächlich darum, überhaupt etwas zu tun, statt wie betäubt zu Hause zu sitzen und die Wand anzustarren. Ich habe es Nele und meiner Mutter zuliebe getan, die sich Sorgen um mich gemacht haben und denen man Berghöff als erfahrene Gesprächstherapeutin empfohlen hatte. Rückblickend hat es tatsächlich gutgetan, dass jemand wusste, was los ist, auch wenn ich in den Sitzungen meist fast nichts gesagt habe.
  Seit Anfang des Jahres bin ich nur noch einmal wöchentlich zu ihr gegangen und die letzten zwei Monate gar nicht, schließlich war ich in Berlin, das wusste sie. Ich wollte früher zurückkommen, doch dann war da Emmy und ich hatte das Gefühl, alles hinter mir lassen zu können. Für sie. Neu starten zu können. Ich lache leise. Natürlich ist das absurd.
  Seit sie mit mir Schluss gemacht hat, bin ich wie paralysiert. Warum? Lag es wirklich nur an Julian? Immerhin bin ich mit ihm in den Segelclub gegangen. Als sein Partner. Aber vielleicht hat es mich auch nur gereizt, die Leute dort zu provozieren. Wie in alten Zeiten. Da hätte nur noch die Prügelei gefehlt. Und ganz sicher wollte ich Emmy treffen. Sie überraschen, in ihre Augen sehen, ihre Stimme hören. Und wenn ich schon in den Streit zwischen ihr und Julian geraten bin, oder vielleicht sogar der Grund dafür war, dann wollte ich die Sache auch wieder in Ordnung bringen. Was mir hoffentlich mehr oder weniger gelungen ist. Eine Stimme lacht leise in mir.
  Ohne Hintergedanken?
  Verdammt, natürlich nicht ohne Hintergedanken. Aber jemand, der so viel kaputt gemacht hat wie ich, kann ja auch ein Mal im Leben etwas wieder heil machen.
  
Als ich bei Berghöffs Praxis ankomme, bin ich verschwitzt. Ich bräuchte jetzt eher eine Dusche als eine Gesprächstherapie.
  Die Praxis liegt im zweiten Stock, eine großzügige Altbauwohnung, Sisalteppich, weiße Wände, weiße Ledersofas im Vorzimmer, keine Sprechstundenhilfe. Berghöff kommt auf mich zu und reicht mir die Hand.
  »Hallo, Noah, kommen Sie rein.«
  Ich benutze vorher ihr Bad, wasche mich, kühle mich ab und gehe dann in ihr Sprechzimmer, wo mir alles vertraut ist. Der Geruch nach frischen Lilien, das abstrakte Bild an der Wand.
  »Setzen Sie sich.«
  Ein helles, cremefarbenes Leinensofa, auf dem ich sitzen darf. Draußen Leder, drinnen Leinen, bestimmt ein Konzept. Vom Kühlen zum Warmen, vom Formalen zum Persönlichen. So macht man das, oder? Berghöff sitzt mir gegenüber in einem Sessel, zwischen uns der Couchtisch, auf dem nur ein großer Filzuntersetzer liegt. Satt und rot und zufrieden. Jeder schwere oder spitze Gegenstand wäre vermutlich auch zu gefährlich. Steine, Muscheln, sogar einen Bildband könnte man noch durch die Gegend schleudern und Schaden damit anrichten. Dafür hat man bei Berghöff zwei weiche Sofakissen.
  »Nun ...«, sagt sie und stellt ihre Uhr.
  Nach 90 Minuten wird ein Wecker klingeln, egal, wo wir dann stehen.
  »Wie geht es Ihnen?«
  »Gut.«
  Ich schiebe meinen Hoodieärmel über mein Handgelenk, aber sie hat den Folienverband schon entdeckt.
  »Ein neues Tattoo?«
  »Ja.«
  »Und darf ich fragen, was für ein Motiv?«
  »Nichts Besonderes. Es war nur ... ein Geschenk von Matti.«
  Sie nickt. Ich weiß, ich bin jetzt für sie ein wildes und verschrecktes Tier, das man aus der hintersten Ecke des Zimmers locken muss. Und so fühle ich mich auch. Ich bin nicht gewöhnt, mich zu öffnen, auch nach einem Jahr noch nicht. Ich würde ihr gerne helfen, plaudern, lachen, normal sein, aber alles hier erinnert mich an die Vergangenheit, als würde sie hier in diesem Raum jedes Mal auf mich warten, mich anspringen, in meiner Erinnerung herumwühlen, die alten Wunden aufkratzen.
  »Und die Albträume?«
  »Besser. Sehr viel besser.«
  Sie lächelt. »Ja, Sie sehen gut aus. Erholt. Und der Haarschnitt steht Ihnen auch gut.«
  Komplimente um mich aufzulockern, mich zu entspannen.
  »Ich werde nach Berlin ziehen.«
  Sie hebt eine Augenbraue.
  »Ach ja?«
  »Ja, ich habe ein Zimmer gefunden.«
  »Und Nele?«
  »Ich werde es ihr erklären. Ich denke, sie wird das verstehen.«
  In Wahrheit habe ich keine Ahnung, wie sie es aufnehmen wird. Wenn sie es nicht schon ahnt, denn ich war noch nie so lange weg. Außerdem weiß sie, dass mir Berlin und die Freundschaft zu Leo immer gefehlt haben.
  »Das mit dem Studium wird auch klappen, ich muss nur ein Semester wiederholen.«
  »Sie wollen es also beenden?«
  Ihr Ton ist leicht fragend, das Studium war oft ein Thema in den Sitzungen.
  Ich zucke mit den Achseln. Ich sehe mich nicht mit einem Patienten in solch einem Raum sitzen und über seine Probleme reden. Ich sehe mich auch nicht in einem Büro, drinnen, eingesperrt, Statistiken für eine Firma auswerten. Aber ich mag es, mich mit Psychologie zu beschäftigen, ich könnte mich auf Sportpsychologie spezialisieren.
  »Wollten Sie nicht nach dem Grundstudium auf Medizin wechseln?«
  Nein, mein Vater wollte, dass ich das tue.
  Nach dem Unfall war alles anders. Damals war ich meinem Vater dankbar und heute? Ich atme aus, immer, wenn ich in letzter Zeit an ihn denke, verkrampft sich alles an mir, ich halte den Atem an, die Wut zurück. Negative Gefühle anderen gegenüber blockieren Sie am Ende selbst, hat mir Berghöff erklärt. Von ihrem Platz auf der Spitze des Therapeuten-Mount-Everest aus mag das alles richtig sein. Aber das ist die Theorie. In der Praxis würde ich mich gerne betrinken, prügeln und dann alles in einem tiefen Rausch ausschlafen und vergessen.
  »Ich denke, ich bleibe bei Psychologie. Ich könnte auch Sport dazu nehmen. Ich war beim Arzt.«
  Sie richtet sich leicht auf, überrascht. Ich weiß, ich habe den Zeitzünder an der Bombe gezogen, aber ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich sie hier hochgehen lassen will. Andererseits - warum nicht? Wozu ist diese verdammte Therapie denn überhaupt da, wenn nicht, um alles aufzuklären?
  »Sie haben sich also das Zweitgutachten geholt. In Berlin?«
  »Ja, ich wollte einen Spezialisten. Sonst hätte mein Vater die Diagnose nicht akzeptiert.«
  »Es gibt auch in Hamburg Spezialisten«, sagt Berghöff und fällt dabei etwas aus ihrer professionellen Therapeutenrolle.
  Natürlich, aber ich wollte einen Berliner Arzt. Schließlich soll er auch später noch mein Verbündeter bleiben.
  »Und ... ich nehme an, Ihre Vermutung war richtig?«, sagt Berghöff und klingt nun eindeutig so, als ob dies ein Bereich ist, den eine Therapeutin nicht mehr abdecken kann. Was gehen sie die falschen Diagnosen von Kollegen an? Erst recht nicht, wenn derjenige sie für meine Therapie bezahlt. Indirekt, aber immerhin. Aber ich kann damit auch nicht zur Polizei gehen oder vor Gericht. Wer wird einem Arzt eine vorsichtige Prognose vorwerfen? Es heißt ärztliche Meinung, nicht Urteil.
  »Haben Sie mit Ihrem Vater gesprochen?«
  »Ja. Sicher.«
  »Und?«
  Ich lasse mich zurück auf das Sofa fallen. Was denkt Berghöff? So viel müsste sie nach einem Jahr doch über meinen Vater wissen. Er irrt sich nie, das tun höchstens die anderen. Er macht auch keine Fehler. Wie ich. Menschen wie er machen keine Fehler, einfach, weil sie sie nicht so nennen.
  »Er hält seine Einschätzung für richtig. Golf und Sportsegeln kommt vermutlich noch in Frage.« Ich lächele bitter. »Und Schach.«
  Aber sicher weder Dirtbiking noch Parcours noch irgendeine andere Art von Bewegung. Bei der man etwas aufs Spiel setzt, seine körperlichen und mentalen Grenzen austestet. Und genau das will ich. Habe ich immer gewollt. Und er hasst das. An mir und überhaupt.
  »Und was sagt der andere Arzt?«
  »Dass ich mit dem richtigen Training in einem halben Jahr wieder ganz fit werden kann. Komplett.«
  Berghöff nickt.
  Ich starre auf die Uhr, die auf dem Tisch liegt. Warum sitze ich überhaupt hier, wenn ich mir meine Fragen alle selber beantworten kann? Ich muss noch so vieles klären.
  Wie lange noch?
  Berghöff bemerkt meine Unruhe. »Und ... wie läuft es sonst so? Mit Freunden?« Sie beugt sich vor. »Mit Beziehungen?«
  Ich denke an Emmy. Nur will ich auf keinen Fall mit Berghöff über sie reden. Es zerreden oder von ihr analysieren lassen. Ich will noch nicht mal, dass sie etwas von ihr weiß oder auch nur ihren Namen erfährt. Meine bisherigen Kurzbeziehungen kennt sie sowieso, die waren nie wichtig, obwohl sie Berghöff immer besonders interessiert haben. Warum ich nie bei einem Mädchen geblieben bin, es in der Regel nur eine Nacht war. Wie wichtig mir Sex ist und warum ich langfristige Bindungen immer vermieden habe. Ich denke an den Zettel des rothaarigen Mädchens in meiner Tasche, die Telefonnummer. Früher hätte ich sie angerufen, einfach weil ich mich nach Gesellschaft gesehnt habe, einem Gespräch, und Sex wäre dann einfach sospontan passiert. Es war nie das Wichtigste und meist auch nicht das Beste.
  Doch auch das hat sich seit der Begegnung mit Emmy geändert. Mit ihr ist alles wichtig, groß, bedeutend. Der Sex mit ihr war wie ein intensives Gespräch zwischen unseren Körpern. Ganz anders als der schnelle und oberflächliche Sex mit den anderen Mädchen.
  »Noah?«
  Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch und verstehe. Es heißt Gesprächstherapie, weil man etwas erzählen soll. Ich stehe auf.
  »Ich denke, ich gehe jetzt besser.«
  Ihr Blick flackert leicht.
  »Sie sollten ... es ist noch so viel Schmerz und Wut in dir.«
  Allerdings.
  Auf einmal ist sie beim Du, wohin sie immer wechselt, wenn mein Verhalten ihr kindisch vorkommt.
  »Ich danke Ihnen für die Gespräche im letzten Jahr.«
  »Aber ... deine Zeit ist noch nicht um.«
  Ich lächele. Auf einmal bin ich mir sicher.
  »Doch. Ich denke schon.«

  Zwei
  Emmy

Ich stelle meine nackten Füße gegen das Armaturenbrett und entspanne mich. Kolja schaut kurz zu mir, aber in einem Auto, in dem fettige Pizzakartons, ketchupverschmierte Pommesschalen und leere Colaflaschen herumfliegen, sollte das erlaubt sein. Ich bin noch leicht betrunken, auch zwei Kaffee Cortado im Coffee Cross haben daran nicht viel geändert. Außer dass das Koffein mich zusätzlich aufgeputscht hat und mein Herz nun doppelt so schnell schlägt. Das alles kommt zu der allgemeinen Aufregung hinzu.
  Ich bin verrückt! Was mache ich hier?
  Gerade noch auf dem Picknick auf der WiWiss-Wiese neben der Uni und jetzt unterwegs mit Kolja?
  Im Radio kommt Bruno Mars mit Talking to the Moon. Ich drehe lauter und ignoriere Koljas Protest. Ich muss das jetzt hören. Dieses Lied hat mich die letzten Tage über Wasser gehalten, meinen Liebeskummer geheilt, es ist doch ein gutes Zeichen, dass es jetzt im Radio kommt, oder?
  Wir sind schon fast drei Stunden unterwegs und langsam beginne ich, es zu realisieren. Wir fahren tatsächlich nach Hamburg. Zu Noah.
  »Bist du dir sicher, dass du weißt, wo er wohnt?«, frage ich.
  Kolja sieht zur Seite und grinst. Im Gegensatz zu mir ist er ruhig und entschlossen.
  »Klar. Ich musste doch wissen, wo ich ihn erreiche, ihm den Vertrag hinschicke. Er wollte eigentlich schon vor einem Monat zurück nach Hamburg und alles klären.«
  »Ach ja?«
  Kolja lacht. »Was weißt du eigentlich über ihn?«
  »Eine Menge mehr als du über Julian.«
  »Bist du dir da sicher?«
  »Okay, machen wir den Test: Was hört Julian für Musik? Was macht er für Sport? Und wo wohnt er?«, frage ich.
  Kolja beschleunigt, um zu überholen, der alte Passat schnauft und fliegt fast auseinander. Obwohl ich froh bin, dass Kolja sich beeilt, möchte ich doch gerne lebendig in Hamburg ankommen.
  »Ich denke mal, Julian ist nicht so ein Musikfreak«, sagt Kolja. »Ich schätze, er hört die Dinge, die du ihm empfiehlst. Bestimmt machst du ihm Mix-CDs, die alle in seinem Beetle herumfliegen.«
  Okay, nicht ganz falsch.
  »Sport? Ich habe gehört, er macht gar keinen Sport. Das hätte es mir übrigens sehr erleichtert, ihm etwas näherzukommen. Na ja, vielleicht reitet er. Oder Golf. Seine Eltern haben doch Geld, stimmt’s?«
  Ziemlich richtig.
  »Bis er sich geoutet hat, hat er bei seinen Eltern gewohnt und jetzt? Keine Ahnung. Bei dir? Du hast gesagt ... er sucht ein Zimmer?«
  Fast ein Volltreffer.
  »Gar nicht mal schlecht. Er wohnt bei meinem Vater. Vorrübergehend. Und, ja, er sucht ein Zimmer. Da ist doch noch eins in eurer WG frei, oder?«
  Kolja nickt.
  »Wir sind zu viert. Drei Jungs und Mia. Till zieht zum Ende des Semesters nach Lübeck.«
  Ich sehe nach draußen in die flirrende Hitze und drehe die Lüftung höher.
  »Ist das eine Klimaanlage oder nur ein Ventilator, der die heiße Luft verteilt?«
  Kolja lacht. »Jedes System hat seine Grenzen. Das haben wir doch in Psychologie gelernt. Warum studierst du das überhaupt?«
  Ich lasse das Fenster etwas herunter und schiebe meine Hand nach draußen. »Nicht, weil ich ein Psycho bin, falls du das meinst. Ich weiß, dass man sich durch ein Studium nicht selbst therapieren kann.«
  »Na, das ist ja beruhigend. Wir gehören also zu den Normalen.«
  Da bin ich mir allerdings nicht so sicher. Ich finde, wir benehmen uns gerade beide wie Psychos. Zusammen nach Hamburg fahren? Einfach so?
  »Gut. Und warum studierst du dann?«
  Das T-Shirt klebt mir am Körper, ich wickele es nach oben, fächele mir Luft damit zu. Es ist angenehm, dass ich mir keine Sorgen machen muss, ob ich Kolja damit anmache. Ich brauche einen Moment. Warum studiere ich Psychologie?
  »Mich interessiert die menschliche Psyche. Klar, auch meine eigene. Warum ich bestimmte Dinge tue, was mich verletzt, warum ich bestimmte Dinge mag. Warum Andere anders sind als ich.« Ich sehe zu Kolja. »Seit wann weißt du, dass du Jungen lieber als Mädchen magst?«
  »Woah! Das ging jetzt aber schnell.«
  »Okay, du musst es mir nicht erzählen. Aber ... es sind immerhin Dinge, die ich Julian von dir erzählen kann. Falls unser Deal irgendwie funktionieren sollte.«
  »Schon okay.«
  Kolja runzelt die Stirn. Ich hätte gedacht, dass er sofort eine Antwort hat, doch sie kommt zögernd.
  »Eigentlich wusste ich das schon immer. Du weißt schon, beim Fußball, in der Schule. Es war immer klar.«
  »Mädchen haben dich nie interessiert?«
  »Nie körperlich.«
  Überhaupt nie?
  »Und ...«, frage ich vorsichtig weiter, »seit wann bist du in Julian verliebt? Ich meine, wann und wo hast du ihn das erste Mal gesehen?«
  Kolja überlegt. »In der Mensa. Mit dir. Letztes Jahr.«
  Ich versuche mich zu erinnern. Julian geht fast nie in die Mensa, wir waren höchstens ein paar Mal dort.
  »Und du wusstest sofort, dass er schwul ist?«
  »Oh, nein, am Anfang nicht. Ihr wart ja immer zusammen. Ich habe es nur gehofft. Und dann habt ihr ja noch angefangen, euer Partyspiel zu spielen.«
  »Bitte?«
  »Die Küsserei. Und ich muss sagen, am Anfang habe ich es euch echt abgenommen.«
  Nichts, woran ich gerade gerne erinnert werde.
  Kolja deutet auf ein Ausfahrtsschild. »Wir sind gleich da. Schon einen Plan?«
  Mein Puls rast.
  »Plan?«, krächze ich.
  »Na ja, was du sagen willst, wenn wir bei Noah sind. Willst du vorher anrufen?«
  »Ich habe seine Nummer gar nicht. Und den Nachnamen kenne ich auch nicht.«
  Kolja sieht zu mir, hebt die Augenbrauen. »Was?«
  Ich lache verlegen. »Es gab den Moment irgendwie nicht.«
  »Oder ihr wolltet es nicht.«
  »Bitte keine tiefenpsychologischen Deutungen.« Ich nage an meiner Unterlippe. »Meinst du, ich sollte vorher anrufen?«
  Wir haben die Autobahn verlassen, landen mitten im Berufsverkehr und stehen im Stau. Gerade ist mir die Verzögerung allerdings sehr recht.
  Kolja überlegt. »Ich finde, der Überraschungsmoment hat was. Ich würde nicht anrufen.«
  »Stimmt«, sage ich, obwohl ich nicht eine Sekunde darüber nachgedacht habe. Mein Gehirn ist wie leergefegt und ich habe ein ungutes Gefühl im Magen, eine Art Lampenfieber.
  »Wo müssen wir überhaupt hin?«
  »Hamburg Ottense. Du hast doch ein iPhone, frag mal dein Navi.«
  Er nennt mir die Straße und mein Herz schlägt noch schneller. Bin ich ein Teenager, der schon rot wird, wenn irgendjemand Noahs Namen ausspricht?

Als wir in der richtigen Straße ankommen, ist es Spätnachmittag. Die Hitze hat etwas nachgelassen, ich bin trotzdem verschwitzt. Kolja hält vor einem der mehrstöckigen Mietshäuser. Die richtige Hausnummer.
  »Ich müsste duschen.«
  Kolja zieht die Augenbrauen hoch. »Tschuldigung? Du siehst wohl zu viele Filme, wo die Leute nach einer Liebesnacht immer frisch geschminkt und gekämmt aufwachen und so tun, als ob sie die ganze Nacht fantastischen Sex gehabt haben. Das hier ist die Realität! Hier in diesem Haus wohnt die Liebe deines Lebens und du willst eine Dusche?«
  Ich nehme meine Beine vom Armaturenbrett, ziehe sie auf den Sitz und lege meine Arme um sie. Ich habe Angst.
  Kolja lehnt sich zu mir rüber und schnuppert ganz ungalant an meinem T-Shirt.
  »Du stinkst jedenfalls nicht.« Er beugt sich nach hinten und kramt zwischen Büchern und Seminararbeiten auf dem Rücksitz herum.
  Wohnt er eigentlich in seinem Auto?
  »Ich hatte hier irgendwo noch ein Deo - aha, da!«
  Es ist ein Männerdeo, aber ich schiebe meinen Arm unter das Shirt und sprühe mich ein. Sofort riecht das ganze Auto nach Moschus. Ich sehe vorwurfsvoll zu Kolja, der nur breit grinst.
  »Ich find`s geil.«
  »Und was jetzt?«
  »Du gehst zur Tür und klingelst. Dann ins Haus, bis zur Wohnung und sagst hallo!«
  Unmöglich. Dieser Teil des Plans ist absolut schlecht durchdacht.
  »Soll ich mitgehen?«, fragt Kolja.
  Noch schlimmere Vorstellung.
  Er sieht mich auffordernd an. »Also, wenn wir hier noch länger im Auto sitzen, dann fangen wir ganz sicher an zu stinken. Mit oder ohne Deo.«
  Ich öffne die Beifahrertür, die Wärme strömt ins Auto, doch die Luft ist angenehm frisch.
  »Okay. Bis gleich.«
  Ich habe weder vor zu klingeln noch nach oben zu gehen. Ich hoffe, dass mich niemand von welchem Zimmer auch immer beobachtet und wir nach meinem Scheinversuch einfach wieder zurückfahren. Egal wie verrückt das ist. Eine Dummheit wird jedenfalls nicht besser durch eine noch größere Dummheit.
  Ich trippele barfuß über den heißen Asphalt bis zur Haustür.
  Acht Klingelschilder starren mich an. Verdammt, ich weiß noch nicht mal, wohin ich meinen Finger ausstrecken muss, um Kolja zu täuschen. Aber er war ja wohl kaum schon mal hier. Ich wähle einen Klingelknopf in der Mitte und simuliere ein Klingeln. Warte. Kolja steigt aus seinem Passat.
  Was soll das jetzt?
  Er kommt zu mir, fixiert meinen ausgestreckten Finger.
  »Du kennst doch seinen Namen gar nicht.«
  Ich krümme meinen Finger zurück, ich werde nicht gerne beim Schwindeln erwischt.
  Kolja scannt das Klingelbrett. »Ah, hier!«
  Und bevor ich auch nur Halt denken kann, saust sein Finger auf den Klingelknopf und bleibt dort eine gefühlte halbe Minute liegen.

Behrens/Roth

Zwei Namen, eine Zweier-WG, wie heißt er?
  »Behrens«, sagt Kolja und beugt sich dicht zu einer Gegensprechanlage. Doch es schnarrt nur und ich werfe mich instinktiv gegen die Tür, die sofort aufspringt. Obwohl ich Kolja nicht dabeihaben wollte, bin ich nun doch froh, dass er mich begleitet. Es sieht harmloser aus, fast als wären wir zufällig vorbeigekommen. Obwohl das natürlich absurd ist.
  Aus Berlin?
  Ich gehe die Treppe hoch, nach der Höhe des Klingelschilds zu urteilen wohl zweiter Stock und Kolja bleibt dicht hinter mir, als wollte er verhindern, dass ich weglaufe. Mein Herz hämmert nun gegen meinen Brustkorb, so fühlt sich das wohl an, kurz vor dem Herzinfarkt. Oben geht eine Tür auf, nächster Treppenabsatz, ich werde langsamer, aber Kolja schiebt von hinten.
  Wir sind oben, eine Tür steht leicht offen, ich sehe auf einen warmen Holzfußboden und eine bunte Mischung aus Schuhen, Pumps und Turnschuhe und Jacken an einer Garderobe.
  »Komme!«, ruft eine weibliche Stimme, dann wird die Tür aufgerissen. Vor uns steht ein Mädchen, etwas älter als ich, in einem Bikinioberteil und einer Jeans, mit hellen Haaren und einem Lächeln.
  Tolle Figur, nettes Gesicht.
  »Hi!«
  Sie legt leicht fragend den Kopf schief, da ich nichts sage. Nichts sagen kann. Wer ist das? Zwei Namen, zwei Leute in einer Wohnung. Wer sagt dazu WG? Ich würde das Beziehung nennen.
  »Hallo«, antwortet Kolja für mich. »Wir wollen zu Noah.«
  Er legt einen Arm um meine Schulter und lässt ihn dort entspannt liegen. Erst jetzt merke ich, dass ich zittere.
  Sie verschränkt ihre Arme.
  »Noah ist nicht da. Sorry.«
  Da ist ein Misstrauen in ihrer Stimme, das mich hellhörig macht. Es klingt nicht nach Mitbewohner. Es klingt nach Freundin.
  »Wann kommt er ... zurück?«, fragt Kolja.
  »Keine Ahnung. Kann ich was ausrichten?«
  »Nein, nein«, sage ich schnell, bevor Kolja auf die Idee kommt, mich vollständig zu blamieren.
  »Schon okay, wir waren nur gerade in der Gegend.«

    


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KATRIN BONGARD

KISSING ONE MORE

Band 3 der Kissing-Serie
Kissing one more von Katrin Bongard

KISSING ONE MORE

E-Book
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Seiten
ISBN
4,99 €
9,99 €
324
978-3-943799-69-9
New Adult – Young Adult – All Age

Kolja ist attraktiv und charmant, die Liste der von ihm gebrochenen Herzen endlos. Doch diesmal hat es ihn selbst erwischt und der schüchterne Julian scheint sich nicht für ihn zu interessieren.
Emmy ist mit beiden befreundet und glaubt fest daran, dass die Jungs zusammengehören und sich nur besser kennenlernen müssen. Doch auch Emmy weiß nicht, dass Koljas Leben nicht so problemlos ist, wie es nach außen erscheint.

Kissing one more

Kolja

Ich stehe in dem weißgefliesten Bad, lehne mich über das Designerwaschbecken und starre in den Spiegel, ohne mich richtig anzusehen.
   Scheiße, scheiße, scheiße.
   Das dritte Date, oder was auch immer das sein sollte, und nun ist es offiziell. Nach dem letzten Mal hätte ich gehen können, eine einmalige Sache, nach dem ersten Mal kann man immer gehen. Deshalb nennt es sich ja One-Night-Stand und nicht Two- oder Three-Night was auch immer. Ich hätte nicht nur gehen können, ich hatte gehen müssen, denn das ist nicht irgendeine Affäre, das ist ein verdammtes Durcheinander, in das ich mein Leben manövriert habe. Verdammt! Ich fahre durch mein Haar, es würde mich nicht wundern, wenn ich erste graue Strähnchen entdecken würde, ich altere in Sekunden.
   Scheiße, verdammte!
   Dann beruhige ich mich. Kein Weltuntergang. Einfach nur eine Erfahrung mehr. Ich reiße mir das T-Shirt über den Kopf und streife die Boxershorts ab. Es ist schwülwarm in der Dachwohnung oder wie er sagt: dem Penthouse. Die halbe Nacht konnte ich nicht schlafen.
   Ich dusche, lasse kaltes Wasser über mein Gesicht laufen, bleibe so, bis ich zu frieren beginne. Drehe warmes Wasser auf, wieder kaltes. Eine Sache hat jedenfalls gut geklappt: Ich habe Julian für ein paar Stunden vergessen. Julian. Ich hasse mein Ausgeliefertsein, die Verwundbarkeit, wieso kann ich den Typen nicht einfach vergessen? Er ist ein Kind. Ständig rufen Leute an, ich muss mir nur jemanden aussuchen, also wieso ausgerechnet er? Ich gehe aus der Dusche, streiche mir die nassen Haare zurück, sehe wieder in den Spiegel, diesmal konzentriert. Wer bin ich?
   Es ist nicht so, dass ich dachte, es würde mich nie erwischen. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich heftig verliebt bin. Aber es ist das erste Mal, dass ich meine Gefühle nicht unter Kontrolle bekomme. Nach einer kurzen Phase von Liebeskummer nicht einfach wieder zum normalen Leben übergehen kann.
   Verdammt!
   Und jetzt das hier. Großartig, Kolja, wirklich herausragend dämlich. Ich schnappe mir eines der Kingsize-Badehandtücher und frage mich, wie viele Jungs hier schon geduscht haben? Wie oft jemand wie ich hier gestanden hat, das Philippe-Starck-Waschbecken bewundert hat und sich genau wie ich gefragt hat, wie das weitergehen soll? Ich ziehe die Boxershorts über, rubble mein Haar kurz trocken. Der Spiegel ist jetzt beschlagen, gut so. Ich will mich nicht mehr sehen, nicht sehen, was er sieht.

Die offene Küche ist Teil des großen Wohnraums. Sie ist aufgeräumt, bestimmt kommt regelmäßig eine Putzfrau. Ist das nur sein Liebesnest oder wohnt er hier wirklich? Ich reiße den Kühlschrank auf, der locker mit Lebensmitteln gefüllt ist. Steiner hat Stil. Biobutter und Käse, Parmaschinken und Oliven, Champagner und Erdbeeren. Ich dachte, das wäre nur ein Hetero-Klischee, etwas, mit dem man Hochzeitssuiten ausstattet, aber nichts, was man sich selbst in den Kühlschrank stellt. Gestern hat er Nudeln zubereitet, waren die Erdbeeren als Nachtisch gedacht? Als Vorspiel? Ist das seine Vorstellung von Verführung? Sanft, beharrlich, erwachsen?
   Er kommt aus dem Schlafzimmer, stellt sich kurz hinter mich und greift mir ins Haar.
   »Gut geschlafen?«
   Ich nicke, bleibe vor dem geöffneten Kühlschrank stehen, drehe mich nicht um. In der kühlen Luft bildet sich eine Gänsehaut auf meiner Haut, gleichzeitig erregt mich seine Berührung, mir wird heiß, ein seltsames Gleichgewicht.
   »Ich gehe kurz duschen, dann mache ich uns Frühstück.«
   Ich nicke wieder und komme mir jung vor, fast wie ein Kind. Ich höre die Schritte seiner nackten Füße auf dem Laminat, wie er zum Bad geht, die Tür schließt. Ruhe. Ich drehe mich langsam um, schließe den Kühlschrank, atme auf, sehe mich um.
   Auch die Küche ist durchgestylt, moderne Möbel, teure Geräte. Auf einmal ist es ganz klar, er hat alles so übernommen. Irgendein Kollege oder Bekannter hat ihm das Appartement in diesem Zustand übergeben, vermutlich gleich nach seiner Scheidung. Ich sehe es direkt vor mir, wie er das Penthouse betreten hat, den Blick schweifen ließ und sich entschieden hat. Es ist eine von Steiners Stärken, etwas, das ich an ihm bewundere. Er weiß schnell, was er will, und er nimmt es sich. Wie mich.
   Ich setze mich an die Küchenbar, sehe zur Küchentheke, der Einhebel-Espressomaschine, die vermutlich ein Vermögen gekostet hat. Ich überlege, schon den Tisch zu decken, etwas zu tun, aber dann gehe ich nur zu der Ledersitzgruppe, durchsuche meine Jeans nach dem Handy und checke meine Mails und Nachrichten. Gestern habe ich mein iPhone am Computer synchronisiert, heute taucht das Quizduell-Logo wieder auf. Verdammt, ich schaffe noch nicht mal aus diesem Spiel auszusteigen. Ein Fenster poppt auf, JUJU22 hat mir eine Nachricht geschickt. Ich sehe nicht nach. Ich muss alle Erinnerungen kappen, so gut es geht. Doch wie soll das funktionieren, jetzt, wo sich unsere Freundeskreise vermischt haben? Ich stöhne.
   Er ist noch ein Junge, er hat sich gerade erst geoutet, er ist es nicht wert, dass ich mich wegen ihm fertig mache.

»Und? Was hättest du gerne, Kolja?«
   Steiner kommt aus dem Bad, frottiert sich die kurzen Haare, wirft das Handtuch lässig auf die Ledersitzgruppe. Er nennt mich gerne beim Vornamen, und er will, dass ich ihn auch mit seinem anspreche. Peter. Doch in meinen Gedanken bleibt er Steiner, Professor Steiner, mein Prof, der Prof. Ich teste es leise aus: Peter, Peter. Es klingt seltsam.
   Er tritt an mich heran, umarmt mich. Man sollte es nicht denken, an der Uni ist er sehr formell, herrisch, streng, aber privat ein Kuschler. In der Nacht wollte ich gehen, doch er hat darauf bestanden, dass ich bleibe.
   »Rührei mit Speck?«
   Ich lasse mein Handy sinken, mein Körper entspannt sich, ich nicke. Er löst seine Umarmung, geht hinter die Theke und nimmt Eier und Schinken aus dem Kühlschrank. Ich sehe ihm zu, bewundere, wie er alles im Griff hat. Bei ihm fühle ich mich geborgen und sicher. Er ist erwachsen.
   Ich setze mich auf die andere Seite der Theke, lasse mich ein. Wie lange ist es her, dass jemand für mich Frühstück gemacht hat? Prostituiere ich mich gerade für Eier mit Speck?
   Unsinn.
   Und den Hiwi-Job habe ich auch nicht bekommen, weil ich mit ihm ins Bett gehe. Das kam erst danach.
   Er trägt ein blaues Poloshirt, das perfekt zu seinen meerblauen Augen passt, und halblange Shorts. Segelt er? Spielt er Golf? Was weiß ich über ihn? Nichts.
   Ich beobachte, wie er Eier am Pfannenrand aufschlägt und mit zwei Händen über der Pfanne ausgießt. Ein Kochprofi hätte es mit einer Hand getan, er macht das noch nicht lange. Ich frage mich, wie das für ihn war, nach zwanzig Jahren Ehe zu erkennen, dass er Männer mehr liebt als Frauen. Für mich war das immer klar. Oder ist er bisexuell?
   Steiner stellt Teller auf die Küchentheke, Besteck.
   »Kaffee?«, fragt er und deutet auf die Espressomaschine.
   Ich nicke. »Gerne.«
   Ich will vor allem sehen, wie er das Ding bedient, doch er nickt mir zu. »Kannst du das machen?«
   Er dreht die Kochplatte herunter und geht ins Schlafzimmer, überlässt mir die Küche.
   Das ist typisch für ihn, so arbeitet er auch an der Uni. Sobald er den Eindruck hat, ich kann eine Sache allein, überlässt er sie mir, kontrolliert selten, erwartet, dass ich Probleme alleine löse. Was ich immer tue. Ich sehe sogar die Seminararbeiten durch und gebe sie ihm dann vorbereitet mit Anmerkungen zurück. Der perfekte Mitarbeiter, zu allem bereit, auch nach der Arbeit, denke ich zynisch.
   Als Steiner zurückkommt, stehe ich neben der Espressomaschine und sehe mir zum zweiten Mal ein YouTube-Video an, indem erklärt wird, wie man einen Two-Shot-Espresso mit einer Einhand-Hebelmaschine zubereitet. Das Einzige, was ich bis dahin verstanden habe, ist, dass alle Handgriffe, die mir immer so selbstverständlich vorkommen, wenn ich dem Barista im Café halbaufmerksam zugesehen habe, offenbar ein besonderes Training erfordern. Armhaltung. Tampern des Kaffeemehls. Tampern, nicht pampern. Bis jetzt habe ich noch nicht einmal die Espressobohnen gefunden, die man frisch mahlen soll.
   Steiner sieht mir für einen Moment zu. Peter, sage ich mir. Peter. Peter, Peter. Ich sehe auf und er wirft mir ein weißes T-Shirt zu. Das ist wie zu Hause, nicht mit nacktem Oberkörper am Tisch sitzen, ich verstehe. Ich ziehe es über, es riecht nach Weichspüler und sitzt eng. Ist es von Steiners Sohn? Ich sollte wirklich aufhören, mir diese Fragen zu stellen.
   »Lass nur, ich mach schon«, sagt er und holt eine Dose mit gemahlenem Espresso, füllt ihn in das Sieb, klemmt es fest, vereinfacht die ganze Sache. Vielleicht mache ich alles zu kompliziert? Das hier ist einfach nur eine Nacht, die ich mit meinem Prof verbracht habe.
   Die Espressomaschine schnauft los, er legt seine Arme von hinten um mich, flüstert in mein Ohr.
   »Was sind deine Pläne für den Sommer? Wie wär’s, wenn wir irgendwohin reisen? Rom? Paris?«
   Ich halte den Atem an. Hat er verreisen gesagt?
   »Was ist mit deinen Kindern?«
   Hat er nicht gesagt, er muss sich mehr um sie kümmern?
   Er nimmt die Arme herunter, spürt meine Abwehr.
   »Hör mal, Kolja, meine Familie weiß Bescheid. Es ist nicht so, dass ich den normalen Familienvater spielen muss. Wir haben ein Jahr Therapie hinter uns, es ist alles gesagt. Meine Kinder sind Teenager und manchmal etwas empfindlich, aber sie respektieren mein Leben.«
   »Ja, klar, es ist nur ...«
   »Was?«
   Ich bin fünf Jahre älter als sein Sohn. Er weiß natürlich, was ich denke, dreht mich zu sich, fasst mich an den Schultern.
   »Man kann seine Gefühle doch nicht steuern? Glaubst du, ich wollte mich in einen Studenten von mir verlieben? Glaubst du, ich weiß nicht, wie kompliziert das alles macht?«
   Ich senke den Kopf. Verlieben. Er hat es echt ausgesprochen, so als wäre das eine Voraussetzung.
   Ich dachte, wir hatten Sex miteinander. Red dich nicht raus! Okay, ich wusste schon länger, dass er sich für mich interessiert. Seine Blicke, die Andeutungen. Auch deshalb habe ich die Assistentenstelle bekommen.
   Verdammt!
   Was will ich?
   Sein weicher Blick.
   »Tja, weiß nicht.« Ich grinse. »Ich habe da ja einen Job an der Uni, da kann ich nicht einfach wegfahren.«
   Er verzieht das Gesicht, lächelt schräg. Wenn er so ist, mag ich ihn, dann weiß ich, warum ich diese Sache mit ihm überhaupt angefangen habe, mitgegangen bin, eingewilligt habe. Seinen Humor, seine Intelligenz. Zu intelligent, als dass ich ihm etwas vormachen könnte. Und er weiß, was ich empfinde. Das nehme ich jedenfalls an.
   »Also wann?«, frage ich, weil es auf einmal der perfekte Fluchtplan ist. Irgendwo hinfahren, Julian vergessen, alles vergessen.
   »Nächstes Wochenende?«
   Ich nicke, nehme mein Handy heraus, checke die Termine. Nicht, dass ich so viele hätte, aber dann fällt es mir ein.
   »Nee, da geht es nicht. Da wird mein Neffe getauft. Da fahre ich nach Hause.«
   Er lächelt überrascht. »Nach Hause? Du bist nicht aus Berlin?«
   »Hannover.« Ich grinse. »Total unterschätzte Stadt.«

Noah

Die Sonne fällt schräg auf das weiße Bettzeug, ihren lang ausgestreckten Körper. Sie liegt auf dem Bauch, schläft, die Decke unter ihr verknüllt. Ich folge der Linie ihres Rückgrates bis zu der Mulde über ihrem Hintern, einer perfekten Mulde, ich könnte sie schon wieder lieben. Ich lehne den Kopf an die Wand, atme.
   In der Nacht war es schwül und auch dieser Tag wird heiß werden. Ich lasse meinen Blick durch das Zimmer schweifen, den weiß gestrichenen Boden. Ich denke an den Tag, als wir hier zusammen renoviert haben. Und ich ständig überlegt habe, wie und wo ich mich mit ihr verabreden könnte. Mich gefragt habe, ob sie überhaupt Interesse an mir hat. Und nun liegt sie hier, nackt neben mir ausgestreckt. Manchmal kommt es mir wie ein Traum vor. Ich lasse meine Finger sanft über ihren Rücken gleiten und sie seufzt leise, dreht ihren Kopf zu mir, blinzelt.
   »Du bist ja schon wach?«
   »Na ja, ich habe die Augen offen.«
   Sie schiebt sich zu mir, legt ihre Hand auf mein Tattoo, die blaue Krähe.
   »Morgen, Charly.«
   »Charly?«
   Sie lächelt. »Sie muss einen Namen haben. Ich meine, sie ist ständig dabei.« Ihr Lächeln wird breiter. »Bei allem.«
   »Okay, einen Namen. Allerdings bin ich mir noch nicht mal sicher, ob es ein Er ist.«
   Sie fährt hoch, besieht sich die Krähe, runzelt die Stirn. Dann küsst sie das Bild, als ob es nicht zu meinem Körper gehören würde, aber natürlich erregt es mich.
   »Hey, das ist nicht fair ...«
   Ihre Hand zieht mich nach unten. »Es muss nicht fair sein.« Ich spüre ihre Haut, die etwas kühler als meine ist. Wir haben uns die ganze Nacht geliebt, wir haben uns die letzten Tage geliebt und jedes Mal ist es wieder neu und anders und aufregend. Ich bin angekommen, schießt es mir durch den Kopf. Sie ist das Mädchen. Das Mädchen, auf das ich immer Lust haben werde, die mich immer wieder neu herausfordert. Ich taste mit einer Hand unter das Kopfkissen, wo ich gestern eine Handvoll Kondome deponiert habe, und entspanne mich. Es gibt nichts zu tun, außer, sie zu lieben.

Als ich aus dem Bad komme, schaut Leo aus der Küche.
   »Alles gut?«
   Ich zucke mit den Achseln. Er grinst, mustert das um meine Hüften gewickelte Handtuch, nickt zufrieden. Ich weiß, was er denkt. Ich bin jetzt eine Woche mit Emmy zusammen und ich bin nicht auf der Flucht. Ganz im Gegenteil.
   »Frühstückt ihr mit?«
   »Ich frage Emmy.«
   Die Badezimmertür öffnet sich und Emmy erscheint in meinen Boxershorts und einem engen Trägerhemd, frottiert sich die nassen Haare und umarmt mich.
   »Kinder, habt ihr denn noch nicht genug?«, sagt Leo und verzieht tadelnd das Gesicht. »Heute Nacht habe ich dich stöhnen hören und dachte, du hast einen Albtraum. Ich war schon auf dem Weg, da habe ich Emmy gehört.«
   Emmy schlägt ihn mit dem Handtuch, und er flieht in die Küche, wo Fiona steht und seelenruhig Kaffee kocht.
   »Den muss man frisch trinken«, sagt sie und Emmy setzt sich sofort auf die Bank und schnappt sich einen Becher.
   »Zieh dir was an, Noah, damit sich die Krähe nicht erkältet«, sagt Fiona.
   Ich grinse zu Emmy. »Wow, Mama und Papa sind aber streng heute.«
   Sie grinst zurück. »Die sind ja auch schon sechzig Tage zusammen, da ist alles Routine.«
   Leo verzieht keine Miene, geht zu Fiona, umarmt sie von hinten und legt seine Hände auf ihre Brüste, während sie den Kaffeefilter abtropfen lässt. Erst dann dreht sie sich um und küsst Leo leidenschaftlich.

In ihrem Zimmer stehe ich ratlos herum. Ich bin jetzt schon fast vier Tage bei Emmy und langsam gehen mir die Sachen aus. Ich ziehe mir meine Badeshorts über und ein T-Shirt, dann hole ich mein iPhone, schreibe Alles Sonne, mache ein Bild mit Snapchat aus dem Fenster und schicke es an Nele. Ich habe ihr versprochen, mich zu melden, und im Moment ist es das, was ich schaffe: ein Bild mit Minitext.

In der Küche duftet es nach frischem Kaffee und Toast. Emmy zieht mich auf die Bank, küsst mich.
   »Heute wieder an den See?«, fragt Leo.
   »Ich habe heute Nachmittag einen Segelschüler«, sage ich und angele mir eine Scheibe Toast.
   Fiona gießt mir Kaffee ein. »Kannst du nicht absagen? Das Wetter ist so toll und es ist doch sowieso Flaute.«
   Ich schmiere den Toast, sehe nicht auf. Natürlich könnte ich absagen, das Dumme ist nur: Ich brauche das Geld. Die Reparatur des Motorrades, der Umzug und die Tatsache, dass ich gerade zwei Mieten zahle, haben mein sowieso schon geringes Erspartes aufgebraucht. Dazu kommt der Streit mit meinem Vater, von dem ich kein Studiengeld mehr annehmen will. Nele nennt es falschen Stolz, aber solange er erwartet, dass ich Medizin studiere, habe ich keine Lust, sein Geld für das Psychologiestudium anzunehmen. Mir fällt auf, dass ich Kolja die Miete für August noch nicht gegeben habe, und stöhne unwillkürlich.
   »Schon gut, wenn du lieber segeln willst«, sagt Leo, der mein Stöhnen falsch interpretiert.
   Auf einmal finde ich es selber schwachsinnig, heute Unterricht zu geben. Bei dem Wind kann ich meinem Schüler höchstens Knoten oder Segel anschlagen beibringen, vermutlich sagt er selber ab, wenn er merkt, dass kein Wind ist. Doch bevor ich etwas sagen kann, legt Emmy ihre Hand auf mein Knie.
   »Ich kann auch nicht, ich treffe mich heute mit Julian. Wir können doch abends zusammen grillen. Hier auf dem Balkon oder so.«

»Ich bin dabei«, sagt Fiona und langt zum Kühlschrank, der in der kleinen Küche problemlos vom Tisch zu erreichen ist. »Okay, hier liegen vier Tofuwürstchen von Leo. Verfallsdatum überschritten. Eine Idee, was wir sonst noch so auf den Grill werfen können?«
   »Wohin sind die Zeiten, als hier noch halbe Schweine im Kühlschrank lagen«, sagt Leo, obwohl er heilfroh ist, dass diese Zeiten vorbei sind.
   Leo und ich sehen uns an und denken dasselbe. Die erste Party damals hier, in dieser Mediziner-WG. Leo verliebt in Fiona, ich interessiert an Emmy und dann dieses Schwein im Kühlschrank, das uns etwas aus dem Konzept gebracht hat, weil wir uns auf einmal sicher waren, dass nur ein Typ solche Fleischmengen einlagern würde.
   Fiona nickt zu Emmy. »Sag Julian, er soll die Gefriertruhe seiner Eltern plündern, dafür darf er mit zum Grillen kommen.«
   »Ey, was ist mit mir!«, protestiert Leo, der kein Fleisch isst.
   Fiona winkt ungeduldig ab. »Die haben da alles, kein Problem.«
   »Apropos kein Problem«, sagt Emmy. »Es gibt da eines.«
   »Tauen sie die Truhe gerade ab?«, fragt Fiona und verteilt frisch getoastetes Weißbrot.
   »Nein, es geht um Julian. Wir müssen einen Rettungsplan aufstellen! Er dreht bei seinen Eltern durch. Seine Mutter denkt, er zieht wieder zu Hause ein, und erwartet, dass er täglich an den Mahlzeiten teilnimmt.«
   Fiona zuckt mit den Schultern. »Warum zieht er nicht ins Hotel? Oder zu Juan? Ich dachte, sie sind Freunde.«
   Emmy presst ihre Lippen kurz zusammen. Ich weiß, dass sie sich Sorgen um Julian macht und ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber hat. Nicht nur, dass wir zusammen sind, auch, weil es ihr gut geht und ihm offenbar nicht. Wir haben ihn mehrmals eingeladen, mit uns an den See zu fahren oder abends dazuzukommen, und er hat jedes Mal abgesagt. Ich weiß zwar nicht genau, was abgeht, aber Juan ist bestimmt nicht die Lösung. So viel habe ich verstanden.
   »Sein Vater gibt ihm kein Geld, weil er, seinen Lebensstil nicht unterstützen möchte«, erklärt Emmy. »Und seine Mutter ... keine Ahnung, Julian hat angedeutet, dass sie immer noch glaubt, er wäre in einer Orientierungsphase.«
   »Was bedeutet?«, fragt Fiona.
   »Na ja, sie lädt wohl ständig irgendwelche Cousinen und Bekannte mit Töchtern zum Essen ein.«
   Leo sieht kurz zu mir, dann zu Fiona. »Verstehe.«
   Auf einmal sind alle Augen auf mich gerichtet.
   »Was?«
   Fiona räuspert sich schließlich. »Hör mal, Noah, hier ist eindeutig kein Platz für Julian und bei Leo auch nicht. Aber bei euch, da stehen zwei Räume leer.«
   Ich sehe zu Emmy, die unentschlossen die Schultern hochzieht. Wir beide wissen, dass Kolja schweren Liebeskummer wegen Julian hat und bestimmt nicht einverstanden ist, dass er in seine Nähe zieht. Selbst wenn es nur vorübergehend ist – und schon gar nicht, wenn Juan noch eine Rolle in Julians Leben spielt.
   »Also leer würde ich das nicht nennen. Ich weiß noch nicht mal, ob die anderen nicht zwischenzeitlich schon zurückgekommen sind.« »Dann schau halt mal nach«, sagt Leo wie immer pragmatisch.
   »Okay.«
   Emmy löst ihre Hand von meinem Oberschenkel und steht auf.
   »Ich fahr dann mal los.«
   »Bei Losfahren fällt mir ein«, sagt Leo, fährt sich durch sein Haar und lässt die Hand im Nacken liegen. Ich kenne die Geste. Er will etwas ansprechen, weiß aber nicht so genau wie.
   »Was ist?«
   Emmy sinkt zurück auf die Bank.
   Er sieht zu mir. »Was ist mit unserer Fahrt ans Meer?«
   Einmal im Jahr fahren Leo und ich ans Meer. Wenn auch nur für einen Tag. Bevorzugt im Sommer. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass ihm das dieses Jahr und seit er mit Fiona zusammen ist, gar nicht mehr so wichtig ist.
   »Mach einen Vorschlag«, sage ich.
   Leo sieht zu Fiona. Offenbar hat er das schon mit ihr geklärt. Ich sehe fragend zu Emmy, die entspannt nickt.
   »Nächstes Wochenende?« Ich sehe zu Emmy.
   »Ja klar«, sagt sie.
   »Ist eine alte Tradition«, erklärt Leo.
   Fiona grinst. »Dann macht ihr Feuer am Strand und schweigt euch endlich mal gründlich aus.«
   »Ja«, sagt Leo todernst. »Und wir fangen Wale und sammeln Muscheln und essen Fischbrötchen, bis uns schlecht wird.«
   »Wie schon eure Großväter«, sagt Emmy. »Und Fi, wir können dann endlich Downtown Abbey gucken.«
   »Also abgemacht«, sagt Leo. »Mein Auto, dein Zelt.«
   »Okay, einverstanden.«
   Emmy steht auf. Ich begleite sie in den Flur, wo sie ihre Lederhose überzieht und schweigend Jacke und Helm zusammensucht. Ich lehne an der Wand, sehe ihr zu und spüre ein seltsames Gefühl in meiner Brust. Ich vermisse sie.
   Schon jetzt, obwohl sie noch nicht einmal die Wohnung verlassen hat.
   »Hey!«
   Sie sieht auf und ich erkenne an ihrem Blick, dass es ihr genauso geht. Wir waren die letzten Tage und Nächte ununterbrochen zusammen, Trennung war irgendwie nicht vorgesehen. Wenn auch nur für ein paar Stunden. Sie legt ihren Helm ab, stellt sich vor mich und ihre Hände rechts und links neben mich an die Wand. Wenn man Emmy nur oberflächlich kennt, könnte man sie für unsicher halten. Sie trifft ihre Entscheidungen nie schnell oder unbedacht und stürzt sich nicht in etwas hinein. Aber wenn sie sich für etwas entscheidet, dann ist sie mit voller Energie und Leidenschaft dabei. Ich spüre ihre Gedanken förmlich, wie sie zögert, ob sie noch etwas bleiben soll. Ihre Nähe erregt mich, ich umarme sie, ziehe sie an mich. Wir küssen uns ganz leicht, als würden wir uns voneinander verabschieden, aber eigentlich flirten wir schon wieder miteinander. Ich will, dass sie bleibt, wir einfach wieder zurück in ihr Bett gehen, uns lieben. Ich sauge den Duft ihres Haarshampoos auf, ihrer Haut, flüstere:
   »Okay, du musst dann also los ...«
   »Ja«, sagt sie und rührt sich nicht von der Stelle. Ich löse meine Umarmung, breite die Arme aus, aber statt dass sie geht, schiebt sie ihre Hände unter mein Shirt, legt sie auf meinen Brustkorb und seufzt.
   »Wann hast du diese Segelstunde?«
   »Um vier. Wann erwartet dich Julian?«
   Sie küsst mich und lächelt. »Irgendwann am Nachmittag ...«


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