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KATRIN BONGARD

ES WAR DIE NACHTIGALL

E-Book
ISBN
9,99 €
978-3-946494-23-2
Young Adult, All Age,

*Romeo und Julia im Hier und Jetzt*

Als Marie, eine aktive Umweltschützerin und Veganerin, auf Ludwig, den Erben eines Landguts und Jäger, trifft, steht alles auf Sturm. Dass sie sich mögen, ist eigentlich außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit. Und dann ist es gerade die Liebe, die ihren Blick weitet.

Ludwig: »Ich setze Marie sanft ab, sie duftet nach sonnengebräunter Haut, kein Parfüm, noch nicht einmal Shampoo. Marie ist – Natur.«

Marie: »Ich bin verliebt. Verliebt in einen Jungen, der auf die Jagd geht, der zwischen Ledersätteln sitzt und liest, der Fleisch isst.«

 

 

Print
Seiten
ISBN
16,00 €
272
978-3-446-26609-4

Die Printausgabe erscheint im Hanser Verlag, München

*Weltoffenheit gegen Tradition, zwei unterschiedliche Leben und eine große Liebe.*

Die 16-jährige Marie kämpft mit einer Gruppe von Freunden für den Tierschutz und eine bessere Umwelt. Sie will etwas verändern. Bei einem Konzert ihrer Lieblingsband trifft sie ausgerechnet auf Ludwig von Brockdorff, einen leidenschaftlichen Jäger. Obwohl beide vom ersten Moment an eine starke Verbindung zueinander spüren, prallen zwei Welten aufeinander. Können eine selbstbestimmte Umweltaktivistin und ein traditionsbewusster junger Jäger zusammen kommen, trotz aller Vorurteile und der Hindernisse, die die gegnerischen Familien und das Umfeld bedeuten?

 

Es war die Nachtigall

 

 

Dunkel die Nacht

 

 

Marie

Was trägt man, wenn man plant, dreißig Hennen aus einer Lege­batterie zu befreien? Ich stehe ratlos vor meinem Kleiderschrank. Marie, das ist keine Party! Ich weiß. Ganz im Gegenteil, und mir ist schon jetzt klar, dass ich alles, was ich heute tragen werde, danach nie wieder anziehen kann. Ich krame tief im Schrank nach der alten schwarzen Jeans, die immer so schlecht am Po saß und die ich nur aufgehoben habe, weil ich irgendwann bei meinen Eltern ausziehen werde und sie dann tragen kann, wenn ich meine neue Wohnung renoviere. Aber vermutlich ziehe ich sowieso mit Timo in irgend­eine WG und überhaupt. Sei nicht so nervös, es ist alles gut geplant. Ich sehe auf die Uhr, ich sollte mich beeilen. Also die Jeans, ein schwarzes T-Shirt. Ich ziehe beides über, und obwohl es Sommer ist, dazu noch ein schwarzes Sweatshirt, nachts wird es kalt. Catwoman, denke ich, als ich mich im Spiegel betrachte. Grüne Augen starren mich an. Na gut, es fehlt die Maske, und meine langen braunen ­Rastalocken sind mehr als auffällig. Ich binde sie zu einem losen Knoten im Nacken zusammen.
      Ich tue das Richtige, oder? Die Leute von Tierretter wissen ­Bescheid, sie haben das ausgekundschaftet. Und ich dokumentiere nur. Weil jemand es festhalten, der Welt zeigen muss: Diese Kleingruppenhaltung ist Tierquälerei. Von wegen neue, auf wissenschaftlicher Basis entwickelte Haltungsform. Pah! Ich schließe die Augen, ver­suche mir das vorzustellen: In einer Kleingruppe sind 20 bis 60 Hennen. Wie viel Platz werden sie brauchen? Die Bedürfnisse der Tiere sind durch ein ausreichendes Platzangebot berücksichtigt, heißt es auf deren Website. Ach ja? Jede Henne hat Anspruch auf 800 – 900 Quad­ratzentimeter. Das ist nur etwas mehr als ein DIN-A4-Blatt. Kein Wunder, dass die Hennen sich kaum bewegen können. Ich boxe in die Luft. Ich sehe die Bonzen der Geflügelmafia vor mir, die nicht ­sagen, worum es eigentlich geht. Um die Eier und um das Geld, was sie einbringen, den Profit. Das deutsche Ei – ein starkes Stück. Nur, dass man vergessen hat, wem man das Ei zu verdanken hat. Den Hennen! 800 Quadratzentimeter. Niemanden kümmert es, dass es Lebewesen sind, geboren wie wir, lebendig wie wir. Mit einem Herzen und einem Gehirn, auch wenn es winzig ist. Tiere, die ein Recht auf ein würdiges Leben haben. Aber 800 Quadratzentimeter sind nicht würdig.
      Eine Turmuhr schlägt einmal, zweimal. Zwei Uhr nachts. Um fünf geht die Sonne auf, ab vier wird es schon langsam hell. Wir ­haben zwei Stunden. Ein leises Pling auf meinem Handy. Ich gehe zur Balkontür und sehe runter auf die Straße. Timo ist da. Er wirkt ruhig, gar nicht aufgeregt, doch ich weiß, das sieht nur von hier so aus. Ich winke kurz zurück, starre auf die Gestalt dort unten auf der Straße, reiße mich dann los. Schleiche die Treppe hinunter, die wie immer leicht knarzt, als wollte sie mich daran erinnern, noch leise zu sein.
      Unten maunzt mir Prinz entgegen. Der schwarze Kater streicht mir um die Beine, sieht fordernd zu mir auf. Ich habe ihn auf der Straße gefunden und hochgepäppelt. Hey, ich habe ihm das Leben gerettet! Und er? Fordert neben dem allerbesten Futter auch noch ständige Aufmerksamkeit. Ich beuge mich herunter, kraule ihn sanft.
      »Du bist wirklich ein Prinz«, flüstere ich.
      Er ist ein ganz besonderer Kater, und er weiß das. Manchmal denke ich, er kann meine Gedanken lesen. Weiß, wie aufgeregt ich bin, und beruhigt mich. Ich ziehe mir meine Turnschuhe über, hänge mir meine Tasche um, flüstere: »Warte auf mich, Prinz.«
      Ich verlasse leise das Haus, den Garten, atme auf. Geschafft. ­Meine Eltern denken, ich bin auf einer Party, obwohl ich selten ­feiern gehe. Aber selbst wenn ich sie treffe, wenn ich um vier oder fünf zurückkomme, was an einem Samstagmorgen sehr unwahrscheinlich ist, ist es okay. Ich bin immerhin sechzehn. Und meine ­Eltern sind cool.    

Timo und ich begrüßen uns kurz, ich spüre, dass auch er nervös ist. Obwohl wir schon einiges zusammen gemacht haben, was verboten ist. Aber da war es irgendwie anders, die Gruppe größer.
      »Hast du alles dabei?«, flüstert er, als wir ein paar Schritte ge­gangen sind.
      »Die Kamera, zwei Akkus, ein Extralicht, einen Zusatzakku. Und du?«
      Er schlägt das Leder seiner Umhängetasche zurück. Timos ­Eltern sind Ärzte und arbeiten im Krankenhaus, also war es Timos Aufgabe, Überziehschuhe und Papieroveralls zu besorgen. Er nimmt einen Mundschutz und hält ihn sich vors Gesicht. Grinst, was ich trotz der Maske an seinen Augen erkenne. Ich ziehe den Mundschutz herunter.
      »Ich dachte, es ist eine offene Tierbefreiung. Jeder zeigt sich.«
      Timo zuckt mit den Schultern. »Willst du Vogelgrippe bekommen? Wir sind hinter der Kamera. Wenn alle sterben, sind wir die Einzigen, die von der Sache berichten können.«
      »Sehr witzig.«
      Timo wird immer albern, wenn er aufgeregt ist.
      »Außerdem«, sagt er und zieht mich hinter einen der Straßenbäume, als ein Auto vorbeifährt. »Bist du vorbestraft. Hausfriedensbruch. Die Greenpeace-Aktion? Schon vergessen? Was ist, wenn sie dich erkennen und festnehmen?«
      Timo hat recht, obwohl ich nicht vorhabe, mich zu verstecken.
      »Ich muss pinkeln.«
      Timo stöhnt. »Jetzt schon? Hast du nicht gerade ein Haus mit perfekten sanitären Anlagen verlassen?«
      »Ich wollte meine Eltern nicht aufwecken. Spülen und so.«
      »Du bist aufgeregt.«
      Ich grinse. »Du auch.«
      Am S-Bahndamm stehen dichte Sträucher, perfekt. Als ich aus dem Gebüsch komme, reicht Timo mir ein Desinfektionstuch. Ich verdrehe die Augen. Als Sohn von Ärzten hat er eine ausgewachsene Keimparanoia. Ich wische mir brav die Hände ab, stecke das Tuch ein. Aber das heißt nicht, dass ich seine Argumente akzep­tiere.
      »Ich will mich zeigen. Wenn wir uns einschüchtern lassen, ändert sich nie was.«
      »Wenn du im Knast sitzt, kannst du gar nichts mehr ändern.«
      »Du würdest mich doch ganz sicher befreien.« Ich lächle und halte ihm die Hand zum High five. »Best friends forever!«
      Timo schlägt kurz ein, doch er weicht meinem Blick aus. Manchmal ist er komisch in letzter Zeit.
      »Da ist der Bus!«
      Timo winkt mich über die Straße zu der noch ruhigeren Nebenstraße unseres Villenviertels. Nachts könnte man hier ein Feuer anzünden, und niemand würde es merken. Die meisten Bewohner sind uralte Damen, die allein in diesen Riesenvillen wohnen und meist weder hören noch sehen können. Genau so einer Dame ­haben meine Eltern vor fünf Jahren unser Haus abgekauft. Ich bin nur froh, dass ich hier nicht meine Kindheit verbracht habe, denn in diesem Villenviertel hätte ich in hundert Jahren niemanden in meinem ­Alter getroffen.      

Der Bus ist ein unscheinbarer grauer Renault Trafic. Als wir uns nähern, steigt Robin aus. Wir kennen ihn erst seit ein paar Wochen, aber ich vertraue ihm, denn wir haben die Videos von Tierretter gesehen. Mit ihm. Er tut was, handelt, das imponiert mir. Und er steht dazu. Dass wir mitfahren dürfen, ist auch ein Vertrauensbeweis.
      Robin öffnet die hinteren Türen des Wagens. Die zweite Rückbank ist umgeklappt, im Laderaum stehen etwa sechs Tierboxen. Wir stellen unsere Taschen neben die Boxen und steigen an der Seite ein, grüßen kurz die zwei anderen im Bus. Es geht los.
 

 

Ludwig

Tock, tock, tock.
      Ich kenne das Zeichen, aber im Traum verwandelt es sich in ­einen Vogel, der mir ärgerlich gegen den Kopf pickt, als wollte er dort nisten, was mir ganz normal erscheint. Ich habe viele Nistplätze hinter meiner Stirn, dort schlüpfen ständig Ideen und fliegen dann davon.
      Tock, tock, tock.
      Herein. Und dann weg. Ich fliege mit ihnen, im hohen Bogen, ein riesiger Schwarm, von dem ich mich loslöse, denn ich habe meine eigene Route. Unter mir der Wald, die Baumkronen, die Nistplätze. Ich muss mich nicht niederlassen. Niemals. Ich kann weiterfliegen. Weiter. Höher. High.
      Tock, tock, tock.
      Zur Sonne, oder ist es der Mond? So grell weiß gegen den dunklen Himmel, blendet mich, die Decke, der Boden, ich falle und fahre hoch, die Augen aufgerissen, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit im Dämmerlicht meines Zimmers. Ein Lichtkegel flackert vor dem Fenster. Langsam werde ich wach.
      Hubert und seine Monstertaschenlampe. Unser Zeichen. Ich sehe auf mein Handy. Drei Uhr nachts. Echt jetzt?
      Ich schlage die Decke zurück, gehe zum Fenster, öffne es, lehne mich hinaus. Mein Zimmer liegt ebenerdig, und das ist ganz wörtlich zu nehmen, denn es ist ein alter Gutshof ohne Keller. Hubert steht mir genau gegenüber, reißt eine Flasche Schampus hoch und lüftet seinen Jägerhut.
      »Alter!«
      Es gab eine Zeit, da waren wir gleich groß und stark, obwohl ­Hubert ein Jahr älter ist. Aber irgendwann bin ich weiter in die Länge gewachsen, und er ist kräftiger geworden. Was irgendwie zu erwarten war, da alle in meiner Familie groß und eher schlank sind und alle in Huberts Familie breit und kräftig. Trotzdem hatte ich bis dahin das Gefühl, einen Zwilling zu haben, und manchmal sehne ich mich danach zurück.
      »Hast du bestanden?«, fragt er.
      Ich grinse. »Natürlich. Ich hatte ja auch einen guten Lehrer.«
      Hubert grinst zurück. »Das will ich meinen. Wie lief die Schießprüfung?«
      »War okay.«
      Was stark untertrieben ist. Büchse, Flinte, Kurzwaffe. Obwohl es mich am wenigsten interessiert, habe ich dort am besten abgeschnitten.
      »Sauber.«
      Hubert setzt mir seinen Jägerhut auf. Es ist ein speckiger, alter Filzhut mit einem echten Gamsbart, den er von seinem Großvater geerbt hat. Huberts Talisman, also ist das hier eine große Geste. Er reißt die Zinkfolie vom Flaschenhals und dreht die Agraffe auf, der Korken ploppt irgendwo auf den großen Hof.
      »Auf dich!«
      »Willst du nicht reinkommen?«, biete ich an, obwohl es warm ist. Ich könnte draußen nur mit meinen Boxershorts rumlaufen, was ich allerdings nicht vorhabe.
      Der Champagner quillt weißschaumig aus der Flasche. Hubert hält sie mir auffordernd hin. Ich nehme einen Schluck. Er prickelt, ein sanfter Geschmack nach Pfirsich. Beste Qualität.
      »Wow, wo hast du den her?«
      »Weinkeller von Opa. Ich muss mir noch überlegen, wie ich ihn ersetze.«
      Ich sehe mir die Flasche an. »Das wird schwierig.«
      »Ach, der rührt seine Flaschen sowieso nie an, und am Ende wird er mir eh alles vererben. Warum soll ich warten?« Er nimmt mir die Flasche ab. »Wir leben jetzt.« Trinkt einen großen Schluck, wischt sich über den Mund, als wäre es Bier, und sieht mich an.
      »Los, zieh dich an.«
      »Wieso kommst du nicht rein?«
      »Hör mal, Luis, das Grüne Abitur macht man nur einmal im ­Leben. Und jetzt wird gefeiert, Kasper wartet.«
      »Wo?«, sage ich und starre in die Dunkelheit des Hofs, obwohl mir klar ist, dass er dort wohl kaum stehen wird.
      »Unser Hochsitz. Jetzt darfst du jagen. Wieso also nicht das ­Schöne mit dem Angenehmen verbinden?«
      Ich spüre eine leichte Übelkeit. Es kann die Müdigkeit sein oder die Aufregung. Der Gedanke, dass es jetzt losgeht. Richtig. Weil es einfach noch mal etwas anderes ist, wenn man nur zusieht und dabei ist, wie auf den vielen Jagden mit meinem Vater, oder selbst schießt.
      »Jetzt?«
      »Irgendwie und -wo müssen wir das feiern.«
      »Okay. Aber – ich muss spätestens morgen früh um zehn zurück sein.«
      Ich gehe zu meinem Schrank, reiße eine Jeans und ein Shirt heraus, nehme mein Handy, stecke mein Portemonnaie ein, sehe mich kurz um, ob ich das Bett präparieren soll, falls jemand nach mir schaut. Sicher nicht. Ich muss nur pünktlich zurück sein. Die Frühstücke am Wochenende sind meinem Vater heilig, und meine Eltern wollen auch mit mir feiern.
      »Geht klar«, sagt Hubert, der nicht versteht, warum ich mich überhaupt nach meinen Eltern richte. Aber warum nicht? Sie haben mich die letzten Tage unterstützt, mir den Rücken freigehalten.
      Ich steige aus dem Fenster, ziehe es von außen zu, folge Hubert mit der Lampe. Wir gehen über den Hof. Er bleibt abrupt stehen, leuchtet mir ins Gesicht.
      »Was ist mit dem Camp? Hast du entschieden, ob du mitkommst?«
      »Wie?«
      »Bis morgen musst du dich anmelden.«
      Das Camp der jungen Jäger. 40 Leute, drei Tage. Etwas über den Wald lernen und jagen. Hubert bearbeitet mich schon seit Wochen, aber ich verdränge es immer wieder. Ich bin nicht gerade der Typ für Gruppenveranstaltungen.
      »Das wird gut. Nur die Jungs, wir beide, der Wald.« Er schlägt mir auf die Schulter. »Du musst mal ausspannen.«
      Richtig. Die Jägerprüfung und das Abi, die letzten Wochen waren purer Stress. Ich nehme Hubert die Flasche ab, trinke einen großen Schluck Champagner. Es stimmt, ich sollte feiern.
      »Wenn du erst studierst, sehen wir uns überhaupt nicht mehr.«
      Hubert bleibt bei seinem Jeep stehen und holt den Autoschlüssel raus.
      Es stimmt vermutlich. Wenn ich erst studiere … Agrarwissenschaft, wenn es nach meinem Vater geht, Philosophie, wenn es nach mir geht. Und das sollte es, oder? Klar, dann werde ich weggehen. Also ist das Camp etwas für uns, für die Freundschaft.
      »Okay.«
      »Das wird gut.«
      Wir steigen ein. Ich lasse mich auf den Beifahrersitz fallen und federe gleich wieder hoch.
      »Verdammt, hast du die Sitzheizung wieder angelassen.«
      Hubert grinst. »Alter, vorhin war es kühler.« Er sieht mich an, legt den Kopf schief. »Prinzessin!«
 

 

Marie

Robin hält vor dem Gelände der Hühnerfarm. Das ist es also. Kleingruppenhaltung. Hunderttausende von Legehennen in einem Gebäude, das wie eine Lagerhalle aussieht. Keine echten Fenster, kein Tageslicht. Ich denke an ein Konzentrationslager. Alle haben mitgemacht. Entschieden, dass manche Leben weniger wert sind. Und wenn man es mit Menschen machen kann, dann mit Hühnern doch erst recht, oder? Ist das die Einstellung? Ich öffne die Seitentür, sehe in den Himmel, die Sterne, den Kosmos. Größer, älter, weiser als wir. Der schon da war, bevor wir kamen, und bleiben wird. Ich blinzele, ein Gefühl von Machtlosigkeit. In 50 Jahren werden wir Menschen uns für das schämen, was wir den Tieren angetan haben. Da bin ich mir auf einmal ganz sicher.     

Wir steigen aus, holen unsere Ausrüstung, stellen uns im Kreis auf. Ich nehme meine Kamera, drücke Timo das LED-Licht in die Hand und richte das Objektiv auf Robin. Er richtet sich auf, der Blick entschlossen.
      »Wir befreien heute dreißig Legehennen aus dieser Anlage. Es geht darum, auf die katastrophalen Zustände in der Kleintierhaltung aufmerksam zu machen. Deshalb sind wir hier. Dies wird eine offene Tierbefreiung, wir zeigen Gesicht.«
      Er nimmt Timos Tasche, öffnet sie. Ich halte die Kamera so, dass man die Papieroveralls und Überschuhe sehen kann.
      »Wir werden Schutzkleidung tragen«, erklärt Robin, während ich filme. »Zum einen, um die zurückbleibenden Hühner nicht mit Keimen oder Bakterien zu belasten, zum anderen aber auch, um uns selbst vor den Bioaerosolen oder MRSA-Keimen zu schützen, die fast in jeder dieser Anlagen zu finden sind.« Robin sieht auf. »Lasst uns anfangen.«
      Wir gehen zum Wagen, um uns umzuziehen, doch Robin hält Timo und mich auf.
      »Mir wäre lieber, ihr würdet draußen bleiben und aufpassen. Manchmal fahren die Bullen hier rum. Und wenn der Wachschutz vorbeikommt, könnt ihr uns Bescheid sagen.«
      »Aber ich muss doch filmen!«
      Robin winkt ab. »Molly hat ein gutes Smartphone, wir nehmen ein Licht mit, das reicht drinnen.«
      »Aber …«, sage ich und verstumme, als Timo mich anstößt.
      »Er hat gesagt, er muss spontan entscheiden«, flüstert er mir zu, als Robin sich entfernt.
      Obwohl ich die ganze Zeit Angst davor hatte, in den Stall zu gehen, bin ich jetzt enttäuscht. Aufpassen? Hier sind noch weniger Menschen oder Autos als in unserem Villenviertel, und das will wirklich etwas heißen.
      »Wir sollen hier einfach nur rumstehen? Wozu sind wir dann mitgekommen?«
      »Hey, Marie, Robin hat recht. Ein paar Leute sollten Wache halten. Und du bist schon vorbestraft und …«
      »Ja, ja.«
      Ich sehe zum Auto, wo Robin und die anderen sich die leichten weißen Papieranzüge überziehen, die Kapuzen aufsetzen und sich die blauen Tüten über die Schuhe ziehen.
      Sie kommen zurück. Robin reicht mir den Autoschlüssel.
      »Falls es Ärger gibt, fahrt ihr weg und sammelt uns am Treffpunkt ein.«
      Der Treffpunkt. Ein Feldweg etwa fünf Kilometer von hier. Falls etwas schiefgeht und sie es nicht zurück zum Auto schaffen.
      »Hast du dir einen Pin auf der Map gesetzt?«
      Ich nicke. Natürlich, ich bin immer gut vorbereitet.
      Die anderen drei warten hinter Robin. Molly, die ich von den ­Treffen der Jaggies bei Greenpeace kenne, ein Typ um die dreißig und ein Junge etwa in meinem Alter. Ich kenne sie nicht, und wir müssen keine Namen austauschen, vielleicht ist es sogar besser, damit wir uns später nicht verraten können. Alle tragen Tierboxen.
      Timo legt das LED-Licht in eine von Robins Boxen. Dann gehen die vier auf die Anlage zu.

Ich lasse mich am Gitterzaun nach unten rutschen und lege den Kopf in den Nacken. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Was habe ich dann am Ende überhaupt getan? Schmiere gestanden? Groß­­artig.
      »Verdammt! Ich wollte über meine Eindrücke bloggen. Anderen davon erzählen. Es in die Welt bringen.«
      »Journalistentochter«, sagt Timo trocken.
      Ja, stimmt, meine Eltern haben mir das beigebracht: Nur über Dinge zu berichten, mit denen man sich auskennt. Die man recherchiert hat. Oder mit eigenen Augen gesehen hat. Das ist guter Journalismus.
      »Was soll ich sagen, wenn ich da nicht drin war?«
      Timo rutscht neben mich, stupst mich mit der Schulter an.
      »Hey, wir haben hier einen wichtigen Job. Wenn der Wachschutz vorbeikommt …«
      »Was dann? Wenn der uns hier sieht, weiß er doch sofort Bescheid.«
      »Nicht, wenn wir … knutschen.«
      Ich sehe Timo irritiert an.
      »Ich meine, so tun, als ob wir ein Liebespaar wären.«
      Ich muss lächeln. »Ein Liebespaar, das sich ausgerechnet vor einer Legebatterie verabredet? Sehr glaubwürdig.«
      Mein Handy vibriert. Ich sehe fragend zu Timo, der mit den Schultern zuckt. Nehme es heraus. Robin! Ich gehe ran.
      »Was ist?«
      »Der Akku an dem Licht funktioniert nicht. Kannst du uns einen neuen bringen?« Ich fühle in meiner Tasche und springe auf. »Ja, klar.« Ich sehe zu Timo. »Sie brauchen einen neuen Akku. Ich geh rein.«
      Natürlich werde ich nicht nur reingehen und den Akku bringen. Ein zweites Mal lasse ich mich nicht zurückschicken. Timo blinzelt, er kennt mich gut genug, um zu wissen, was ich vorhabe. Ich will los, aber er stellt sich mir in den Weg, breitet die Arme aus. Ich ­reiße ungeduldig die Hände hoch. Er kann mich nicht aufhalten!
      »Was?«
      »Zieh wenigstens einen Schutzanzug über.« Er überlegt kurz. »Denk an die Hennen.«
      Richtig. Wenn ich die Hennen nicht anstecken will, muss ich mich schützen. Es geht nicht nur um mich. Ich laufe zum Auto, hole mir einen Overall, ziehe ihn über. Timo kommt zögernd hinterher. Vermutlich überlegt er, wie er mich doch noch überzeugen kann, gleich zurückzukommen. Er reicht mir wortlos einen Mundschutz. Ihm zuliebe stecke ich ihn ein, aber tragen werde ich ihn nicht. Wenn die anderen sich zeigen, kann ich mich nicht verstecken. Ich gebe ihm im Austausch den Autoschlüssel.
      »Bis gleich.«

Ich renne schnell über den stoppeligen Acker, auf den man die ­Halle gesetzt hat. Der Papieroverall raschelt beim Laufen, sonst ist es gespenstisch ruhig.
      Die Tür des riesigen lang gestreckten Containergebäudes ist nur angelehnt, ich schlüpfe hinein. Ein stechender Ammoniakgestank. Ich muss den Atem anhalten, bin einen Moment erschlagen von der Hitze, dem Gestank, dem Gescharre und hilflosen Geflatter der Hennen, die dicht gedrängt rechts und links des Ganges in Gitterkörben untergebracht sind. Im ersten Moment kann ich nicht hinsehen. Das sind doch Lebewesen! Zusammengepfercht, aufbewahrt, eingesperrt. Etwas in meinem Hals zieht sich zusammen, ein Schluchzen. Ich schlucke den Kloß herunter, hier geht es um mehr.
      Irgendwo brummt sinnlos eine Lüftung, die kaum gegen den Geruch und die Hitze ankommt. Ich nehme mein Handy heraus, schalte die Taschenlampenfunktion an. Ein paar Hennen gackern auf­geregt und behindern sich gegenseitig beim Flügelschlagen in den viel zu kleinen Sammelkäfigen. Kleingruppenhaltung. Was für ein Witz! Knast, denke ich, Gefängnis. Oder noch schlimmer: Ein Straflager. Die Hennen sind verdammt, Eier zu produzieren, und wenn sie älter sind, werden sie verkauft und geschlachtet. Das ist ihr Leben. Mehr nicht?
 

 
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Presse / Rezensionen

“Zur anhaltenden Diskussion über Klimaschutz und Umwelt passt das neue Buch der Potsdamer Schriftstellerin Katrin Bongard. „Es war die Nachtigall“ ist ein an Shakespeares „Romeo und Julia“ erinnernder Roman über zwei Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Wesenszügen. (…) Bongards großer Vorteil ist, dass sie keine Berührungsängste mit Andersdenkenden hat und weiß, wie Teenager ticken.” 30.1.2020 Steffi Pyanoe in der PNN, Potsdamer Neuste Nachrichten

“Eine wunderschöne Liebesgeschichte, die aber nicht nur unterhält sondern auch zum Nachdenken anregt!” 15.2.2020 @Ellaliest
auf Lovelybooks

“Ich bin absolut begeistert. Ein wunderbarer Roman, der zu meinen großen Lieblingsbüchern gehört. Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen und jedem ans Herz legen, der sich für diese Themen interessiert.” 11.2.2020 @hanhan auf Lovelybooks

“Manche Bücher haben einfach einen gewaltigen Nachhall und “Es war die Nachtigall” gehört eindeutig dazu. Ich hoffe, das ich die richtigen Worte gefunden habe, um auch beim Lesen dieser Rezension einen Nachhall zu erzeugen. Absolutes Highlight 2020!” 11.2.2020 @MeIE auf Lovelybooks

“Märchenhaft und aktuell wichtige Themen in einer mitreißenden Geschichte verpackt.” 9.2.2020 @Renessa auf Lovelybooks

“Dieser kurzweilige Roman trifft den Nerv der Zeit. Im Hintergrund der Fridays-For-Futur-Bewegung, der Befürworter und Gegner, fühlt sich der Leser in diesem Buch verstanden. Die Aussage ist ganz klar: „Wir müssen uns zuhören, wir müssen uns besser verstehen. Uns akzeptieren. Andere Meinungen, andere Leben.“ ” 13.2.2020 @Monika_Brigitte auf Lovelybooks

Es war die Nachtigall – ein Jugendroman, der mich nicht nur sehr gut unterhalten hat und mich auf knapp 300 Seiten mitlieben, -fiebern und -bangen ließ, sondern der mich auch thematisch beeindrucken und meinen Horizont erweitern konnte. ” 8.2.2020 @MissErfolg auf Lovelybooks

“Eine berührende Liebesgeschichte mit einer wichtigen Botschaft: Akzeptiert euch und handelt aus Liebe. (…) Es war die Nachtigall ist ein wirklich tiefgründiger und berührender Roman, der mich persönlich zum Nachdenken über mein eigenes Konsumverhalten angeregt hat, ohne dabei jedoch belehrend zu wirken.” 8.2.2020 @Joywiefun auf Lovelybooks

“Ein Buch zum Nachdenken und Lieben. (…) Katrin Bongard ein wunderschöner Roman über die Überwindung von Grenzen und Vorurteilen gelungen, gepaart mit einer mitreißenden Liebesgeschichte.” 15.2.2020 @Alexia_ auf Lovelybooks

“Das Buch liest sich unglaublich gut und flüssig. Immer wieder fühlt man sich als Leser von der Atmosphäre in der Geschichte und den Gefühlen der Protagonisten berührt. Die beiden wachsen einem im Laufe der Geschichte ans Herz. ” 15.2.2020 @didieremia auf Lovelybooks

“Ein sehr schönes und starkes Buch, was eins der wichtigsten Themen (wenn nicht sogar das wichtigste) die wir zurzeit haben behandelt.” 16.2.2020 @mylittlelibrary14 auf Lovelybooks


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