HENRIETTE NEBLING

ETAIN —
Der verlorene Prinz

Etain von Henriette Nebling

Etain

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Seiten
ISBN
4,99 €
14,99 €
457
978-3-943799-64-4
Young Adult / Fantasy / Romantasy

*fantasievoll, romatisch, phantastisch*

Die Studentin Etain kann sich nicht erklären,was es mit den schönen und seltsamen Geschöpfen auf sich hat, die immer wieder ihre Nähe suchen. Bis der attraktive Finn sich als Elb zu erkennen gibt. Er verführt Etain, mit ihm nach Awelon zu reisen, und zeigt ihr seine verwunschene Welt. Doch Finn verschweigt seinen eigentlichen Plan. Erst als die machthungrige Albkönigin Grendelfin Nachtmahre aussendet, um sie zu vernichten, wird Etain klar, dass sie eine Bestimmung im Elbenreich hat.

Etain — Der verlorene Prinz

Fremde Welten

Im tanzenden Licht des Feuers glänzten die Wände wie schwarzes Glas. Fingals Schritte hallten vom Steinboden wider, in seiner ausgestreckten Hand schwebte eine Flamme. Sie brannte, ohne ihn zu verbrennen, und kämpfte einsam gegen die Dunkelheit an. Der Gang war staubig, niedrig und eng, ein Erwachsener hätte in ihm nur gebeugt gehen können, aber Fingal konnte aufrecht darin laufen. Er wäre schneller gewesen, doch nicht mit Gwyn-Leti an seiner Hand. Der Junge war erst sechs Jahre alt und stolperte hinter Fingal durch den Tunnel. Fingal musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Gwyn-Leti weinte.
  »Schneller, mein Prinz!«, befahl er mehr, als dass er bat. Ihm blieb keine Zeit für Etikette. Fingal beschleunigte seine Schritte und umschloss die zierliche Hand noch fester. Sie mussten sich beeilen. Die Nachtmahre hatten Gwyn-Letis Verschwinden mit Sicherheit schon bemerkt. Fingal bezweifelte zwar, dass die Wesen den Geheimgang jemals entdecken würden, doch das brauchten sie auch gar nicht. Sie mussten ihnen nicht einmal durch die unsichtbare Tür im Thronsaal folgen. Es reichte schon, wenn sie genug Zeit hatten, den Schlossberg zu umstellen. Dann würde es Fingal nichts nützen, mit Gwyn-Leti aus dem Bannkreis der Feinde entkommen zu sein. Wenn nicht mit Magie, so würden die Nachtmahre sie mit roher Gewalt gefangen nehmen, sowie sie aus der Felsspalte am Fuß des Berges schlüpften.
  Ein anderer Gang kreuzte ihren Weg. Fingal musste keine Sekunde nachdenken, er nahm die linke Abzweigung. Er kannte diesen großen und verworrenen Palast in- und auswendig, seine Quarzwände und Quarzböden, seine Säle und Hallen, seine Kaminzimmer und Kemenaten, vor allem aber seine Geheimgänge, die es Eingeweihten möglich machten, selbst große Distanzen zwischen den einzelnen Gebäudetrakten und Anbauten in erstaunlich kurzer Zeit zu überbrücken. Fingal war hier groß geworden, das Leben vor seiner Ankunft im Quarzpalast war für ihn kaum mehr als eine nebelverhangene Erinnerung, weit entfernte Traumbilder. Er war genauso alt gewesen wie Gwyn-Leti jetzt, als seine Mutter und sein Vater bei einem Brand ums Leben kamen. Ein Freund seines Vaters war Stallmeister im Palast, und da Fingal keine lebenden Verwandten hatte, hatte er ihn in Obhut genommen und ihn nach Corona Nubia gebracht, wo die Königin Gefallen an ihm gefunden hatte und ihn zum Leibdiener und Spielkameraden des Prinzen gemacht hatte, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal sprechen konnte.
  Die Königin! Ihre Schreie hallten noch immer in Fingals Gedächtnis nach. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht, ihre vor Entsetzen geweiteten Augen, als die Nachtmahrkönigin ihr die Seele aus dem Leib riss. Bei dem Gedanken, was das Ungeheuer noch mit ihr getan hatte, wurde ihm ganz schlecht, doch er hatte keine Zeit für Übelkeit, Furcht und Mitleid. Er musste den Prinzen in Sicherheit bringen, schnell und unbemerkt, denn Fingal wusste mit entsetzlicher Gewissheit, dass der König und die Königin bereits tot waren, getötet von einer abscheulichen Kreatur, wie er sie in seinen schlimmsten Albträumen nicht hätte erfinden können, mehr Leiche als Lebewesen, von einer fremden Königin mit hervorstehenden Knochen, pergamentartiger Haut, einer aufgeworfenen Nase und leeren Augenhöhlen, in deren Tiefe es rot glühte, als loderte ein Feuer unter ihrer Schädeldecke. So sicher er sich war, dass sein König und seine Königin nicht mehr am Leben waren, so sicher wusste er auch, dass er die Zukunft Awelons an der Hand hielt.
  Der Gang wurde noch flacher und verlor sich in einer schmalen, steil abfallenden Treppe mit unregelmäßigen Stufen. Manche von ihnen waren so hoch, dass Gwyn-Leti springen musste, um die Distanz zur nächsten Stufe zu überbrücken. Im schwachen Licht konnte man es nicht sehen, doch Fingal wusste, dass die Treppe viele Hundert Meter tief in den Felsen hinabreichte. Er wusste, wenn man hier auf einer Stufe ausglitt, würde man bis an ihren Fuß hinabstürzen und sich jeden einzelnen Knochen im Körper brechen. Fingal fürchtete, dass Gwyn genau das passieren könnte, also nahm er ihn huckepack. Er hatte den Prinzen schon oft getragen, und es fiel ihm leicht, der Junge war dünn und zerbrechlich, ganz anders als er selbst. Gwyn klammerte sich um Fingals Schultern und vergrub sein Gesicht in dessen Haaren.
  »Wir brauchen Licht, mein Prinz.« Fingal benötigte beide Hände, um Gwyn-Leti in den Kniekehlen zu packen und ihn so auf seinem Rücken zu halten.
  Der Junge schniefte und presste sein Gesicht tiefer in Fingals Haare. Trotzdem gehorchte er, löste eine Hand von Fingals Schulter, streckte sie aus und ließ allein mit der Kraft eines magischen Gedankens eine zuckende und züngelnde Flamme aus ihr erwachsen. Fingal hätte das in dem Alter nicht gekonnt. Gwyn war ein kluger Junge und mehr als das. Das magische Erbe seiner Eltern durchströmte ihn, es erfüllte jede Zelle seines Körpers. Er würde einmal zu den mächtigsten Männern in ganz Awelon zählen – sofern er lang genug lebte. Fingal wusste das, doch er spürte keinen Neid. Er liebte Gwyn-Leti wie einen jüngeren Bruder.
  Endlich erreichten sie den Fuß der Treppe. Fingal setzte den Prinzen hinter sich ab und nahm ihn wieder bei der Hand, erneut tauchten sie in einen Gang ein. Es war der letzte Tunnel auf ihrem Weg, und Fingal wusste, dass sie auf eine Wiese hinaustreten würden, wenn sie sein Ende erreichten. Gegenüber der Wiese würde ein Waldstück liegen, das ihnen Sichtschutz bot, doch vorher mussten sie rund zweihundert Meter auf offener Fläche überbrücken, ohne gesehen zu werden. Fingal strich die Büsche beiseite. Die Sonne ging bereits unter, und lange Schatten legten sich über das Gras. Sie würden ihnen Deckung geben. Er steckte seinen Kopf noch ein bisschen weiter hinaus und sah sich in alle Richtungen um. Nichts war zu sehen, kein Nachtmahr und auch sonst niemand. Gegenüber lag der Wald, still, tief und dunkel. Dort würde Grendelfins Magie keine Wirkung mehr haben, dort würden sie fähig sein, sich an einen anderen, sichereren Ort zu wünschen, in ein Land, das Fingal nur aus Büchern, Bildern und Erzählungen kannte: Midgard, die Menschenwelt.
  Gwyn-Leti stand hinter ihm und rührte sich nicht.
  »Seht Ihr die Bäume dort drüben?«, fragte Fingal ihn. »Wir werden gleich beide über die Wiese dorthin laufen. Ihr müsst so schnell laufen, wie Ihr könnt. Ihr dürft auf keinen Fall stehen bleiben!«
  Gwyn nickte. Fingal sah sich noch einmal nach allen Seiten um. Nichts regte sich. Er nahm den Jungen bei der Hand, gemeinsam rannten sie los. Fingals Herz schlug ihm bis zum Hals. Dann endlich erreichten sie die ersten Bäume, tauchten in ihre Schatten ein. Doch Fingal hielt nicht an, ehe sie ganz im Dickicht des Waldes verschwunden waren, so tief, dass man sie unmöglich von der Wiese aus hätte sehen können. Außer Atem, aber unendlich erleichtert, blieb er unter einer Tanne stehen, stützte sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab und atmete schwer. Gwyn-Leti stand neben ihm, sein Kopf war hochrot, das Gesicht von Tränen verklebt, in seinem blonden Haar hingen Spinnweben und Staub. Fingal war erleichtert. Er war sicher, dass sie nun außerhalb des Bannkreises der Nachtmahre waren, der eine magische Fortbewegung unmöglich gemacht hatte. Er versuchte, sich an die Bücher zu erinnern, mit denen er und Gwyn unterrichtet wurden, illustrierte Bücher über Midgard, seine berühmtesten Städte, seine Geschichte. Er brauchte nur ein Bild, nur ein einziges Bild, das würde reichen. Aus dem Augenwinkel meinte er, eine Bewegung hinter den Bäumen zu sehen. Ein Tier vielleicht, ein Reh oder Wildschwein. Aber vielleicht auch mehr als das.
  »Gebt mir Eure Hand!«, forderte er. Gwyn erkannte die Aufregung in Fingals Stimme und gehorchte.
  Da war es wieder! Eine Bewegung zwischen den Ästen, eine vorbeihuschende Gestalt, zu hoch für ein Wildschwein, zu dunkel für ein Reh. Fingal umklammerte Gwyns Hand, schloss seine Augen. Das Bild war jetzt da, kam zu ihm aus den Tiefen seiner Erinnerung. Ein Flussufer, eine Brücke, niedrige Häuser, aus deren Schornsteinen Rauch aufsteigt … Nebel umfing ihn. Er spürte, wie sich sein Körper aufzulösen begann, wie es in jeder seiner Muskelfasern zitterte und vibrierte, sein Magen krampfte sich zusammen, und er fühlte, wie er fiel, unsagbar tief, durch die Nebelbänke hindurch, die die Welten trennten. Inmitten des freien Falls krampfte sich Gwyns Hand in seine, so fest, dass seine Nägel sich tief in Fingals Haut bohrten. Gwyn-Leti schrie. Fingal riss die Augen auf und im selben Moment erreichten sie Midgard, das Ufer, den Fluss. Er sah Gwyn-Leti neben sich, sah den Nachtmahr, der sich auf ihn gestürzt hatte und mit ihm durch die Nebel geglitten war. Eine schwarze Gestalt im wallenden Mantel, die den Prinzen zu Boden riss und in den Schlamm drückte. Fingal konnte nichts tun, es geschah zu schnell. Gwyns Hand glitt aus seiner, und der schwarze Schatten legte sich über den Prinzen, presste seine lange graue Hand auf seine Brust, öffnete seinen dunklen Schlund so weit, dass ein fauliger Gestank daraus emporstieg. Gwyn schrie nicht, er wimmerte nur, als seine glühendrote Seele aus seiner Brust hervortrat, durch die kühle Nachtluft schwebte und im Rachen des Nachtmahrs verschwand. Der gab ein zufriedenes Knurren von sich. Seine Augen glühten wie Kohlen in der Dunkelheit, als er sich aufrichtete und nach dem Breitschwert auf seinem Rücken griff, um seinen Auftrag zu Ende zu führen.
  »Lauft!«, rief Fingal dem Prinzen zu und formte eine strahlende Energiekugel in seinen Händen. Er schleuderte sie dem Nachtmahr entgegen. Sie traf seine Brust, warf ihn zu Boden, ließ ihn rückwärts in den Schlamm fallen. Wäre Fingal älter und mächtiger gewesen, so hätte er eine Kugel erschaffen können, die so stark war, dass sie den Körper des Nachtmahrs durchdrang, ihn von innen verbrannte, bis seine Knochen zu Staub zerfielen. Doch er war nur ein Kind. Gwyn-Leti war auf den Beinen und sah sich Hilfe suchend um.
  »Lauft! Lauft zu den Menschen! Versteckt Euch!«, rief Fingal ihm zu. Der Nachtmahr rappelte sich auf, ein dunkler Schatten inmitten von noch mehr Dunkelheit. Fingal trat ihm entgegen. Gwyn-Leti gehorchte und rannte los, wurde von der Nacht verschluckt. Der Nachtmahr wollte ihm folgen, doch Fingal stellte sich ihm in den Weg. Die Kreatur zischte, umschloss den Griff des Breitschwerts mit beiden Händen, die Klinge blitzte im Mondlicht auf, dann sauste sie mit Wucht auf den Elbenjungen nieder.


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Presse / Rezensionen

 

»Leser, die sich gerne in mystische Welten entführen lassen, eine Liebesgeschichte mit Hindernissen mögen und natürlich vor allem Fans von Elben, Meerfrauen, gruseligen Nachtmahren und Magie, werden sich in dem Debütroman von Henriette Nebling, der der Auftakt zu einer dreibändigen Reihe ist, aber dennoch auch als abgeschlossener Roman durchgehen kann, gut aufgehoben fühlen und hoffentlich – wie ich – ihre Freude an „Etain: Der verlorene Prinz“ haben.« (Brigizz 6-2016 Lovelybooks)


»Etain ist noch unwissend und die Entwicklung ihrer Kräfte hat das richtige Tempo, sodass ich mit ihr mitfiebern und sie begleiten konnte. Das Buch nimmt richtig an Fahrt auf und spätestens ab der Hälfte ist nicht alles so grün und einfach wie es anfangs den Anschein machte. Und wie sollte es bei einer Reihe anders sein, ist am Ende der Krieg noch lange nicht abgewendet, geschweige denn gewonnen. Und trotzdem ist die Geschichte in sich hervorragend abgeschlossen! Ich will nicht zu viel verraten, kann aber eine volle Leseempfehlung aussprechen :)« (Gretarahel 6-2016 Lovelybooks)


»Mit vielen frischen Ideen schafft es die Autorin, eine wunderbare Welt zu schaffen, die ab der ersten Seite an fasziniert. Man startet zusammen mit der Hauptperson Etain unwissend in der Menschenwelt und kann zusammen mit ihr alles entdecken. Man hat aber durch kurze Einblicke in die Handlung aus Finns Sicht trotzdem einen kleinen Vorteil. Die Sprache des Romans ist bildgewaltig und einfach nur zauberhaft. Man kann sich sehr schön in diese zauberhafte und magische Welt fallen lassen.« (Coala_books 7-2016 Lovelybooks)


»Etain – Der verlorene Prinz ist der Auftakt einer neuen phantastischen Buchreihe. Neben einer unglaublich tollen Welt -Awelon- gibt es hier jede Menge Wesen zu entdecken.
Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Beschreibung der Elben, die mal etwas anders ist, als die üblichen und mir persönlich sehr gut gefallen hat.
Neben Liebe und Freundschaft bietet diese Geschichte auch Krieg, Verrat und Wendungen, mit denen man nicht rechnet, das macht das gesamte Buch sehr spannend und fesselnd.« (Lisa Katharina Bechter 7-2016 Buchblog)