KATRIN BONGARD

LOVE on PAPER

Katrin_Bongard_Love_on_paper

LOVE ON PAPER

E-Book
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Seiten
ISBN
4,99 €
12,99 €
377
978-3-943799-93-4
New Adult, All Age

*Intelligent, humorvoll, intensiv.*

Jede Liebe beginnt mit einer Geschichte.
Maya arbeitet als Volontärin in einem Verlag und träumt von einer literarischen Entdeckung. Doch ihre tägliche Arbeit ist alles andere als aufregend. Bis ihre Leidenschaft durch ein ungewöhnliches Manuskript über eine große Liebe wieder erwacht.
Als man das Buch im Verlag nicht herausbringen will, gibt sie nicht auf. Sie will herauszufinden, wer den Text geschrieben hat. Sie ahnt nicht, dass alles was sie gelesen hat, wahr ist und sie schon bald ein Teil der Geschichte sein wird.

Love on Paper

 

Sie sitzt hinter mir, die Arme um mich geschlungen, ihre Hände auf meinen Oberschenkeln, ein sensationelles Gefühl. So habe ich mir das immer vorgestellt. Ein weicher Körper an mich gepresst, die Brüste, die ich sogar durch die Jacke spüre, das leichte Gewicht, das die Maschine etwas verändert. Sie ist die Erste, die ich überhaupt mitnehme. Wenn ich fahre, ist meine Maschine ein Teil meines Körpers, eng mit mir verbunden, und sie hinter mir zu spüren, so aufregend wie Sex.
  Ich erinnere mich noch genau an die erste Fahrt. Es ist April, noch kühl, wir kennen uns drei Wochen, doch mir kommt es schon wie eine Ewigkeit vor. Eine Spur Sonne, das reicht, obwohl ich meist den ganzen Winter hindurch fahre. Vor der Abfahrt zögert sie, und ich lache – vertraust du mir etwa nicht? Sie lächelt, weil ich sie herausfordere und das fordert sie heraus. Warum sollte ich? Sie steigt trotzdem auf. Sie hat meinen Zweithelm, meine Lederjacke, die Hose mit den Protektoren. Die Sachen sind ihr viel zu groß, aber ich will, dass sie sicher ist. Jetzt könnte ich darüber lachen. Wenn man mit hundert, ach was, mit fünfzig oder auch nur dreißig vom Motorrad geschleudert wird, dann ist es aus. Das wissen wir alle. Ich kenne Keinen, der ernsthaft glaubt, dass ihn ein paar Plastikprotektoren vor irgendetwas schützen. Der Helm schon eher, mit Kinnschutz, damit einem der Unterkiefer nicht bricht, die dünne Gehirnschale schützt. Aber wer will, dass der Kopf heil bleibt, wenn der Rest des Körpers zermörsert wird? Trotzdem, ich wette, keiner, der sich auf seine Maschine setzt, verschwendet nur einen Gedanken daran, was alles passieren könnte. Hey, das ist das Leben! Dafür gibt es keine Protektoren, keinen Helm. Du bist hier, weil du leben willst, du nimmst das Risiko in Kauf.
  Ich dachte, ich könnte damit leben.

 
 1
  Der Tod und seine Verwandten

»Maya?«
  Mein Bruder beugt sich vor, flüstert. »Hast du die Musik dabei?«
  Der Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts hält verständnisvoll die Hand auf. In seinen Augen sehe ich, dass er das kennt. Menschen in diesem Zustand, eingehüllt in eine Trauerwolke unfähig, klar zu denken. Ich erhebe mich, krame in meiner Tasche, alles dreht sich. Mein Kreislauf. Ich halte mich kurz an der Vorderbank fest. Seit meine Mutter gestorben ist, spielt mein Körper verrückt.
  Ich finde die CD, auf die ich im letzten Moment zwei Lieder gebrannt habe, und gebe sie Luis, der sie an den Bestatter weiterreicht. Somewhere over the Rainbow. Meine Mutter hat den Song geliebt. Dazu habe ich noch ein klassisches Stück ausgewählt, das mir der Mann vom Beerdigungsinstitut empfohlen hat. Ein Rocksong hätte besser gepasst.
  Der Pfarrer, den wir erst kurz vor der Beerdigung kennengelernt haben, leiert monoton eine Ansprache herunter, in der ich meine Mutter kaum wiedererkenne. Grüne Auen, tiefe Täler. Er hat sie noch nicht einmal gekannt. Er redet über ihr Leben, ihren Mann, ihre Kinder. Dinge, die mein Vater ihm stockend und unzusammenhängend erzählt hat, während Luis und ich nur stumm daneben gesessen haben. Jetzt hören wir ihm schweigend zu, wie er versucht, meiner Mutter gerecht zu werden, was vollkommen unmöglich ist. Sie ist einzigartig gewesen. Intelligent, unkonventionell, rebellisch, mutig und trotzdem eine großartige Mutter, die uns immer geliebt und respektiert hat. Doch nichts davon finde ich in der Ansprache.
  Und jetzt ist sie tot.
  Heute Morgen habe ich es zum ersten Mal begriffen. Ab jetzt sind wir zu dritt. Mein Vater, mein kleiner Bruder und ich. Das, was ich die ganze Zeit befürchtet habe, ist eingetreten. Sie ist gestorben, ohne dass der Fortschritt, die Medizin, Gott, oder wer auch immer es verhindert hat. Und gerade wird mir klar, was das bedeutet. Ich bin einundzwanzig und mein Leben beginnt. Das richtige, das eigene Leben. Und meine Mutter wird nichts mehr davon mitbekommen.

Von der Kapelle ist es nicht weit bis zu der Grabstelle. Es ist bewölkt, doch als wir am Grab ankommen, bricht die Sonne durch, und ich sehe erleichtert auf. Es ist wie ein Zeichen, dass wir die richtige Stelle gewählt haben. Im waldigen Teil des Friedhofs, unter Bäumen. Ein schöner, ein begehrter Platz, obwohl meine Mutter das nicht interessiert hätte. Überhaupt nicht. Ihr hätte auch eine Himmelbestattung gereicht, das hat sie uns immer wieder versichert. Bis zum Ende hat sie Witze über den Tod gemacht. Vermutlich, da sie uns den Abschied leichter machen wollte, doch jetzt trifft es uns dafür umso härter.
  Das Grab ist mit Grasteppichen ausgeschlagen, wie um die Tatsache zu verschleiern, dass eine aufwendig gestaltete und lackierte Holztruhe nun ganz profan in die Erde versenkt wird. Das passiert täglich, überall auf der Welt, sage ich mir, so sind Beerdigungen, aber die Vorstellung, dass meine Mutter – noch nicht einmal fünfzig – in dieser Truhe liegt, ist einfach unvorstellbar. Eine Träne läuft mir über das Gesicht und schmeckt salzig. Ich wische sie schnell weg. Ich will nicht weinen. Nicht hier, eigentlich überhaupt nie. Denn Weinen heißt, es zuzulassen oder irgendwie anzuerkennen und das geht einfach nicht.
  Angeblich gibt es vier Trauerphasen: Verweigerung, Wut, Loslassen, Neuanfang. Doch mir leuchtet nur die erste ein. Meine Mutter hätte nicht sterben dürfen. Das alles macht überhaupt keinen Sinn. Wie soll das Leben jetzt überhaupt weitergehen – ohne sie?
  Der Pfarrer spricht das Vater Unser und ich bete still mit. Danach tritt mein Vater ans Grab und wirft eine Rose und eine Schippe Erde auf den Holzdeckel. Er hat nie vorgehabt, nach meiner Mutter zu sterben und hat es so oft gesagt, dass wir es irgendwann alle geglaubt haben. Sie würde das überleben. Jetzt steht er etwas zu lange über den Sarg gebeugt, und für einen Moment habe ich Angst, dass er sich hineinstürzen wird.
  Nach ihm geht Luis an die Graböffnung. Er ist dreizehn, acht Jahre jünger als ich, gerade in der Pubertät und macht jeden dafür verantwortlich. Er schnieft laut. Es ist mehr Wut als Trauer, und wenn es die vier Phasen wirklich gibt, dann ist mein Bruder mir eindeutig voraus.
  Und dann bin ich dran. Ich starre auf die beiden Rosen, die einsam und verloren auf dem glänzenden Holzdeckel liegen. Dies hier ist falsch und ungerecht. Ein Irrtum.
  Meine Mutter hat Blumen geliebt. Blühend, in einer Vase, auf dem Balkon, im Garten. Aber sicher nicht auf einem Sarg in einem Erdloch. Ich nehme eine Rose aus dem silbernen Eimer, der neben dem Grab steht, und zögere. Ich würde am liebsten runter in die Grube steigen und sie sanft auf den Sargdeckel legen. Stattdessen schlägt die dicke Blüte dumpf auf dem Deckel auf. Ich werfe keine Erde hinterher.
  Es ist alles falsch.

Auf dem Weg zum Ausgang löse ich den Schal, ziehe die Wollmütze ab und knöpfe den Mantel auf. Für Anfang März ist es warm, man kann den Frühling schon spüren.
  »Was jetzt, Maya?«, fragt Luis, und ich sehe ihn ratlos an, bis ich begreife, dass er nicht die weitere Zukunft, sondern nur die nächste Stunde meint.
  »In das Restaurant gegenüber vom Friedhof. Papa hat etwas vorbereiten lassen.«
  Mein Vater hat sich erst im letzten Moment um die Totenfeier gekümmert. Bis kurz vor der Beerdigung hat sich keiner von uns vorstellen können, danach noch irgendwo hinzugehen, geschweige denn zu feiern. Jetzt bin ich froh, dass die Trauergesellschaft noch etwas zusammenbleibt und uns drei nicht sofort wieder allein lässt.

Am Eingang des Friedhofs bleiben Luis und ich stehen. Es ist friedlich und ruhig, bis die Stille von dem satten Knattern eines Motorrads unterbrochen wird. Luis sieht auf. Er will so schnell wie möglich einen Motorradführerschein machen und sich dann sofort eine eigene Maschine kaufen, auch wenn er darauf noch mindestens drei Jahre warten muss.
  Es ist ein schwarzes Motorrad, keine Ahnung, welches Modell, aber sie sieht sportlich aus und passt, abgesehen von der Farbe, überhaupt nicht auf einen Friedhof. Nichts daran. Genauso wenig wie der Fahrer in seiner schwarzen Motorradkleidung. Er parkt, während unsere Trauergruppe sich vor dem Friedhof sammelt und etwas ratlos herumsteht.
  Der Motorradfahrer behält den Helm auf, als er die Maschine aufbockt und für einen Moment denke ich, dass er ihn gar nicht absetzen wird. Ich kann das gut verstehen. Wenn man trauert, möchte man sich am liebsten verstecken. Ständig.
  Er nimmt den Helm dann doch ab und wilde, dunkle Locken kommen zum Vorschein. Er ist groß und schlank, sein Gesicht schmal und sehr blass. Ich schätze ihn auf etwas älter als mich.
  Luis stößt mich an. »So eine will ich auch.«
  Ich nicke. »Schöne Maschine.«
  Der Typ sieht auf, unsere Blicke treffen sich kurz, dann wird sein Blick weit und geht durch mich hindurch. Mir ist klar, dass er mich vermutlich gar nicht richtig wahrnimmt. Auch das Gefühl kenne ich. Betäubt und unfähig, etwas anderes als den Schmerz wahrzunehmen. Das Gefühl amputiert zu sein. Ich habe die letzten Tage mit diesem Phantomschmerz gelebt – wird das jemals aufhören?
  Luis sieht dem Motorradfahrer beeindruckt nach, aber ich denke nur, dass er bestimmt nicht zu beneiden ist.
  Vielleicht hat er auch einen Elternteil verloren?
  Es ist fast tröstlich, obwohl es tausend andere Gründe geben kann, weswegen er hier ist. Angefangen von dem Blumenladen am Eingang, in dem er vielleicht arbeitet, bis hin zu den Führungen, die auf dem Friedhof regelmäßig stattfinden. Eigentlich ist alles andere in seinem Alter sehr viel wahrscheinlicher.
  Luis will sich das Motorrad genauer ansehen, aber ich ziehe ihn weiter. Wir können unseren Vater nicht mit der Gruppe der Trauergäste allein lassen, die immer noch etwas orientierungslos vor dem Friedhof wartet.
  Da mein Vater starr vor Trauer ist, muss ich etwas sagen.
  »Wir haben drüben in der Gaststätte etwas vorbereitet. Etwas Kaffee und Kuchen.«
  Ich deute auf die andere Straßenseite.
  »Herrgott, nun kommt doch. Ihr seid alle eingeladen«, sagt meine Oma auf ihre typisch energische Art und geht entschlossen vor.

Im Restaurant sind vier lange Tische eingedeckt, aber nicht aneinandergerückt, so dass sich sofort Gruppen bilden. Es gibt Thermoskannen mit Kaffee und Tee und Teller mit Kuchenstücken, aber ich kann mir nicht vorstellen, jetzt etwas zu essen.
  Ich habe in letzter Zeit nie Hunger gehabt und keine Ahnung, wie ich unter diesen Umständen einen Bissen herunterkriegen soll.
  Die Familie meines Vaters umringt ihn, daher gehen Luis und ich zu den Eltern meiner Mutter und ihrer jüngeren Schwester, die aus London gekommen sind. Wir haben bisher kaum miteinander gesprochen, da sie in einem Hotel in Potsdam übernachten und gleich zur Beerdigung gekommen sind.
  Meine Oma breitet die Arme aus, und ich schlucke.
  »Maya!« Sie umarmt mich und schluchzt. »Gott, du bist ihr so ähnlich«, flüstert sie an meinem Ohr, schiebt mich dann energisch von sich weg und sieht mich an. »Ich werde jetzt nicht herzliches Beileid sagen und so tun, als ob das keine Katastrophe ist, wenn ein Kind vor seinen Eltern stirbt.«
  Ich zittere leicht.
  »Maya, ich weiß, dass du stark bist und unser Leben wird weitergehen. Versprochen?«
  Meine Oma stößt die meisten Leute mit ihrer direkten Art vor den Kopf, aber ich mag, dass sie mich nie angelogen hat und sich jede falsche Höflichkeit spart.
  Sie sieht nach oben. »Wen kann man dafür zur Rechenschaft ziehen? Wenn das Gott war, trete ich aus der Kirche aus.«
  Ganz offensichtlich ist sie auch schon in der Wutphase.
  »Wir sind schon ausgetreten«, murmelt mein Opa und drückt mich kräftig. Dann umarmen sie Luis und fahren ihm durch die Haare, als wäre er sechs. Er grinst verlegen.
  »Maya, komm her«, sagt meine Tante Selma und zieht mich an sich. Selma ist sehr viel jünger als meine Mutter und manchmal kommt sie mir wie die große Schwester vor, die ich mir immer gewünscht habe.
  »Was machen wir nur ohne Nora?«
  Sie hält mich eine Weile und streicht mir sanft über den Rücken.

»Wir dürfen nicht aufgeben«, sagt meine Oma als wir am Tisch sitzen. »Das hätte Nora nicht gewollt. Das Leben geht weiter.« Sie sieht zu mir. »Erzähl mal, Maya. Ich habe gehört, du arbeitest jetzt in einem Verlag?«
  »Sie geht jeden Tag hin«, sagt Luis, als wäre es wie Schule und man schon ein Held, wenn man dort nur täglich auftaucht.
  »Es ist ein Volontariat. Ich bin in der Probezeit.«
  »Sie liest nur noch«, sagt Luis.
  Meine Oma lächelt. »So ist das, wenn man in einem Verlag arbeitet.«
  Selma lehnt sich hinter ihr vor. »Stimmt, du wolltest immer in der Buchbranche arbeiten. Hast du dein Studium denn schon abgeschlossen?«
  »Das Grundstudium.«
  »Und? Studierst du danach weiter?«
  Ich schweige, denn ich bin mir nicht sicher. Eigentlich ist alles gut geplant gewesen. Bis meine Mutter krank und alles chaotisch wurde, und das Volontariat im Verlag mir wie eine geniale Abkürzung vorkam. Wenn man jemanden sterben sieht, dann ist das Gefühl sehr stark, dass man schneller mit dem Leben anfangen sollte. Sofort. Dass es einmalig ist und man es nicht vertrödeln darf. Auf keinen Fall. Jetzt kommt es mir allerdings so vor, als wäre ich nur hektisch losgerannt, um der Tatsache nicht ins Auge sehen zu müssen, dass wir alle irgendwann sterben. Und meine Mutter viel zu früh.
  »Und was machst du da so?« Meine Oma runzelt die Stirn. »Lochen und heften?«
  Luis grinst. »Abspeichern und in den Papierkorb verschieben, Oma. Wir leben im digitalen Zeitalter.«
  »Ich meine ja nur: Machst du etwas Sinnvolles, Maya?«
  Auf einmal starren alle mich an. Meine Mutter hat englische und spanische Literatur ins Deutsche übersetzt. Das war sinnvoll. Ich prüfe Manuskripte und fülle Lektoratsbögen aus. Nehme schweigend an Verlagssitzungen teil, in denen niemand nach meiner Meinung fragt oder hebe die Hand in Abstimmungen, die jederzeit von der Verlagsleiterin überstimmt werden können. Aber so ist das eben am Anfang.
  »Ich lerne sehr viel. Für später.«
  Selma lächelt. »Vergiss nie deine Träume, Maya. Das hat Nora immer zu mir gesagt.«

 

  2
Trauer und andere Begleiter

Musik ist das Einzige, das hilft. Jeden Morgen lege ich mir eine Mix-CD ein, die ich mir extra für die Strecke zum Verlag aufgenommen habe. Musik, die mir hilft. Wie Sara Bareilles Lovesong. Musik, die mir das Gefühl gibt, dass die Welt in Ordnung ist, während sie eigentlich gerade auseinanderfällt. Wie lange kann man trauern? Und dabei habe ich das Gefühl, noch nicht einmal richtig damit angefangen zu haben.
  Der Verlag liegt in Berlin Mitte und eigentlich ist es ein Wahnsinn, dass ich das Auto nehme. Doch es gehört meiner Mutter, und ich brauche das. Den Schutz, die Geborgenheit und das Abtauchen in den Sound. Genauso wie den Hauch ihres Parfüms, der jeden Tag etwas schwächer wird.

»Maya, du rettest mich!«
  Ruby springt auf und nimmt mir den schwarzen Kaffee, kein Zucker, keine Milch, ab, den ich ihr vom Balzac mitgebracht habe. Ruby und ich teilen uns seit einem halben Jahr ein Büro im E-Book-Imprint des Verlags. Sie hat mir den Einstieg hier sehr leicht gemacht. Dafür bedanke ich mich gerne täglich mit einem Kaffee, wenn ich eine Stunde später ankomme. Denn im Verlag probiert man die Gleitzeit aus.
  Doch ich gleite nicht in den Verlag und auch nicht hinaus, ich treffe ein und schlage auf. Erst seitdem ich hier arbeite, habe ich begriffen, dass ich kein Büromensch bin. Was eine deprimierende Erkenntnis ist, da ich sonst alles liebe, wofür ein Verlag steht: die Manuskripte, das Lesen, die Autoren, frisch eingeschweißte Bücher, die in Kartons aus der Druckerei kommen, der Geruch der Seiten und die Leser, die es gar nicht erwarten können, die Bücher ihrer Lieblingsautoren zu lesen. Ich verstehe sie so gut!
  Doch wie soll ich mich daran gewöhnen, dass hier täglich Manuskripte eintreffen, die keiner von uns richtig lesen oder auch nur annähernd gerecht beurteilen kann? Was ist, wenn ich das literarische Genie des 21. Jahrhunderts übersehe?
  »Davon ist nicht auszugehen. Ein Genie leuchtet«, sagt Ruby immer. »Es strahlt so stark, dass niemand es übersehen kann. Früher oder später, wird es entdeckt werden.«
  Dafür, dass Ruby wie eine Punkerin aussieht, nur Schwarz trägt und die Hälfte ihres Körpers entweder tätowiert oder gepierct ist, hat sie eine erstaunlich optimistische Einstellung. Ich bin mir da nicht so sicher.
  Aber ich hoffe, sie hat recht. Dafür mache ich Überstunden und prüfe jedes Manuskript sorgfältig. Oder versuche es, denn bei der Menge der eintreffenden Texte ist das eigentlich gar nicht möglich.
  Ruby nimmt genussvoll einen Schluck Kaffee.
  »Ah, ich liebe ihn schwarz!«
  »Du liebst alles schwarz.«
  Ruby lächelt. »Und ich liebe dich.«
  Wir sind erstaunlich schnell Freundinnen geworden, was hauptsächlich an Ruby liegt, die mich einfach adoptiert hat.
  »Wie geht es Dir?«, fragt sie sanft.
  Ich spüre den Tränenkloß aufsteigen. Nein, nicht hier!
  »Na ja.«
  Ruby stellt ihren Kaffeebecher ab und umarmt mich.
  »Es tut mir so leid. Ich habe überlegt, ob ich zur Beerdigung komme, aber ich kannte deine Mutter ja gar nicht.«
  Ich schniefe an Rubys Schulter, rieche ihr Moschusparfum und nehme mich zusammen. Schließlich ist unser Raum ein Glaskasten im Großraumbüro und alle anderen Mitarbeiter beobachten uns vermutlich gerade.
  »Geht schon.«
  Ich setze mich an meinen Schreibtisch und starre abwesend auf den Computer. Ruby kommt auf meine Seite.
  »Echt jetzt? Du bist doch nicht etwa zum Arbeiten gekommen? Hey, du hast noch frei.«
  »Ich weiß, aber ich muss was machen. Mein Vater hat wieder angefangen zu arbeiten, Luis geht zur Schule. Ich kann doch nicht ganz allein zu Hause herumsitzen.«
  »Klar, verstehe ich. Obwohl …« Ruby zeigt auf den PC. »Hier wartet nur das.«
  »Und?«
  »Nun ja.«
  Schon klar. Ich habe nur ein paar Tage gefehlt, aber die Zahl der Manuskripte hat sich während meiner Abwesenheit vermutlich verdoppelt.
  Ruby winkt ab. »Mach dir keine Gedanken. Papier ist geduldig und diese Dokumente auf dem PC sind noch viel geduldiger. Im Übrigen hätte ich dich angerufen, wenn hier ein Fitzgerald aufgetaucht wäre.«
  Francis Scott Fitzgerald ist mein Lieblingsautor, doch bisher ist leider noch kein einziger Text hier angekommen, der auch nur annährend an seinen Schreibstil heranreicht.
  Ich fahre den Computer hoch. »Ich werde mein Pensum ganz schnell aufholen.«
  Ruby wirft die Arme hoch. »Also, wenn ich koffeinabhängig bin, dann bist du eindeutig leseabhängig.«
  »Ich bin nicht leseabhängig, das ist Interesse.«
  Sie grinst. »Der Übergang ist fließend, Maya.«
  Es stimmt, ich lese viel und exzessiv. Als ich mein Volontariat begonnen habe, war ich mir sicher, dass ich meinen Traumjob gefunden habe. Wer darf schon auf der Arbeit so viel lesen, wie er will? Allerdings sieht die Sache nach sechs Monaten und etlichen Manuskripten schon etwas anders aus. Das meiste, was ich hier lese, würde ich sonst nie in die Hand nehmen.
  »Ach, da fällt mir ein«, sagt Ruby. »Wir haben gleich Besprechung.«
  »Heute?«
  »Ja, Sondersitzung wegen der Buchmesse.«
  »Auf die wir nicht dürfen …«
  Ruby lacht, und die silberne Piercing-Kugel in ihrer Zunge blitzt auf.
  »Na und? Wir rocken hier den Laden, wenn die alle in Leipzig sind. Und du kannst dich entspannen. Ich baue einen Algorithmus in das Mailprogramm ein, der alle schlechten Manuskripte von vornherein aussortiert.«
  Ruby hat Medieninformatik studiert und ist ein Genie am Computer.
  »Oh, ja, ein Programm, das uns das Schlimmste erspart. Meinst, du, das ginge?«
  »Na, logo. Ich bräuchte nur ein paar Monate Zeit und die richtige Software.«
  »Dann stell mal einen Antrag, dass die Buchmesse verlängert wird.«
  Sie stöhnt. »Und schon ist es vorbei mit den hochfliegenden Träumen und zurück zum täglichen Manuskriptwahnsinn. Ich habe alles schon mal vorsortiert. Allerdings schneidest du bei unserer Reglung mal wieder wesentlich schlechter ab.«
  Nach unserer Aufteilung ist Ruby für Thriller, Krimis und Horror zuständig und ich für Liebesromane, Romantasy und Fantasy. Erotische Geschichten teilen wir uns.
  »Schon okay. Außerdem lese ich ja schneller.«
  Ruby grinst. »Ich arbeite auch dafür an einem Programm.«
  »Das für dich liest?«
  »Ja, weißt du, es gibt Programme, die prüfen deinen Sprachstil und sagen dir dann, welchem Autor du am ähnlichsten bist. Warum sollte es dann nicht auch ein Programm geben, das mir sagt, wann ein Text besser als eine Einkaufsliste oder ein Schulaufsatz ist?«
  Sie setzt sich und legt ihre schwarzen Boots auf den Schreibtisch. »Ist jedenfalls cool, dass du wieder da bist. Ohne dich langweile ich mich hier zu Tode.«
  »Und? Was war sonst so los?«
  »Hey, du warst nur drei Tage weg. Was soll da groß passiert sein. Frau Holländer ist immer noch krank. Und die Chefin – na du weißt ja. «
  Die Chefin heißt eigentlich Frau Zeller und ist die Verlagsleiterin der Belletristik. Dass sie sich nun um ein Programm kümmern muss, das – wie sie findet – keinerlei literarischen Anspruch hat, ärgert sie, und wir bekommen das täglich zu spüren.
  »Oh, aber eine Sache ist neu«, sagt Ruby. »Inga ist Juniorlektorin geworden.«
  »Wow.«
  Es ist mein Traum, irgendwann als Lektorin für ein Manuskript richtig verantwortlich zu sein. Es in Ruhe zu lesen, zu lektorieren und mit dem Autor oder der Autorin konzentriert am Text zu arbeiten. Bisher prüfe ich nur die Manuskripte und schreibe meine Meinung in einen Lektoratsbogen.
  Ich zeige auf den Laptop, der auf Rubys Schreibtisch steht.
  »Und wessen Laptop ist das?«
  »Ingas. Sie hat einen fiesen Virus, oder sie denkt es jedenfalls.«
  »Du gehst nicht in ihr Mailprogramm!«
  »Ach was, nur in ihren Browserverlauf.«
  »Ruby!«
  Sie lacht. »Maya, die Welt ändert sich. Niemand kann mehr etwas vor einem anderen verstecken.« Sie deutet aus unserem Glaskubus. »Der gläserne Mensch ist die Zukunft. Relax!«
  Das ist eine Sache, über die ich mit Ruby nicht reden kann. Ich finde, jeder Mensch hat ein Anrecht auf seine Privatsphäre.
  »Okay, gläserner Mensch: Wie war dein Wochenende?«
  »Wir waren am Freitag wieder im Midnight-Movie. So abgefahren!«
  Ruby hat mich schon öfter eingeladen, mit ihren Freunden in die Midnight-Movies, die Spätvorstellung eines Überraschungs-Horrorfilms, zu gehen. Der Eintritt ist umsonst und die Filme sind meist schlecht, aber anscheinend ist es ein riesiger Spaß.
  »Ihr wart bekifft.«
  »Nein! Ich nicht. Für die anderen kann ich die Hand allerdings nicht ins Feuer legen. Sie stehen gerade auf halluzinogene Drogen. Pilze und so.«
  Sie sieht an mir vorbei und nimmt ihre Beine vom Tisch. »Achtung, die Chefin!«
  Die Glastür unseres Büros öffnet sich und wir starren sofort blind auf unsere Bildschirme und täuschen Beschäftigung vor.
  »Es geht gleich los. Sind Sie bereit?«
  Frau Zeller blinzelt, als sie mich erkennt.
  »Maya Nykamp! Mein herzliches Beileid.«
  Ich sehe auf. »Danke.«
  »Hatten Sie nicht noch einen Tag frei?«
  »Das ist schon in Ordnung.«
  »Schön. Dann erwarte ich die Damen in zehn Minuten.«
  Sie schließt die Tür und Ruby atmet hörbar aus.
  »Ihre Laune wird jeden Tag schlechter.«
  »Wann kommt denn Frau Holländer zurück?«
  »Sie sagen, es sind noch mindestens zwei Wochen. Sie ist jetzt in der Reha. Also werden wir die Chefin noch eine Weile ertragen müssen.«
  Ich stehe auf. »Okay, dann lass uns lieber nicht zu spät kommen.«
  Ich suche mir einen Schreibblock und einen Stift. »Meinst du, wir sprechen heute über Manuskripte?«
  »Nein«, sagt Ruby. »Heute reden wir bestimmt nur über die …« Sie hebt feierlich die Arme und sieht an die Decke. »Messe!« Sie federt hoch. »Aber gut, dass du mich daran erinnerst. Ich habe ein Manuskript, das will ich unbedingt durchkriegen.« Sie richtet ihren Bleistift auf mich. »Du musst es lesen und mich in der nächsten Sitzung unterstützen.«
  »Ja?«
  Rubys und mein Buchgeschmack sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Ruby liebt abgedrehte Splatter- und Horrorfilme, und auch Bücher müssen für sie meist blutig, gruselig oder abgedreht sein. Ich liebe Gesellschafts- und Liebesromane und die meisten Autoren, die ich verehre, sind schon längst tot.
  Ruby reicht mir das Manuskript.
  »Die kopflosen Körperfresser?« Ich lächle zum ersten Mal seit Wochen. »In welchem der Digitalprogramme willst du das denn unterbringen?«

Die Sitzung findet im Besprechungsraum der Belletristik einen Stock höher statt. Für die Besprechungen kommen meist bis zu zehn Mitarbeiter zusammen. Da es um die Buchmesse geht, sind fast alle Abteilungen vertreten. Frau Zeller fasst kurz zusammen, was vor der Buchmesse noch vorbereitet werden muss. Alle schweigen ehrfürchtig und hören zu.
  Diese Sitzungen schüchtern mich immer noch extrem ein. Alle reden über Formate und Plattformen, Vorschauen, Onlinewerbung und Social-Media-Kampagnen. Am Anfang habe ich so gut wie gar nichts verstanden. Jetzt verstehe ich etwas mehr, aber trotzdem halte ich mich meistens zurück. Zum einen, weil ich in großen Runden eher schüchtern bin, zum anderen, weil ich einfach noch nicht genug Ahnung habe, um mitreden zu können.
  »Was ist mit den Print-Titeln?«, fragt Inga, die neue Juniorlektorin.
  Ich lehne mich zu Ruby. »Wieso Print?«
  »Wir drucken jetzt auch.«
  »Wieso?«
  Immerhin sind wir das E-Book-Imprint, das nur dafür gegründet worden ist, Titel digital herauszubringen.
  »Erklär ich dir später«, flüstert Ruby.
  Ich habe etwas zu laut gesprochen und sofort sieht die Chefin zu mir.
  »Eine Frage, Maya?«
  Ich schüttle den Kopf.
  Es klopft und Frau Zeller wird nach draußen gerufen. Kaum hat sie den Raum verlassen, beginnen aufgeregte Gespräche.
  Ich drehe mich zu Inga.
  »Ich habe gehört, du bist jetzt Juniorlektorin. Herzlichen Glückwunsch!«
  Sie lächelt. »Maya, es ist so ein Unterschied. Ich bin schon so gespannt, auf das erste Buch, das ich ganz allein lektorieren kann.«
  »Ja, wow«, sage ich und rechne mal wieder. Ich bin jetzt ein halbes Jahr hier. Nach einem Jahr ist die Probezeit beendet, dann entscheidet sich, ob mein Volontariat verlängert wird. Inga ist seit drei Jahren hier, aber wenn ich fleißig bin, übernimmt mich der Verlag vielleicht schon früher. Und vielleicht kann ich sogar in die Belletristik wechseln.
  Inga beugt sich vor. »Gehst du auch mit auf die Messe?«
  »Nein.«
  Inga seufzt leicht theatralisch. »Das war so toll, letztes Jahr.«
  Sie schiebt mir ihren Laptop hin.
  Ich betrachte zusammen mit Ruby die Verlagsmitarbeiter, die hinter dem Stand stehen, lachen, in Büchern blättern, mit Lesern und Autoren sprechen. Und bin neidisch.
  »Da will ich auch mal hin!«, sage ich zu Ruby.
  Sie zuckt mit den Schultern. »Kannst du doch. Fahr am Wochenende hin – als Besucherin.«
  »Das meine ich nicht. Ich will hinter dem Stand stehen und die Autoren begrüßen.«
  Sie grinst. »Fitzgerald?«
  »Der leider schon tot ist.«
  »Aber sehr attraktiv war.«
  Die Chefin kommt zurück, sofort verstummen wir.
  Alle, die mit auf die Messe fahren, bekommen ihre Anweisungen.
  »Wo werde ich sein?«, fragt Inga. »In der E-Book-Halle oder am Hauptstand.«
  Auch Inga würde am liebsten so schnell wie möglich in die Belletristik wechseln.
  »Das werden wir dann sehen«, sagt Frau Zeller abgelenkt.
  Ruby richtet sich auf. »Wie sollen denn die digitalen Titel auf der Messe präsentiert werden?«
  »Wir machen eine große Stellwand, auf der die Cover der E-Book-Titel vergrößert präsentiert werden.«
  »Oh, das ist toll!«, sagt Inga sofort übertrieben begeistert.
  »Stellwand. So viel zu digital …«, murmelt Ruby leise.
  Sie träumt von riesigen Screens mit Buchtrailern und multimedialen Präsentationen. Digital oder analog – wir streiten ständig darüber. Ruby findet, alle Printbücher könnten sofort abgeschafft werden. Dann würden weniger Bäume gefällt und die Umwelt geschützt. Okay, das stimmt, das ist vielleicht vernünftig, aber ich finde es nicht so einfach. Ich liebe gedruckte Bücher. Ihren Duft, ihre Cover, das Buch in meiner Hand zu spüren. Lesen ist auch eine sinnliche Angelegenheit.

Nach der Sitzung gehen wir zusammen in die Kantine.
  »Wozu arbeiten wir in der E-Book Abteilung, wenn das dann doch alles gedruckt wird?«, mault Ruby. »Vorschau, Plakate – das Materielle wird eindeutig überschätzt.«
  Da ist die Diskussion wieder.
  »Ach ja? Willst du dein Essen lieber digital zu dir nehmen?«
  Ruby macht eine Verbeugung vor mir. »Ah, stimmt ja, ich habe vergessen, dass du die Printessa bist.«
  »Natürlich. Ich will die Bücher anfassen, riechen.«
  »Warum? Kommt es nicht nur auf den Inhalt an?«
  »Ich will auch mein Gemüse von einem schönen Teller essen.«
  Ruby grinst. »Dann sollten wir schnell woanders hingehen.«
  »Zumindest haben sie hier kein Plastikgeschirr.«
  »Stimmt. Go Green, alles Porzellan. Hast du schon deinen eigenen Kaffeebecher?«
  »Nein?«
  »Tja, dann bring dir lieber einen mit, sonst bist du auf die Buchbecher in unserer Kaffeeküche angewiesen.«
  »Buchbecher?«
  »Werbematerial. Du weißt schon – Keep calm and …«
  »Read!«
  »Genau. Apropos Geruch«, sagt Ruby, als wir uns der Kantine nähern. »Vielleicht sollten wir doch lieber ins Balzac gehen und uns einen Kaffee und Bagels holen?«
  Ich bleibe stehen. »Hey, hast du nicht gesagt, die Kantine ist Pflicht?«
  »Ja, aber nur, weil sie der wichtigste Umschlagplatz für Neuigkeiten und Tratsch ist. Nicht zum Essen.« Sie reißt die Arme hoch. »Oh Gott. Schau mal, da ist Inga-so-stolz-darauf-jetzt-etwas-Besseres-zu-sein!«
  »Ruby!«
  »Ich sag ja nur …«
  Wir setzen uns zu Inga und einem der Praktikanten. Seine Nickelbrille erinnert mich an Harry Potter. Jetzt fällt mir auch sein Namen wieder ein: Jan.
  Ruby beugt sich über den Tisch und flüstert. »Habt ihr gesehen, wie sauer die Zeller war? Ich wette, das ist, weil die E-Books jetzt gedruckt werden. Ich finde es ja auch überflüssig.«
  »Wieso sollte sie das stören?«, fragt Jan. »Mittlerweile wird doch jedes gedruckte Buch auch als E-Book herausgegeben.«
  Inga zuckt mit den Schultern. »Sie ist halt der Meinung, dass diese Geschichten, die wir im E-Book-Imprint rausbringen, niemals gedruckt werden sollten, weil es nur billige Unterhaltung ist.«
  »Ja, für die Zeller ist ein Buch ein Heiligtum und das E-Book dazu nur ein nebensächliches Lesekomfort-Extra«, sagt Ruby. »Dabei sollte es mittlerweile umgekehrt sein.«
  »Aber das verwechselt doch niemand«, sagt Jan und sieht zu Ruby.
  Inga beugt sich zu uns und senkt die Stimme auf ein fast unhörbares Flüstern. »Klar, inhaltlich sind die Bücher nicht zu vergleichen, aber in den Buchhandlungen gibt es nur begrenzten Platz. Und den muss sich die Belletristik jetzt mit den gedruckten E-Books teilen. So machen wir uns selbst Konkurrenz.«
  Wir schweigen einen Moment.
  »Guck nicht so«, sagt Ruby und stupst mich an. »Die Literatur wird schon nicht untergehen. Nicht, solange es Menschen wie dich und die Chefin gibt.«
  »Vergleichst du uns etwa?«
  »Na ja, Maya, also was Literatur angeht, seid ihr euch schon verdammt ähnlich.«
  Jetzt nicken alle. Auch Inga.
  »Aber ich versteh dich, Maya«, sagt sie und lächelt gütig. »Ich bin so froh, jetzt im richtigen Lektorat zu sein. Die Arbeit ist so viel sinnvoller. Und natürlich, wenn die Chefin mich fragt, dann gehe ich mit Handkuss zur Belletristik.«
  Ich stehe auf. Wenn Ruby mich hochnimmt, ist das okay, aber Ingas Mitleid ist nur schwer zu ertragen.
  »Ich gehe mal Essen holen.«
  Ruby und ich wechseln uns immer ab, und diese Woche bin ich dran. Hunger habe ich allerdings mal wieder keinen. Seit meine Mutter gestorben ist, habe ich fünf Kilo abgenommen.
  Trotzdem bestelle ich zwei Portionen Nudeln mit Tomatensoße und nehme sogar Nachtisch. Als ich gerade zahle, kommt eine Verlagsmitarbeiterin auf mich zu. Ich kenne sie nur vom Sehen.
  »Sind Sie nicht Maya Nykamp?«
  »Ja.«
  Sie reicht mir die Hand. »Ganz herzliches Beileid. Ihre Mutter war eine so großartige Übersetzerin. Sie wird uns allen fehlen. Bestellen Sie auch Ihrem Vater herzliches Beileid von mir.«
  »Ja, danke.«
  Zwei weitere Mitarbeiter werden aufmerksam, kommen dazu und kondolieren mir.
  »Ihre Mutter wird uns hier sehr fehlen.«
  Sie drücken meine Hände und ich spüre, dass es nicht nur eine hohle Geste ist.

»Du musst mehr essen, du bist ja richtig dünn geworden«, sagt Ruby, als ich zurück an den Tisch komme und das Tablett abstelle.
  Inga nickt. »Du hättest das Fleischgericht nehmen müssen.«
  »Maya isst kein Fleisch«, sagt Ruby.
  »Vegetarisch?«
  Ruby grinst: »Nein: vernünftig.«
  Inga steht auf. »Na, dann hole ich mir jetzt auch mal was. Kommst du, Jan?«
  Jan ist damit beschäftigt, Ruby anzustarren. Er ist erst seit zwei Wochen hier und hat sich schon in sie verliebt. Als ihm klar wird, dass ich ihn beobachte, steht er schnell auf und folgt Inga.
  Ich setze mich. »Du bist ganz schön hart zu Inga.«
  »Ach, was. Sie kennt mich. Das ist doch nur Spaß.«
  Ruby sieht auf das Tablett. Sie nimmt die Schokomousse und stellt sie zu mir.
  »Du nimmst auf jeden Fall meinen Nachtisch, Baby!«
  Ich will ganz normal essen, aber dann stochere ich doch nur in meinen Nudeln herum. »Da haben mir gerade zwei Mitarbeiter kondoliert …«
  »Das versteh ich. Was soll das sein? Nudelpampe?« Ruby sieht auf. »Oh, sorry, Maya. Ich dachte …«
  »Schon okay.« Ich pikse eine Nudel auf. »Weißt du, es wundert mich einfach, wie viele Leute meine Mutter im Verlag gekannt haben. Sie war Übersetzerin. Sie war nie hier!«
  »Aber es ist doch nett, dass alle sich an sie erinnern.«
  »Ja. Und ich bewundere das. Und was mache ich?«
  »Arbeiten?«
  »Ich meine, meine Mutter hat übersetzt und alle reden anerkennend von ihr. Und ich breche mein Studium ab, um täglich bergeweise Manuskripte zu prüfen.«
  »Hör mal, Maya. Deine Mutter hat auch irgendwann mal klein angefangen. Hast du nicht erzählt, sie ist in den ersten Jahren nur durch Spanien getrampt?«
  »Okay, aber da hat sie etwas erlebt. Ich sitze nur hier …«
  »… und du isst. Ist auch wichtig. Lebensnotwendig, würde ich sagen.«
  Ich nehme einen Bissen. Ruby zuliebe.
  Sie lächelt. »Braves Mädchen.«
  Ich verstehe Jan. Mit ihren dunkel gefärbten Haaren, ihrem makellosen Gesicht und ihren großen grünen Augen sieht Ruby wie ein Manga-Mädchen aus. Abgesehen von den Piercings an den Augenbrauen und Ohren und wahrscheinlich noch an vielen anderen Stellen ihres Körpers. Ruby ist cool. Manchmal bin ich erstaunt, wie sie das alles zusammenbringt. Ihren Look, ihre offene Art und die geregelte Arbeit hier im Verlag. Ich dagegen sehe brav aus, mit meinem Pferdeschwanz, den Jeans und Blusen, die ich trage. Und doch komme ich viel schlechter mit der Routine im Verlag zurecht.
  »Als ich hier angefangen habe, dachte ich …«,
  »Du triffst Fitzgerald«, unterbricht mich Ruby. »Schon klar.«
  »Nein, ich meine, ich dachte, dass in der E-Book-Abteilung mehr experimentiert wird.«
  »Yeah, Maya, ganz meine Meinung. Die sollten hier viel mehr Splatter rausbringen. Ein völlig unterschätztes Genre.«
  »Ich dachte eher an Avantgarde.«
  Sie reißt ihre Gabel hoch. »Wer will Literatur, wenn er Därme in Blutsoße haben kann?«
  »Oh, jetzt bekomme ich Appetit.«
  Sie deutet auf den Parmesan. »Etwas Knochenmehl dazu?«
  »Nein, danke. Steht das Angebot mit dem Nachtisch noch?«
  »Klar, das getrocknete Blut ist für dich. Guten Appetit!«
  »Willst du eigentlich, dass ich irgendetwas esse?«
  »Ich will, dass du dich entspannst und nicht so streng mit dir bist. Du musst alles etwas lockerer angehen.«
  Ich probiere die Mousse. Sie ist zuckersüß.
  Ruby nimmt einen Löffel. »Meinst du, es kann krank machen?«
  »Was? Der Nachtisch?«
  »Ja. All dieses süße Zeug.«
  Sie zieht mit ihrem Löffel großzügige Kreise über dem Tisch. »Ich meine, wir wollen uns gesund ernähren – öko, vegetarisch, vegan, soja-free – aber das gilt doch auch für die geistige Nahrung, oder? Wir lesen hier all diese süßen Geschichten – was ist, wenn sie unser Hirn verkleben?«
  »Du meinst die Texte?«
  Rubys Handy klingelt und sie springt vom Tisch auf.
  »Ja, ach. Okay, dann …«
  Sie winkt in meine Richtung. Ich verstehe gar nichts.
  Sie setzt sich wieder und hebt feierlich ihren Löffel.
  »Maya!«
  »Was?«
  »Ich krieg die Wohnung! Drei Zimmer, ab Mai. Na, was ist?«
  Ruby hat mir schon vor Monaten vorgeschlagen, mit ihr zusammenzuziehen. Ich habe Lust dazu, große Lust, aber gerade kommt es mir vollkommen unmöglich vor, meinen Vater und meinen Bruder allein zu lassen.
  »Sie kommen schon ohne dich klar«, sagt Ruby, die meinen Gesichtsausdruck richtig deutet. »Dein Vater kann kochen, und deinem Bruder zu zeigen, wie er seine Jeans alleine wäscht, kann auch nicht so schwer sein. Deine Mutter hätte sicher nicht gewollt, dass du jetzt ihre Stelle einnimmst.«
  Richtig, meine Familie lebt nicht in der Steinzeit. Mein Vater hat den Haushalt im Griff und Luis ist auch alt genug, um sich um vieles zu kümmern. Ich habe auch gar nicht vor, meine Mutter zu ersetzen. Das ist sowieso unmöglich.
  »Ich würde gerne bei dir einziehen. Ich bin mir nur nicht sicher … ist es nicht noch zu früh?«
  »Früh? Du bist einundzwanzig, da habe ich schon fünf Jahre nicht mehr zuhause gewohnt.«
  »Du bist ein Punk!«
  »Falsch, ich bin ein Nerd, die wohnen in der Regel bis Vierzig bei den Eltern. Also?«
  »Okay!«
  »Perfekt. Also ab Mai!«
  »Ja, nur … ich habe versprochen zu helfen, das Zimmer meiner Mutter auszuräumen. Und ich möchte am Muttertag noch zu Hause sein. Den haben wir immer zusammen gefeiert.«
  Ruby nickt. »Natürlich. Klar. Zieh einfach Mitte Mai ein. Hey, dann können wir deinen Geburtstag in der neuen Wohnung feiern. Am 17. Mai, oder?«
  »Ja.«
  »Soll ich dir beim Ausräumen der Bibliothek helfen?«
  Die Bibliothek. So habe ich Ruby das Zimmer meiner Mutter immer beschrieben. Voll mit Büchern und Katalogen. Aber da ist noch viel mehr: Fotos, Kleider, Kunst, ihre Aufzeichnungen und die Aschenbecher aus aller Welt, die sie zu sammeln angefangen hat, als sie aufgehört hat zu rauchen. Ihr ganzes Leben in einem Zimmer.
  »Das schaff ich schon.«
  Ruby zieht mein Nachtischschälchen zu sich heran und beginnt es auszulöffeln. »Was für eine Ironie. Du arbeitest für ein Digitallabel und bist Erbin eines Buchimperiums.«
  »Na ja, Imperium würde ich es nicht nennen.«
  »Doch, doch. Du erbst. Alles.« Sie hält ihren Dessertlöffel hoch. »Sie war eine anerkannte Übersetzerin, eine Legende, und du wirst eine legendäre Verlegerin werden. Wart nur ab.«
  Sie steht auf und packt unsere Teller auf ein Tablett.
  »So. Und jetzt zurück an die Arbeit!«
  »Ihr geht schon?«, sagt Inga, die uns mit einem Tablett entgegenkommt.
  »Tja, tut mir leid. Unser Mailfach ist voll mit süßen Manuskripten«, sagt Ruby. »Die müssen gegessen werden. Und seit gewisse Volontäre uns verlassen haben und sehr verräterisch in das Lektorat gewechselt sind …«
  Inga lächelt zufrieden. »Ja, ich liebe dich auch, Ruby.«
  Sie stellt ihr Tablett ab und kramt in der Aktentasche, die neben ihrem Stuhl steht.
  »Das erinnert mich an etwas. Wartet mal.«
  Sie zieht einen Umschlag aus der Tasche. »Da hat tatsächlich noch jemand ein gedrucktes Manuskript an den Verlag geschickt. Verrückt, oder? An die Belletristik. Die meinten, wir sollen das prüfen. Ihr habt doch sicher — Zeit?«
  Ruby stöhnt. »Wieso wir? Wir sind nur Volontäre im E-Book-Imprint. Und wir ersticken in Arbeit. Warum machst du das nicht?«
  »Buchmesse? Hallo?«
  Ruby sieht fragend zu mir. »Es ist ausgedruckt …«
  Jetzt sehen beide mich mit einem Hundeblick an.
  Ich seufze, dabei wissen wir alle ganz genau, dass ich einem neuen Manuskript nicht widerstehen kann.

  


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Presse / Rezensionen

 

»Es handelt sich um ein unglaubliches Buch. Es ist ehrlich, schonungslos und voller Emotionen. Die Charaktere sind nicht nur tiefgründig und vielseitig, sie sind auch noch so unglaublich “echt”, dass man sich vorstellen kann, jemanden wie Simon oder Maya in der Realität zu treffen. Einen derart berührenden Eindruck von der Gefühlswelt unterschiedlicher Charaktere bekommt man jedenfalls selten. Keine Frage, wenn ein Buch die fünf Sterne verdient hat, dann ist es “Love on Paper”! «(Nyansha, 27. März 2017)


»Ich bin ein großer Fan von Katrin Bongards Büchern. ‘Love on Paper’ steigt für mich ganz oben in der Jugendliteratur ein. Sie zeigt immer wieder mit der Auseinandersetzung mit Liebe, Mut, Kunst & Freiheit was unser Leben für Schattierungen von Glück hat. «(Lukas, 28. April 2017)


»Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Katrins Schreibstil, der einen eintauchen lässt, mitnimmt und besonders bei ihren Büchern habe ich das Gefühl, eigentlich einen Film zu schauen. So auch diesmal. Ich habe jede Seite genossen und das Buch nun wehmütig zugeklappt, weil ich Maya und Simon ziehen lassen muss. «(Julia, 26. März 2017)


»Ein zeitgemäßes Buch, fantastisch geschrieben, Atemlos folgt man der klaren Sprache, ja die ist echt! Kein aufgesetztes, konstruiertes, weltfremdes und Stil-bemühtes Schreiben. Man wird sofort mit hineingezogen, ja mitgerissen vom Schmerz, den Zweifeln, der Leidenschaft für die Literatur der gerade mal erwachsen gewordenen tapferen Protagonistin. Man erhält Einblick in das Verlagswesen (das war schon lange mal für eine literarische Aufarbeitung fällig!) und in die Irrungen und Wirrungen einer neuen Liebe. Alles spannend miteinander verwoben, man kann kaum das Buch aus der Hand legen – ich habe es in einer Nacht durchgelesen, das ist mir seit meiner Jugend nicht mehr vorgekommen. Womit ich meine, dass dieses mit Herzblut geschriebene Werk nicht nur im engeren Sinn für die Zielgruppe junge Erwachsene ein Vergnügen ist, sondern für alle die im Herzen jung geblieben, sich die Liebe zur Literatur erhalten haben.« (Roland, 22. Februar 2017)


»In dieser Geschichte geht es nicht nur um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Trauernden, vielmehr geht es um das Annehmen der Vergangenheit und das Zulassen der Zukunft. Und um die Liebe zu Büchern. Trotz aller Trauerarbeit empfand ich die Stimmung in diesem Buch nie unangenehm bedrückend oder negativ, im Gegenteil. Das liegt an dem einzigartigen Schreibstil: emotional ohne kitschig zu sein, nachdenklich, realistisch und tiefsinnig-an den sympathischen, authentischen Protagonisten und flippigen Nebenfiguren, die die Geschichte auflockern. Ja-ich bin ein großer Fan von Frau Bongard, finde ihre Romane toll. Klare Leseempfehlung. Ich freue mich auf den nächsten Roman. P.s das Cover ist super!!ein echter Hingucker.« (Kirsten, 22. Februar 2017)