KATRIN BONGARD

FLYING MOON

Band 1 der Flying Moon-Serie
Flying Moon von Katrin Bongard
E-Book
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Seiten
ISBN
3,99 €
9,99 €
263
978-3-943799-71-7

*Ein rockiges Aschenputtel,
ein trauriger Prinz,
eifersüchtige Exfreundinnen.
Ein modernes Liebesmärchen*

Als die 16 jährige Moon auf einer Filmparty einen unbekannten Jungen trifft, ist es Liebe auf den ersten Blick. Was Moon nicht weiß: er ist ein Filmstar, sein Ruf als Verführer legendär. Ein Jahr später treffen beide sich zufällig an einem Filmset wieder. Und ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt.

Ein Jahr später hat sich Moons Leben von Grund auf geändert, ihre Eltern sind getrennt, sie lebt mit ihrer Mutter in einer anderen Stadt. Den Jungen hat sie nicht vergessen, doch wer er ist, weiß sie noch immer nicht. Bis sie an der Schule für ein Filmprojekt entdeckt wird. Und am ersten Drehtag auf den ihn trifft. Alle Gefühle sind noch da, doch mittlerweile ist er ein bekannter Nachwuchsstar und wird von vielen angehimmelt. Im Film sollen sie ein Liebespaar nur spielen, doch beide empfinden viel mehr für einander …*

Flying Moon

Moon

  

1

  

Es war der heißeste Sommer, den ich je erlebt hatte, seit Tagen lag die Stadt unter einer riesigen Hitzeglocke. Wir wollten auf eine Filmparty zu Nora gehen. Sie war eine bekannte Filmproduzentin. Mein Vater sah den Abend als Chance an, sein Durchbruch als Drehbuchautor. Nora mochte seinen Stil, sie wollte sein neues Drehbuch produzieren, eine romantische Liebesgeschichte. Etwas, das er sonst nicht schrieb, eher kleine, kunstvoll erzählte Dokumentationen und Arthouse-Filme.
  Wir standen zusammen im Schlafzimmer meiner Eltern. Mein Vater probierte nervös einen Smoking an, ich hatte gar nicht gewusst, dass er so etwas überhaupt besaß. Wahrscheinlich hatte er ihn gekauft, um irgendwann einmal damit über den roten Teppich in Hollywood zu laufen. Und zugegeben, er stand ihm gut. Sehr gut sogar. Er sah aus wie ein Filmstar, groß und schlank mit lässig nach hinten gekämmten Haaren und strahlend blauen Augen. Im dem festlichen Anzug schien er sich zu verwandeln und auf einmal war er mir sogar fremd.
  »Ihr braucht euch nicht zu verkleiden. Aber, Moon, lass deine zerfetzte Jeans heute bitte mal zu Hause.«
  Meine zerfetzte Jeans war meine zweite Haut, mein Zuhause, mein ICH. Außerdem war sie, kombiniert mit einem Label-T-Shirt und Chucks das Coolste, was man anziehen konnte.
  Also, was hatte er?
  »Und Lion, kämm deine Haare. Sie sehen aus, als nisten Vögel darin.«
  Lion war vierzehn und was mein Vater sagte, praktisch Gesetz. Ich war sechzehn und sah das entschieden anders. Mein Vater trug doch selbst meistens Jeans und Turnschuhe, er war Amerikaner, er war lässig. Wir waren alle lässig. Ich sah fragend zu meiner Mutter, die gerade ein enges blaues Cocktailkleid anprobierte. Sie sah großartig darin aus, schlank und elegant, mit leicht gebräunter Haut. Sie musterte mich, traf dann offenbar spontan eine Entscheidung, ging zum Schrank und warf mir ein kleines schwarzes Cocktailkleid zu. Offen gestanden war ich schon lange scharf darauf. Kombiniert mit großen Ohrringen und bunten Armbändern war es der perfekte Look. Ich kroch aus meiner Jeans und schlüpfte in das Kleid. Es war fantastisch. Ich nahm meine schulterlangen Haare zusammen und hielt sie hoch.
  Perfekt.
  »Hast du Schuhe dazu?«, fragte mein Vater erleichtert.
  Meine Mutter reichte mir zierliche schwarze Sandalen mit schmalen Riemchen und kleinem Absatz. Ich hatte sie noch nie zuvor an ihr gesehen. Ich probierte sie an, sie waren schön, aber mindestens eine Nummer zu groß.
  »Die kannst du ja später irgendwann ausziehen«, sagte sie und lächelte.
  Lion stand immer noch unentschlossen herum, bis meine Mutter ihn an der Hand nahm, in sein Zimmer zog und so lange in seiner Kommode wühlte, bis sie ein schwarzes Hemd und eine dunkle Hose fand, die neu aussahen, denn Lion hatte sie noch nie zuvor getragen.
  Er kam zurück und zog vor dem Spiegel eine Grimasse. Ich fühlte mich elegant und erwachsen, aber er kam sich nur verkleidet vor. Ich grinste. Er boxte in meine Richtung, aber ich wich ihm geschickt aus und flüchtete über das Bett. Lion verfolgte mich und bewarf mich mit Kissen. Wir lachten, aber mein Vater fand das nicht witzig.
  »Dieser Tag ist wichtig! It’s really important!«
  Wenn er aufgeregt war, sprach er Englisch, meist ohne es zu merken. Okay, important. Schon klar.
  »Das wissen wir, Paul«, sagte Mom ruhig und wir nickten.

Nora wohnte in einer riesigen Villa. Unser Taxi fuhr die Kies-auffahrt mit den kunstvoll geschnittenen Buchsbäumen hinauf und hielt direkt vor dem Eingang mit dem großen, prachtvoll angeleuchteten Springbrunnen. Was für ein Luxus! Wir stiegen aus. Es war schwül und viel zu warm für die Jacke, die ich mitgenommen hatte.
  »Seht euch das an!«, sagte meine Mutter und deutete zum Eingang, wo Dienstpersonal mit gestreiften Westen und weißen Handschuhen stand. Sie zog amüsiert die Augenbrauen hoch. Als Bühnenbildnerin bevorzugte sie einen klaren und nüchternen Stil und Diener in gestreiften Westen und beleuchtete Springbrunnen gehörten eindeutig nicht dazu.
  »Benehmt euch«, sagte mein Vater nicht ganz ernst und ging vor.
  Im Eingangsbereich wurde mir die Jacke abgenommen und ich erhielt eine Garderobenmarke. Es war wie im Theater.
  Lion stand neben mir, den Mund halb offen. Auch ich war beeindruckt. Wir waren schon einmal hier gewesen, aber an diesem Abend sah das Haus noch festlicher aus, fast wie ein Schloss. Die Fenster und Türeinfassungen waren mit prachtvollen Vorhängen dekoriert, und an der Decke hingen goldene Kronleuchter. Fast alle Frauen trugen lange Abendkleider, die Männer Anzug oder Smoking. Dagegen fielen wir und einige andere, eher lässig gekleidete Gäste, deutlich ab. Mit Jeans wären wir hier vermutlich gar nicht hineingekommen.
  Wir schoben uns hinter meinen Eltern in den großen Festsaal, in dem die Gäste etwas lockerer standen. Ich zog überrascht die Luft ein. Wow! Eine Champagnerpyramide. In hunderten von Gläsern perlte honigfarbene Flüssigkeit. Ich kannte so etwas eigentlich nur aus Filmen, und irgendwie hatte ich gedacht, dass es diesen Luxus in Wirklichkeit gar nicht gab.
  Nora kam auf meine Eltern zu und umarmte sie. Sie trug ein schwarzes, schulterfreies Kleid, lose hochgesteckte Haare und sah großartig aus. Ich sage das nicht gern. Ich würde lieber sagen, man sah, dass sie eine böse Hexe war, die es nur darauf abgesehen hatte, unsere Familie zu entzweien, aber - man sah es nicht. Sie sprach höflich mit Mom und flirtete mit Dad, aber das tat sie eigentlich immer. Und dann, ganz überraschend und eigentlich vollkommen unpassend, schlug sie vor, uns ihren neuen Vorführraum zu zeigen. Ihre eigene Party verlassen? Ging das überhaupt? Lion war sofort begeistert.
  Ich sah den skeptischen Blick meiner Mutter und lehnte ab, doch mein Vater und Lion gingen mit.
  Kurz darauf traf meine Mutter eine Kollegin und verschwand mit ihr in Richtung Buffet. Ich blieb etwas ratlos zurück, denn ich kannte hier niemanden. Vermutlich liefen überall Filmstars herum, aber die erkannte ich sowieso nie. Ich schlenderte durch die Gäste und fing Gesprächsfetzen auf: Der letzte Film war großartig … Die Finanzierung steht, keine Frage … Eine Million Zuschauer, wann hat man das schon in Deutschland?!
  Es ging ums Geschäft und um viel Geld. Was für eine langweilige Party.
  Doch plötzlich entdeckte ich jemanden, der deutlich jünger war als die übrigen Gäste. Ein Junge, etwa in meinem Alter. Sein Blick wanderte gelangweilt durch den Raum.
  Willkommen im Club.
  Er trug einen blauen Anzug mit einem weißen T-Shirt und sah auf eine lässige Art gut darin aus. Auf einmal war die Party wesentlich interessanter, obwohl ich weder vorhatte, ihn anzusprechen, noch mich irgendwie bemerkbar zu machen.
  Ich stellte mich hinter eine Säule, von der ich ihn gut im Blick hatte und sah, wie ein älterer Mann im Anzug auf ihn zuging und auf ihn einredete. Ich hörte nicht, was sie sprachen, aber ich sah genau, wie lästig dem Jungen das Gespräch war. Er wirkte erleichtert, als der Mann endlich weiterging, und ging zum Buffet. Ich wollte ihm unauffällig folgen, doch auf einmal drehte er sich um und entdeckte mich. Verlegen sah ich weg und ging möglichst cool zur weit geöffneten Verandatür, denn auf keinen Fall wollte ich mir anmerken lassen, dass ich Interesse an ihm hatte.

Den Garten kannte ich nur tagsüber. Terrasse, Pool, englischer Rasen und an den weit entfernten Grundstücksgrenzen riesige Kastanien und knochige Weiden. Nora hatte nicht nur Geld, ihre Familie war schon immer wohlhabend gewesen und der Überfluss wurde elegant präsentiert. Der Pool war mit Fackeln beleuchtet, auf der Wasseroberfläche trieben künstliche Seerosen und brennende Schwimmkerzen, aber selbst die sahen geschmackvoll aus. Immer mehr Gäste schoben sich aus den überhitzten Innenräumen in den Garten, obwohl sie auch hier kaum Abkühlung fanden. Auch mir war heiß, mein Gesicht glühte. Ich zog die Sandalen aus, grub meine Zehen in den frisch gemähten Rasen und atmete erleichtert auf. Entspannt schlenderte ich zum Pool und sah auf die glitzernde Wasseroberfläche. Ich stellte die Schuhe auf den Beckenrand und wanderte ein wenig auf dem kühlen Marmorrand hin und her.
  »Soweit ich weiß, ist das Betreten der hauseigenen Schwimmanlage für Gäste strengstens verboten.«
  Ich drehte mich um. Da stand der Junge und lächelte mich an, als würden wir uns schon hundert Jahre kennen.
  »Ach ja? Ich habe gehört, wenn man einen guten Grund dafür hat, kann man alles machen.«
  Er grinste. »Einverstanden. Mir ist heiß. Wie ist es mit dir?«
  »Ja. Trifft es ziemlich genau.«
  »Also? Wollen wir eine Runde schwimmen?«
  Am Pool stand ein Liegestuhl. Er zog seine Anzugjacke aus, legte sie dort ab und lächelte charmant.
  »Was ist?«
  »Du zuerst.«
  »Oh, nein. Ladys first. Nach dir.«
  Ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte. Es war eher ein Spiel. Und es gefiel mir. Ich setzte mich auf den Beckenrand und ließ meine Beine ins Wasser hängen.
  »Ich bin drin.«
  »Tatsächlich?«
  Sein Grinsen wurde breiter. Er kam langsam näher, zog sein T-Shirt aus und kickte seine Turnschuhe von den Füßen.
  »Was ist?«
  Und dann, ohne genauer darüber nachzudenken, stieß ich mich vom Rand ab und tauchte in den Pool. Das war verrückt, aber ich wollte einfach schneller sein. Das Wasser war warm und seidig, aber was, verdammt, hatte ich mir dabei gedacht?
  »Also, ich bin drin«, sagte ich betont entspannt und paddelte dabei möglichst nah am Beckenrand, in der Hoffnung, dass mich so keiner sah. Er hockte am Rand und lächelte.
  »Wow.«
  Ich hatte ihn überrascht. Und mich selbst eigentlich auch.
  »Ist wirklich ganz wunderbar hier.«
  »Nicht zu nass?«
  »Nein, überhaupt nicht.«
  »Okay, ich komme.«
  Er stand auf, um seine Hose auszuziehen, aber ich war schneller, packte seine Fesseln und zog ihn Richtung Pool. Er schwankte, stieß sich ab und köpfte im letzten Moment ins Wasser. Wieso sollten seine Sachen trocken bleiben? Es war nur fair. Er tauchte neben mir auf, schüttelte seine Haare.
  »Okay, das war ein Anzug von Boss, und er war geliehen!«
  »Tja, das ist ein Kleid meiner Mutter und es ist auch geliehen.«
  Er schwamm näher und blinzelte ungläubig, als könne er nicht glauben, was er sah.
  »Und was jetzt?«
  Er kam mir so nah, dass ich für einen Moment dachte, er würde mich küssen, aber er sah mich nur fragend an.
  »Kenne ich dich eigentlich?«
  »Eher nicht.«
  »Wer bist du?«
  »Niemand.«
  Zumindest wollte ich mit niemandem auf dieser Party in Verbindung gebracht werden. Schon gar nicht mit meinem Vater, dessen Name gerade in der Branche bekannt wurde. Vielleicht fing der nette Junge dann an, mir von seinem Drehbuch zu erzählen, und hoffte, dass ich es meinem Vater zeigte. Dinge, von denen Nora ständig erzählte. Besser nicht.
  »Und du?«
  Er lächelte. »Irgendwer.«
  Die Schwimmlichter taumelten sanft auf der Wasseroberfläche. Wir sahen uns an. Und wenn es so etwas wie die Aura eines Menschen gibt, dann berührte seine in diesem Moment auf eine sehr zärtliche Art meine. Eine Energie, etwas, das passte.
  »Bist du allein hier?«, fragte er leise.
  »Ja«, log ich.
  Ich wusste, dass er mich für älter hielt und versuchte, mich einzuordnen, was praktisch unmöglich war. Ich trug nicht meine eigenen Sachen und ich benahm mich auch nicht wie sonst. Er langte zum Beckenrand und angelte nach meinen Schuhen.
  »Wenn ich die behalte, kann ich dich überall wiederfinden.«
  »Unmöglich. Größe 38, völlig durchschnittlich.«
  Wir grinsten. Gleicher Humor. Ich schob mich neben ihn.
  »Was trinken?«, fragte er und ich nickte.
  Er schob sich mit einer kräftigen Bewegung aus dem Pool, reichte mir seine Hand und half mir vorsichtig aus dem Wasser. Dann gingen wir nass und barfuß zurück ins Haus.
  Im Tanzsaal sah ich einige Köpfe herumfahren und uns anstarren, doch die meisten waren sowieso schon leicht betrunken. Er lächelte nur smart.
  »Warte hier!«
  Ich nickte, lehnte mich an eine Säule und blinzelte entspannt in die Partymenge. So gefiel mir die Party schon besser. Ich dachte an Lion und fragte mich, ob er auch Spaß hatte oder ob er immer noch im Vorführraum war. Im selben Moment entdeckte ich ihn. Er stand neben meiner Mutter, die sich mit meinem Vater stritt. Als sie sich umsah, versteckte ich mich schnell, denn ich wusste, sie suchte mich. Ich hatte keine Ahnung, was los war, aber nach einem heftigen Wortwechsel schob sie sich mit Lion zum Ausgang.
  Nun gut, sagte ich mir, meine Eltern stritten ständig in letzter Zeit, doch etwas war anders, denn mein Vater ging meiner Mutter nicht hinterher, sondern folgte Nora in den Garten.
  »Bereit?«
  Der Junge hielt eine Champagnerflasche und zwei Gläsern hoch.
  »Hey, ich weiß, wo wir die trinken können?«, sagte ich und deutete in Richtung Eingangshalle, denn auf keinen Fall wollte ich meinem Vater oder Nora über den Weg laufen.
  Er lächelte. »Wo immer du willst.«

In der Eingangshalle führte eine langgeschwungene Treppe nach oben. Es war Noras Privatbereich, doch es war viel zu voll, als dass uns jemand beachtete.
  Oben öffnete ich wahllos eine der Türen im Gang. Es war ein Badezimmer. In der Mitte des Raumes stand ein großes Whirlpool und an den Seiten hingen große Waschbecken mit riesigen goldenen Spiegeln.
  Er pfiff leicht durch die Zähne. »Wow.«
  Wir setzten uns auf den Badewannenrand, er stellte die Gläser ab und öffnete die Flasche, während ich das spiegelnde Licht des Kronleuchters auf den Fußbodenfliesen betrachtete. Ein Kronleuchter im Badezimmer, was für eine Verschwendung! Als würde man hier Partys feiern. Doch irgendwie taten wir genau das.
  Ich beobachtete ihn, seine ruhigen Bewegungen. Da gab es definitiv etwas. Energien, die sich mischten wie zwei perfekt aufeinander abgestimmte Farben.
  Er reichte mir ein Glas. Es war mein erster Champagner, und er schmeckte gut. Ich kippte das Glas herunter und hielt es ihm wieder hin.
  »Weißt du, was jetzt noch fehlt«, sagte er und grinste.
  »Was?«
  Er zog einen Joint aus seiner Hosentasche. Er war nass und ich musste grinsen.
  »Wolltest du den vor dem Wasser retten?«
  »Eigentlich schon.«
  Wir saßen einen Moment schweigend nebeneinander. Er betrachtete bedauernd den nassen Joint, sah dann zu mir.
  »Ist dir kalt?«
  Erst da bemerkte ich, dass ich meine Arme um den Körper geschlungen hatte und leicht zitterte.

Auf der anderen Seite des Badezimmers gab es eine weitere Tür, und auf einmal interessierte mich brennend, was dahinter war. Ich stand auf und spürte eine leichte Verunsicherung. Vielleicht war es der Alkohol oder seine Anwesenheit, vermutlich der ganze Abend.
  Ich ging zur Tür und öffnete sie. Ein Ankleidezimmer. Auch etwas, das ich nur aus Filmen kannte. Auf der einen Seite hingen Jacken, Anzüge, Kostüme, Kleider, auf der gegenüberliegenden Seite stapelten sich Pullover und teure T-Shirts. Ich zog eine Schublade auf: Strümpfe, sauber eingerollt. In einer weiteren Dessous. Und Unmengen von Schuhen.
  »Wenn dir kalt ist, solltest du dich umziehen«, sagte er freundlich.
  Er stand in der Tür, in der einen Hand ein Glas Champagner, die andere spielte mit dem nassen Joint.
  Doch ich wollte keines von Noras Kleidern anziehen. Stattdessen ging ich weiter zu der Tür auf der anderen Seite des Raumes. Ankleidezimmer verbinden Badezimmer mit Schlafräumen. Eigentlich wusste ich das, doch erst als ich Noras riesiges Doppelbett sah, fiel es mir wieder ein. Das Mondlicht tauchte den Raum in ein bläuliches Licht. Es war still, nur das Ticken eines Weckers.
  Tick - Tack.
  Auf Noras Bett lag eine weiche Tagesdecke, flauschig, einladend. Ich ließ mich fallen, alles drehte sich, schraubte sich um die Decke. Ich schloss die Augen und hörte, wie er hinter mir herkam, um das Bett ging, sich setzte.
  »Alles okay?«
  Ich nickte vorsichtig.
  Er zögerte kurz und legte sich dann neben mich. So lagen wir eine Weile in dem unwirklich blauen Licht und hörten dem Ticken des Weckers zu. Tick - Tack, was für ein seltsames Geräusch. Ganz langsam erholte ich mich, und der Raum nahm wieder normale Dimensionen an. Auf dem Nachttisch fand ich eine Fernbedienung und drückte auf Play. Von irgendwoher erklangen die Doors. Break on through.
  Mein Vater liebte die Doors, doch ich fragte mich nicht, was diese CD hier zu suchen hatte, in Noras Schlafzimmer. Ich hörte einfach nur zu. Was für ein genialer Song.
  »He, schau dir das an.«
  Er richtete sich leicht auf, deutete an die Decke. Ich folgte seinem Blick und sah zwei helle Gesichter, die nach oben blickten. Ein Spiegel.
  »Die sehen sich beim Ficken zu! Hast du so was schon mal gesehen.«
  »Nö.«
  Ich war erstaunt, dass er es einfach aussprach. Überhaupt erwähnte. Hier machte Nora Liebe mit wem auch immer, aber der Spiegel sah eigentlich mehr nach Sex aus. Ich drehte mich auf den Bauch und sah ihn an. Die Stimmung hatte sich verändert. Er war erregt und zeigte es offen. Ich betrachtete seine muskulösen Oberarme, das schmale Gesicht, die grünen Augen. Wie konnte ein Junge so lange Wimpern haben? Er sah zum Spiegel, und ich wusste, er betrachtete auch mich. Meinen freien Rücken, die Schultern, meine Beine, meinen Hintern.
  »Ich glaube, es ist nicht okay, dass wir hier sind.«
  Er nickte. »Nein, überhaupt nicht.«
  »Wie mit dem Swimmingpool.«
  »Absolut.«
  »Bist du auch betrunken?«
  »Nein, ich bin …«
  »Was?«
  Er drehte sich auf die Seite, stützte seinen Kopf in die Hand und sah mich offen an. »Ich würde dich gerne küssen.«
  Er sagte es vorsichtig, aber auch, als ob das ganz klar wäre. So machte er das. Ein Träger meines Kleides rutschte von der Schulter, und er schob ihn zärtlich wieder hoch. Er drängte mich nicht, er sah mich nur an und wartete.
  Ich rollte mich auf die Seite. Das Kleid klebte nass an meinem Körper, und hinterließ auf der Tagesdecke einen feuchten Abdruck. Er beugte sich über mich, ich sank nach hinten und sah nach oben. Im Spiegel erkannte ich mich kaum.
  Da war ein Tattoo zwischen seinen Schulterblättern. Ein Sonnenrad.
  »Was bedeutet es?«
  »Was?«
  »Dein Tattoo.«
  »Ach das.« Er zuckte mit den Schultern. »Es … erinnert mich an das Leben. Dass es immer weitergeht.«
  »Immer weiter?«
  »Ja, auch wenn du traurig bist oder etwas schwierig ist. Es geht weiter und du …«
  »Was?«
  » … wirst wieder glücklich sein.«
  Er lächelte leicht verlegen, aber ich verstand ihn genau.
  »Wer hat es gemacht?«
  »Mein Bruder.«
  »Kann er das?«
  »Nein.« Er rollte sich neben mich. »Er hat sich so ein Heimwerkerset gekauft. Er wollte das lernen für … er wollte es einfach lernen. Er hat sich Vorlagen aus dem Internet geholt und ich durfte eine aussuchen.«
  »Zum ersten Mal? Wie alt warst du?«
  »Fünfzehn.«
  »Und deine Eltern?«
  Er lachte. »Die wissen es bis heute nicht.«
  Das Tattoo war nicht perfekt, aber gerade das machte es interessant.
  »Hattest du nicht Angst, dass er dich verletzen könnte?«
  Er legte seine Hand auf meinen Körper und lächelte.
  »Na ja, darum geht es doch beim Tätowieren.«
  »Sich verletzen zu lassen?«
  »Jemandem zu vertrauen.«
  Er zog mich näher an sich und küsste mich leicht.
  »Vertraust du mir?«
  Ich schwieg. Er ließ sich nach hinten fallen und breitete beide Arme aus.
  »Ich vertraue dir. Du kannst mich jetzt töten oder lieben.«
  Ich lächelte. »In der richtigen Reihenfolge sollte ich beides schaffen.«

Die Stimme drang wie durch einen dichten Nebel zu mir. Weit weg, unbedeutend.
  »Moon?«
  Mein Vater! Doch mein Körper reagierte nicht.
  »Moon!«
  Ich hoffte, dass er mich nicht fand, einfach aufhörte zu suchen. Aber man brauchte eigentlich nur den Wasserspuren auf dem Teppich zu folgen. Es war also nur eine Frage der Zeit. Und richtig. Das Licht sprang an, wir blinzelten beide zur Tür.
  »What the …«
  Für einen Moment blickten wir uns alle wie erstarrt an, dann stürzte sich mein Vater auf ihn. Er packte seine Schultern, riss ihn hoch und drückte ihn hart zurück aufs Bett.
  »What are you doing? She is my daughter!«
  Ich sprang auf. Ich hatte Angst, mein Vater würde zuschlagen, doch er ließ ihn ganz plötzlich los. Dann packte er mich, zerrte mich am Arm die Treppe hinunter und schleppte mich bis vor die Tür als wäre ich ein Kind. Nein, ein Gegenstand.
  »Pa!«
  Er ließ erschrocken meinen Arm los. »Home!«
  »My jacket.«
  Ich war erstaunt, dass sie mir in diesem Moment überhaupt einfiel.
  »Who cares.«
  Er winkte nach einem der wartenden Taxis und schubste mich hinein, dann fuhren wir nach Hause.

Der Abend wurde das große Thema für meine Eltern. Es wurde über Alkohol und Drogen geredet und über Sex, dabei war allen vollkommen klar, dass dieses Problem nur vorgeschoben war. Denn eigentlich war gar nichts passiert.
  Mein Vater holte meine Jacke später, die Schuhe blieben verschollen, es war der kleinste Verlust, das wusste auch meine Mutter, die mir keinerlei Vorwürfe machte.
  Kurz darauf trennten sich meine Eltern.
  Mom zog mit uns erst nach Berlin zu einer Freundin und etwas später in eine kleine Wohnung nach Potsdam in die Nähe des Theaters, wo sie eine neue Stelle als Bühnenbildnerin gefunden hatte. Mein Vater war verschwunden, angeblich in den USA, doch meine Mutter tat, als wäre er tot.


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Presse / Rezensionen

 

„Schon zu Beginn überraschte die Autorin Katrin Bongard, mit nachdenklichen kleinen Dialogen zwischen Bruder und Schwester und diese Dialoge waren es, die mich sofort in eine besondere Stimmung für diesen Roman brachten. Das soll nicht heißen, dass dieser Roman traurig beginnt, vielmehr haftet ihm einfach nicht diese rosaroten-alles-ist-toll- Stimmung an. Der Schreibstil der Autorin ist toll und die Art, wie die Autorin Gefühle und Gedanken ausdrückt, weicht vom häufig üblichen Stil der Jugendbücher ab. Endlich mal wieder ein Roman, der in Deutschland spielt dachte ich, als ich diesen Roman begann und so spielt die Story beispielsweise in Berlin, Leipzig oder Saarbrücken. Auch das ist vielleicht ein Grund dafür, warum sich dieser Roman für mich einfach real anfühlte.“ Nicole Huppertz (Cinema in my Head 24.9.2012)

„Ich glaube ich habe noch nie so schnell knapp 350 Seiten gelesen!
(…) Ich las mir die Kurzbeschreibung durch und von dort an war ich schon von der Geschichte überzeugt.  Ich finde die Beschreibung des modernen Märchens passt wirklich zu dem Buch. Ich habe bisher noch nie (soweit ich es jedenfalls weiß) ein Young Adult Roman gelesen. Aber war gespannt, wie mir dieses Genre gefällt und ich muss sagen, ich bin wirklich überzeugt.“ Stefanie (Kohana 22.9.2012)

„Neben den Charakteren und deren Story konnte mich vor allem die Atmosphäre überzeugen. Man konnte sich sofort in das Klima am Set des Films hineinversetzten. Die Liebesgeschichte wurde hin und wieder sogar zweitrangig und man versetzte sich einfach in die Routine eines Drehtags hinein.  Schließlich fühlte man bei jeder neuen Freundschaft und Verabschiedung mit und wollte sich  am Ende am liebsten wirklich den fertigen Film ansehen.“ Laura Kulik (Kometenschauer 23.9.2012)

„Mit leichten Worten erschafft die Autorin Katrin Bongard eine wunderbare realistische Atmosphäre, die nahezu greifbar ist. Sehr detailliert taucht der Leser in die Film-Produktion ein und kann bildlich die Vorgänge vor Ort miterleben. Die beiden Hauptprotagonisten werden glaubhaft und mit viel Hingabe beschrieben und bilden zusammen ein bezauberndes Pärchen. Wenn die Geschichte auch aus Sicht von Moon beschrieben wird, so bleibt Lasse jedoch nicht farblos. Denn auch seine Gefühlswelt steht auf dem Kopf.“ Anja Gollasch (Merlins Bücherkiste 26.7.2013)

„Da ich ein richtiger Film-Freak bin, fand ich die Geschichte, wie der Film gedreht wird, natürlich besonders schön. Endlich gibt es einmal ganz untypisches Jugendbuch, das nicht an einer Schule, sondern an einem Drehort spielt. Es ist toll, mit Moon zusammen zu entdecken, wie viele Personen an so einem Film beteiligt sind …“ Monika Schulze (Süchtig nach Büchern 6.10.2012)

„Flying Moon ist ein schöne Liebesgeschichte mit viel Herzschmerz und Eifersüchteleien in der aufregenden Welt des Films und erinnert daran, dass Schauspieler auch nur Menschen sind. Ideal für ein paar schöne Lesestunden !“ Alina (Book Struck 1.11.2012)

„Das Buch konnte mich von Anfang an packen, und auch wenn manches vorhersehbar ist, ist es wunderschön geschrieben. Das Ende hätte vielleicht ein bisschen ausführlicher sein können, aber vielleicht darf man ja auf eine Fortsetzung hoffen? Ich würde mich auf jeden Fall drüber freuen. Fazit: Ein toller Blick hinter die Filmkulissen und eine schöne Liebesgeschichte.“ Alisa (My Book Bubble 26.10.2012)

„Die Autorin erzählt fließend und stellenweise mit poetischen Ansätzen über eine junge Liebe, die eine Menge Hürden meistern muss. Ihre Worte hatten auf mich eine Art magische Anziehungskraft, die sich schwer beschreiben lässt und es kaum möglich machte, das Buch ( bzw. den Ebook-Reader ) zur Seite zu legen. Ich wollte einfach immer weiter lesen und so kam das Ende natürlich viel viel zu schnell.“ Ina Fösel (Ina’s Little Bakery 11.10.2012)

„Dieser Roman hat alles, was ein tolles Jugendbuch braucht, eine schöne Geschichte, eine glaubhafte Handlung, sympathische Protagonisten und Romantik. Ich flog nur so durch die Seiten und es war für mich ein wunderschönes Leseerlebnis.“ Angela (Angels Bücherkiste 15.10.2012)

„Fans von Filmen wie „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ o.a. werden ihre Freude mit diesem Buch haben. Aber auch wenn man Lust auf eine komplizierte Liebesgeschichte hat, sollte man sich das Buch nicht entgehen lassen.“ Svenja Winkelmann (Real Booklover 10.10.2012)

„Eine Geschichte über Familie, Freundschaft,die erste Liebe und das Erwachsen werden. Wunderbar realistisch und nachvollziehbar. Mit einer Liebesgeschichte die einen sofort verzaubert. Flying Moon macht einfach Spaß und entlässt die Leser mit einem guten Gefühl. 5 von 5 Sternen“ Summer (Schlüsselreiz 11.10.2012)

„Eine wirklich schöne Liebesgeschichte, die im Filmgeschäft angesiedelt ist. Die Sprache ist recht einfach und das Buch für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen. Dieses Alter habe ich schon vor Jahrzehnten verlassen und trotzdem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Astrid Arndt (Letannas Blog 25.5.2013)

„Flying Moon bietet eine bezaubernde Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern und einen interessanten Einblick hinter die Filmkulissen. Genau das richtige für einen gemütlichen und ruhigen Leseabend. Das Buch hat mir sehr gut gefallen …“ Steffi Böhm (Leseglück 16.11.2012)

„Flying Moon“ ist eine süße Liebesgeschichte, ein wenig wie ein modernes Märchen, ein wenig wie ein Hollywoodfilm, die junge wie erwachsene Mädchen zum Träumen einlädt ;). Verständlicherweise überzeugt sie nicht durch großartige Spannung, dafür aber durch den lockeren und witzigen Schreibstil, sowie die sympathischen Charaktere.“ Charlie (Keine Zeit für Langeweile 4.12.2012)

Flying Moon ist ein tolles Jugendbuch mit einer glaubhaften Liebesgeschichte, die nie kitschig wird und dennoch romantisch ist. Vor der Kulisse eines Filmdrehs und mit interessanten Nebencharakteren gelingt es der Autorin, den Leser auf eine kurzweilige Reise in die Filmwelt und einem Hauch von „Sex, Drugs und Rock’n Roll“ zu nehmen.“ Mona Firley (Tintenhain 16.8.2013)

„Ein Buch wie ein Liebesfilm. Realität und Phantasie sind nicht immer leicht auseinander zu halten, besonders, wenn man einen Liebesfilm dreht.“ Mone (Kleine Bücherinsel 17.6.2013)

„Ich kann Flying Moon daher jeden empfehlen der mal wissen möchte wie es an einem Filmset eigentlich so abläuft, mit den vielen kleinen Intrigen und Liebeleien zwischen den Akteuren.“ Maria (Bücher aus dem Paradies 9.10.2012)

„Es ist immer wieder wunderbar einzutauchen in ein Buch um einer Liebesgeschichte zu folgen, die wirklich begeistern kann. „Flying Moon“ ist so ein Buch, welches nicht oberflächlich bleibt, sondern seine Leser mitten ans Set seines eigenen Drehbuchs entführ. „Flying Moon“ ist so ein Roman, der zwar für jüngere Leser geschrieben wurde, aber auch mich als Teeniemutter so richtig packen konnte. Von mir aus hätte das eBook gerne ein paar Seiten mehr haben können, so sehr habe ich die Story rund um Lasse und Moon genießen können. Positiv ist, das ein weiteres eBook, welches sich mit Lasses Sicht der Story, die vorher nur Moon betraf beschäftigen wird. Ich bin schon sehr gespannt, denn ein junger Mann sieht Dinge doch ein klein wenig anders als ein junges Mädchen, was sicherlich interessant wird, schon alleine weil Männer und Frauen einfach unterschiedlich gestrickt sind in ihrem Handeln und Denken und das wird das sein, was „Flying Moon“ und „Lasse“ voneinander unterscheiden wird.“ Melanie Ems (Mel Bücherwurm 11.6.2013)

Flying Moon ist keineswegs eine reine Liebesgeschichte, genau dieser Aspekt ist es, der mich so an diesem Buch gefesselt hat. Katrin Bongard hat es geschafft ihre Figuren wachsen zu lassen, sie entwickeln sich und ich als Leserin bekomme es sofort mit. Dazu brauchte es keine Fortsetzung dieses Buches, nur diese wenigen Seiten. Die Autorin setzt die Nebenfiguren, wie Moons bester Freund Karl oder die Nebendarsteller im Film in Moons Welt hinein. Diese formen und verändern die Geschichte so gut, dass ich sie am liebsten in jedem Buch mit dabei haben möchte. Dazu hat sie das Talent eine knisternde und sehr gefühlvolle Stimmung beschreiben zu können, die zwischen ihren beiden Protagonisten herrschte und mich einfach mitzog, bis zum Ende des Buches.“ Conny Zass (Seitenflüsterer 18.6.2013)

„Der Schreibstil, die Geschichte haben mir sehr gut gefallen. Obwohl man „Flying Moon“ gut einzeln lesen kann freue ich mich, dass es eine Trilogie ist, denn ich möchte unbedingt weiterlesen. Ich möchte wissen, was Moon jetzt nach dem Abitur macht und ob ihr Bruder Lion sein Leben endlich gemeistert bekommt. Ich folge Katrin Bongard, egal wohin sie mich auch als nächstes entführen wird. Fazit: Ein schönes Buch das auch Erwachsene zum Träumen bringt und ein bisschen Jugend schenkt.“ Bücherfee (Bücherwesen 18.6.13)

 


KATRIN BONGARD

FLYING MOON — LASSE

Band 2 der Flying Moon-Serie
Flying Moon Lasse von Katrin Bongard
E-Book
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Seiten
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4,99 €
9,99 €
256
978-3-943799-31-6

*Nachwuchfilmstar, Partygänger, Kiffer, Verführer*

Lasse hat viele Etiketten, aber es kümmert ihn wenig. Bis er auf einer Filmparty ein unbekanntes Mädchen trifft und sich sofort verliebt. Für sie will er anders sein, sich öffnen, Schwäche zeigen. Aber sein altes Image verfolgt ihn und droht nicht nur seine Karriere, sondern auch seine neue Liebe zu zerstören.

Im zweiten Teil der Film.Love.Story kommt Lasse zu Wort und schildert seine Sicht der ersten Begegnung mit Moon und ihrer Wiederbegegnung an einem Filmset.

Flying Moon

Lasse

Es gibt Tage, an die ich mich ungern erinnere, aber dieser Tag gehört nicht dazu, obwohl er schlecht anfing und katastrophal endete. Im Grunde war auch alles dazwischen ein einziges Chaos, typisch für mich und die Zeit damals, ich stand andauernd wie neben mir. Aber dieser Tag wird immer ein besonderer sein, denn an diesem Tag habe ich sie getroffen. Und die Momente mit ihr waren echt. Das war es, was mir als Erstes auffiel. Wie intensiv sich alles mit ihr anfühlte. 

  

1

Ich lag auf dem Bett in einem Hotelzimmer in München und hatte die Vorhänge zugezogen, obwohl draußen die Sonne schien. Am liebsten hätte ich geschlafen, bis die Filmpremiere begann. Alles ging mir auf die Nerven. Hatte ich das nicht schon immer gehasst? Den roten Teppich, die Fotografen, das Schauspielern? Nein. Den roten Teppich, die ganze Aufmerksamkeit – vielleicht. Aber nicht das Schauspielern.
  Ich konnte mich noch genau an meinen ersten Tag an einem Filmset erinnern. Damals war ich ungefähr sechs gewesen. Mein Vater drehte in Hamburg, und Ole hatte eine kleine Rolle, er spielte den Sohn des Hauptdarstellers. Ich dachte, er hätte eine sehr große Rolle und dass mein Vater der berühmteste Regisseur aller Zeiten sei. Ein Gott. Er hatte einen eigenen Stuhl mit seinem Namen darauf, eine Assistentin, die ihm Kaffee brachte, und alle, wirklich alle am Set gehorchten ihm. Selbst meine Mutter, was eigentlich nicht möglich war. Ganz klar, mächtiger konnte man nicht sein. Ich war vollkommen fasziniert davon, was in diesem Universum alles möglich war. Ein Praktikant führte mich herum und zeigte mir das Set. Die Wohnwagen, in denen die Schauspieler in den Pausen warteten, den Cateringwagen, an dem ich einen Kakao bekam, den Maskenbus, wo eine Maskenbildnerin mir einen Schnurrbart anklebte. Es war einfach das Paradies. Wie ein großer Spielplatz. In einer Drehpause durfte ich durch die Kamera schauen. Sie war auf einen Steiger gebaut und lag wie ein abgeschlagener Drachenkopf am Boden. Der Kameramann fragte mich, ob ich mal mit ihm hochfahren wollte. Natürlich! Er setzte sich auf seinen Kamerastuhl, nahm mich auf den Schoß und wir fuhren ganz langsam hoch. Weit nach oben. Ole war natürlich eifersüchtig. Kein schlechtes Gefühl. Endlich beneidete er mich einmal um etwas.
  Immer, wenn ich mich daran erinnere, an das Nach-oben-Gleiten, die Menschen, die unter uns immer kleiner wurden, die Wohnwagen, die auf einmal wie Spielautos aussahen, das Gefühl in meiner Brust – eine Mischung aus Angst und Euphorie –, weiß ich wieder, warum ich immer an ein Filmset wollte: Um das Gefühl wieder zu spüren, dass alles möglich ist und ich mich in alles und jeden verwandeln kann.

Doch in diesem Hotelzimmer war ich gerade nur Lasse, für den jeder ein Etikett hatte: Nachwuchsstar, Ausnahmeschauspieler, Hoffnung des schwedischen Films. Wenn die schwedische Presse es gut mit mir meinte. Sonst auch gerne: Kiffer, Partygänger, Verführer oder Bruder von Ole Paulsen, was wahlweise ganz negativ oder ganz positiv gemeint sein konnte.
  Das waren eindeutig zu graue Gedanken. Es war keine gute Idee gewesen, mich allein auf das Hotelbett zu legen. Überhaupt: allein! Wo waren denn jetzt die ganzen Mädchen, von denen die Presse immer schrieb? Nicht, dass ich Lust darauf hatte, diese Stimmung mit irgendjemandem zu teilen. Oder vielleicht doch. Am liebsten mit jemandem, der mich nicht ausfragte. Bloß nicht. Sich nicht nach meinem Bruder erkundigte, nach den anderen Schauspielern, den Filmen, dem Tratsch und Klatsch. Sondern mit jemandem, der jetzt einfach mit geschlossenen Augen mit mir atmen würde. Okay, ein Mädchen. Aber eines, dem es egal war, dass es gleich mit mir über den roten Teppich gehen müsste – oder es sogar noch nicht mal wollte. Wir könnten ja auch hierbleiben  …
  Ich hörte Ole lachen. Irgendwo weit hinten in meinem Kopf. Natürlich. Er dachte, dass ich Mädchen brauchte, um mich gut zu fühlen, und einen Joint und Alkohol, um mich wieder runterzubringen. Dass ich wie er wäre. Aber das stimmte nicht.
  Erschöpft stand ich auf, zog die Vorhänge zurück und wartete darauf, dass das Licht mich wieder auftankte. Mit guter Laune, mit Leben, mit der Lust auf Leute, die ich brauchte, um diesen Abend zu überstehen, nein: zu genießen.

Als ich im Bad stand, um mich fertig zu machen, zu rasieren, obwohl da nicht viel Bart war, rief meine Mutter an. Sie hat ein Radarsystem, mit dem sie auch aus der größten Entfernung meine Stimmungen mitbekommt. Sie wollte hören, ob ich wirklich zu der Filmpremiere ging. Als einziger Vertreter der Paulsen-Familie, weil mein Bruder in Berlin drehte und mein Vater in Schweden war.
  »Nora hat angerufen«, sagte sie, nachdem wir den Small Talk beendet hatten. »Du gehst doch zu der Premiere?«
  »Weiß nicht.«
  Ich war mir immer noch nicht sicher.
  Sie seufzte. »Sie würde dich gerne kennenlernen.«
  »Dort?«
  »Nein, natürlich nicht, das wollte ich mit dir besprechen. Ich dachte, ihr könntet euch morgen bei ihr im Büro treffen. Der Regisseur wird auch kommen.«
  »Ein Casting?«
  »Nein, nein, sie wollen nur sehen, ob du grundsätzlich passt. Ich meine, du kennst das doch.«
  Ja, natürlich. Früher waren es nur Castings, aber nun gab es immer öfter Treffen mit Regisseuren. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie nur neugierig waren und sehen wollten, ob die Gerüchte über mich stimmten. Denn es war ja nicht so, dass sie mich dann gleich besetzten.
  »Was ist mit diesem anderen Projekt? Ich meine, hat dieser Caster von neulich sich noch mal gemeldet?«
  »Du meinst dieses YouTube-Zombie-Projekt?«
  »Ja.«
  Sie schwieg und ich wusste, was sie dachte. Jahrelang war ich scharf darauf gewesen, in möglichst großen Kinoproduktionen mitzuspielen, und nun, wo ich die Möglichkeit hatte, interessierte es mich nicht mehr. Ich verstand, dass es meine Mutter beunruhigte, als Mutter und als Agentin. Es lag auch an den Rollen. Seit Sweet Sixteen sahen mich offenbar alle als den mysteriösen Jungen, der das unscheinbare Mädchen von nebenan in eine Prinzessin verwandelte.
  »Ich frage noch mal nach, aber Lasse: Zombie Revolution? Really?«
  »Ist doch mal was anderes  …«
  »Okay, aber du weißt, dass die Gage bestimmt nur auf Rückstellung ist und die Drehbedingungen  … na, das brauche ich dir nicht alles zu sagen, oder? Ich denke, du bist erwachsen und weißt, was gut für dich ist.«
  »Nein, weiß ich nicht. Trotzdem danke.«
  Sie lachte. Was ich mochte.
  Meine Mutter hat Humor. Sie ist eine gute Agentin, aber manchmal ist es schwer, Agentin und Mutter auseinanderzuhalten. Eine gute Mutter ist sie auf jeden Fall, denn sie drängt mich nie zu etwas. Trotzdem fiel es ihr schwer zu verstehen, warum ich so unzufrieden war. Ich verstand es selbst nicht. Man fährt eine Weile Autobahn und plötzlich hat man das Gefühl, eine Ausfahrt verpasst zu haben. Vielleicht nur eine ganz kleine, unscheinbare Ausfahrt, aber auf einmal fehlt einem etwas, und zum Umkehren hat man keine Kraft, da man schon die ganze Zeit viel zu schnell gefahren ist.
  »Okay, ich kümmere mich darum. Aber wenn du dann als blutverschmierter Zombie dein Schauspieltalent vergeudest, dann beschwer dich nicht bei mir.«
  »Versprochen.«
  »Hast du den Anzug dabei?«
  »Ja.«
  Sie war erleichtert, auch wenn sie es nicht zeigte. Bei meiner letzten Premiere war ich stoned und in zerrissenen Jeans auf dem roten Teppich erschienen. Ich wusste, dass meine Mutter weniger interessierte, dass der Dresscode nicht gestimmt hatte, als die Tatsache, dass es mir nicht besonders gut gehen konnte, wenn ich in diesem Zustand zu einer Filmpremiere ging. Ich wäre auch gar nicht gegangen, wenn Krista nicht darauf bestanden hätte. Oh Gott, Krista.
  »Warum stöhnst du?«
  »Mir ist nur gerade was eingefallen  … was war noch mal mit dieser Premierenparty?«
  Meine Mutter zögerte. Sie merkte vermutlich, dass ich sie anlog, aber unter keinen Umständen wollte ich mit ihr über Krista reden. Kristas Name, überhaupt unsere ganze Affäre – wenn das das richtige Wort dafür war – löste in mir sofort ein Gefühl von Scham und Unwohlsein aus. Ich hatte kein Arsch sein wollen, aber ich war nicht verliebt gewesen und hatte aus Bequemlichkeit so getan als ob. Das war eine Sache, auf die ich nicht stolz war. Krista war kein Groupie und verdiente das nicht.
  »Die Party nach der Premiere? Sie ist bei Nora in ihrem Privathaus. Mehr ein kleiner Palast, ich war einmal da. Sehr eindrucksvoll. Es wäre wirklich sehr nett, wenn  …«
  »Verstehe. Ich gehe hin. Wo ist es noch mal? Ich habe die Einladung irgendwie verlegt.«
  Was nicht ganz stimmte, denn eigentlich hatte ich sie weggeworfen wie alle Einladungen, die mir im Moment zu anstrengend, laut und uninteressant vorkamen.
  »Ich habe schon bestätigt, du kannst eine Begleitung mitnehmen.«
  »Ja?«
  Darauf hatte ich bestimmt keine Lust. Außerdem: Wen?
  »Ich dachte, vielleicht Krista?«
  Es war klar, dass sie es ansprechen würde.
  »Nein, wir sind nicht mehr  …«
  »Schade.«

Ich kann mit meiner Mutter über vieles reden, aber nicht darüber, wieso ein nettes Mädchen und eine fantastische Schauspielerin wie Krista nicht zu mir passt. Wobei nettes Mädchen eine vollkommen falsche Bezeichnung für Krista ist. Das würde sie noch nicht einmal selber von sich sagen. Sie ist hundertprozentig erwachsen. Was mir immer gefallen hat. Genauso wie der Sex am Anfang, als wir uns noch nicht so gut kannten. Am Anfang war alles gut gewesen und locker. Bis wir in einer seltsam falschen Beziehung landeten und alles unehrlich wurde. Jedenfalls von meiner Seite. Und das konnte ich nicht Krista vorwerfen. Es lag an mir und diesem Gefühl von Verlorenheit und Einsamkeit, das mich verfolgte. Selbst wenn wir nebeneinander im Bett gelegen hatten, war es geblieben.
  »Tja, dann.«
  Meine Mutter schwieg noch einen Moment, um Platz für eine Umentscheidung zu lassen, dann begriff sie.
  »Okay. Viel Spaß heute Abend. Und ruf mich morgen nach dem Gespräch mit Nora noch mal an. Ich würde gerne wissen, wie es gelaufen ist.«
  »Mach ich.«
  »Ach, und Lasse?«
  »Ja?«
  »Ich soll dich von Gerion grüßen. Er dreht in der Nähe von München und versucht, zur Premiere zu kommen.«
  »Cool.«
  Ich legte auf und ging zurück ins Bad. Und war erleichtert. Vielleicht kam Gerion. Niemand kennt mich so gut wie er, von Ole einmal abgesehen. Meine Mutter nennt es den Windeleffekt. Wenn man sich so früh kennenlernt, dass man sich sogar in Windeln gesehen hat, dann wird man immer offen zueinander sein und sich vertrauen. Eine Theorie, die mir vollständig einleuchtet, denn genauso ist es.
  Mit Gerion kann ich über alles reden. Na ja, fast alles. Was Mädchen angeht, ist es nicht ganz so einfach. Er behauptet, dass sich jedes Mädchen, das ihn interessiere, mit tödlicher Gewissheit in mich verlieben werde. Ich behaupte, dass er jedes Mal, wenn ihn ein Mädchen interessiert, so tut, als sei sie ihm egal oder als könne er sie besonders wenig leiden. Ich fange nur an, nett zu ihnen zu sein, weil sie mir leid tun. Kein Wunder also, dass die Mädchen am Ende immer bei mir landen.
  Liebe ist für Gerion ein verdammt ernstes Thema. Wenn ich auch nur den kleinsten Witz über seine Gefühle reiße, rastet er aus. Neben ihm sehe ich wie ein rücksichtsloser Verführer aus. Okay, was stimmt: Er ist der Vernünftigere von uns beiden. Doch wenn wir zusammen sind, entsteht eine gute Mischung. Keine Ahnung, was ich genau dazu beitrage, aber zusammen sind wir das perfekte Team.
  Ich sah in den Spiegel. Die eine Hälfte meines Gesichts war rasiert, die andere nicht und für einen Moment kam ich mir genau so vor. Zweigeteilt und dazu noch unentschlossen, auf welcher Seite mein wahres Ich verborgen war.

2

Die Filmpremiere begann um 18 Uhr. Viel zu früh für mein Gefühl, denn es war noch hell. Der Grund war vermutlich, dass der Film ab sechs freigegeben war. Family-Entertainment. Zum Glück hatte mich der Verleih in das Olympic einquartiert, ein kleines Hotel in der Isarvorstadt, in dem oft Schauspieler wohnten und trotzdem draußen keine Fans warteten. So schlimm war es ja auch gar nicht, nicht so wie in Schweden, hier in München kannte mich vermutlich niemand. Ich musste grinsen, weil es mich doch verletzte. Ich hatte mich vor einiger Zeit lange mit Ole darüber unterhalten. Eines unserer seltenen, wirklich offenen Gespräche über unsere Gefühle und das Leben im Filmgeschäft. Meistens alberten wir nur herum oder lästerten. Aber an diesem Abend war Ole ausnahmsweise einmal nüchtern und in einer ganz ruhigen Stimmung gewesen. So wie früher. Wir stellten fest, dass es nicht unbedingt ein gutes Gefühl war, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen – jedenfalls für uns –, doch es fühlte sich auch nicht richtig an, wenn einen niemand erkannte. Wir fragten uns, wie es sein musste, so gehypt wie Robert Pattinson zu sein. Und noch dazu nicht für einen coolen Actionfilm, sondern einen Vampirfilm. Wir lachten uns halb tot darüber. Als die ersten Fotos von ihm in der Presse auftauchten, tat er uns ehrlich leid. Dieses dämliche Make-up und diese Schmachtrolle. Kurz danach tat er uns nicht mehr leid. Abgesehen davon, dass sich seine Gage vermutlich verhundertfacht hatte, konnte er von da an jede Rolle spielen, die ihn interessierte. Und Lasse Hallström, der große schwedische Regisseur, würde im Zweifelsfall nicht uns, sondern ihn anrufen, wenn er eine Hauptrolle zu vergeben hatte. Ole kriegte sich gar nicht mehr ein: Wegen eines blöden Vampirfilms! Nun, es war ein Riesenerfolg. Ich sah den ersten Teil erst viel später mit Krista. Ich bin ein großer Fan von Catherine Hartwicke, der Regisseurin, und die Vorstellung, ein Vampir zu sein, war einfach cool. Krista und ich hatten tollen Sex nach dem Film, und ich fühlte mich gut, weil ich mir vorstellte, dass ich Superkräfte besaß und von Baum zu Baum springen konnte. Und dann war da noch der Vorteil, dass ich nicht eiskalt sein musste oder mich zurückhalten. Verdammt, in jedem von uns ist einfach ein sehr verletzlicher Teil, der Superkräfte gut gebrauchen kann.

Kurz darauf war ich fertig umgezogen und gefiel mir sogar in dem Anzug. Boss. Besser ging es ja wohl nicht. Marken bedeuten mir nichts, aber es war ein sehr gut gemachter Anzug. Eher Kunst als Couture.
  Ich ging nach unten, wo ein Fahrer die Schauspieler abholen sollte. An der Rezeption standen schon ein paar Leute, einige kannte ich vom Sehen. Ich erkannte einen Schauspieler, den ich kurz am Set von Sweet Sixteen getroffen hatte und wir nickten uns zu. Er kam auf mich zu und blinzelte unsicher, dann grinste er.
  »Ich habe dich auf einem Plakat gesehen. In London.«
  Ich hatte ihn auf keinem Plakat gesehen und auch sonst lange nichts von ihm gehört, aber ich wollte nicht unhöflich sein.
  »Was machst du gerade, drehst du?«
  Er winkte ab, wir lächelten uns an. Irgendwie war das Problem noch nicht gelöst, dass wir uns beide nicht an unsere Namen erinnerten.
  »Lasse, oder?«
  Oder nur ich hatte das Problem.
  »Äh, ja und …«
  »Lorenz.«
  Er reichte mir die Hand und wir holten die Begrüßung nach.
  Ich mochte ihn, obwohl ich das nicht gedacht hatte, als wir uns das erste Mal getroffen hatten. »Spielst du mit?«
  »Nee, die haben mich nur zur Premiere eingeladen und ich bin sowieso gerade hier. Es läuft ein anderer Film mit mir bei den Filmfestspielen. Und du?«
  Ich grinste. »Ich habe weder mitgespielt noch einen Film im Wettbewerb. Wie armselig ist das denn?!«
  Er grinste zurück. »Aber sie haben dich eingeflogen, oder?«
  Ich hatte keine Ahnung, woher er das wusste.
  »Wie kommst du darauf?«
  »Ich war gestern bei einem Casting, da haben sie über dich gesprochen.«
  »Der Verleih hat mich eingeladen. Aber stimmt schon, es passte gerade.«
  Er nickte. Ich setzte die Informationen von meiner Mutter mit denen von Lorenz zusammen. Entweder verkauften sie meiner Mutter ein Casting als Gespräch, oder Lorenz hielt es für ein Casting, obwohl ich eigentlich schon in der engeren Auswahl war.
  »Und? Wie war es?«
  Er zuckte unentschlossen mit den Schultern. »Ging schnell, ich schätze, die wollten einen anderen Typ.«

Jemand winkte uns nach draußen, wo drei schwarze Limousinen hintereinander parkten. Normale Limousinen, keine Stretchlimos, die ich immer etwas peinlich fand. Aber sie hatten verdunkelte Fenster, ein guter Schutz vor neugierigen Blicken, was mir nur recht war.
  Wir stiegen hinten ein, eine PR-Frau setzte sich zu uns und vorne stieg noch eine Schauspielerin um die vierzig ein. Sie drehte sich zu uns um, und ich erkannte sie, konnte mich aber nur an ihren Nachnamen erinnern.
  »Hi, ich bin Anja.«
  Lorenz und ich stellten uns vor, wir gaben uns die Hand und dann sank jeder wieder auf seinen Sitz und der Fahrer fuhr los.
  Die PR-Frau begann einen Small Talk mit Anja, die leicht gestresst mit ihrem Babysitter telefonierte, worauf die PR-Frau sich an uns wandte.
  »Ich fand euch toll in Sweet Sixteen!«
  Lorenz grinste still vor sich hin. Damals hatten wir darüber gesprochen, dass wir beide gezögert hatten, die Rolle anzunehmen, weil wir ahnten, dass man diese Art von Rollen nicht so schnell wieder loswurde. Man war der Schauspieler aus Sweet Sixteen, der süße Kerl, der nette Typ, der Jungdarsteller.
  »Wenn wir ankommen, warten wir noch einen Moment. Sie wollen erst die Hauptdarsteller haben, dann euch«, sagte sie. »Ich gebe euch ein Zeichen, wenn ihr vor die Fotowand gehen könnt. Ist das okay?«
  Ich spürte, wie gestresst die PR-Frau war. Wenn sie öfter mit Schauspielern zu tun hatte, dann wusste sie, dass die meisten unberechenbar waren. Ihre größte Sorge war vermutlich, dass wir ihr verloren gingen, kurz bevor die Presse uns sehen wollte, und man sie dann dafür verantwortlich machen würde. Ich wollte ihr keine Schwierigkeiten machen, aber es gab einen Punkt, an dem es sich nicht mehr gut anfühlte, im Nieselregen zwischen Fotoreportern, Fans und einer gaffenden Menge zu stehen, die ständig Handyfotos von einem schossen. Ich konnte auch nicht dafür garantieren, dass ich bis zum Schluss mitspielen würde. Zumal niemand die Situation bei einer Premiere wirklich unter Kontrolle hat. Wieder fiel mir Pattinson ein. Es ist verdammt schwer, zu verstehen, was genau gemeint ist, wenn Fans bei deinem Auftritt so ausrasten. Ruhm ist eine ziemlich heikle Angelegenheit.
  »Wir sind da!«
  Die Limousine wurde langsamer, und die PR-Frau reckte ihren Kopf, um die Situation besser einschätzen zu können. Cinemaxx. Ich sah die Security im Regen stehen und eine Reihe von Fans an die Absperrung drücken. Lorenz blinzelte mir zu, wir dachten vermutlich beide das Gleiche: Auf in den Kampf.

Schon als wir ausstiegen, begannen die Fotografen wie wild zu fotografieren. Man versucht, ein cooles Gesicht zu machen, aber am Ende erwischen sie einen garantiert, wenn man die Augen geschlossen hat und den Mund weit offen. Auch daran musste ich mich am Anfang gewöhnen. Später ignoriert man die schlechten Fotos einfach. Anja warf ihren Kopf zurück und lächelte breit. Entweder können Frauen das grundsätzlich besser oder sie sind immer auf so etwas vorbereitet. Vermutlich beides. Die PR-Frau riss Schirme aus dem Auto und spannte sie auf, hielt einen über Anja und versuchte, Leute zu organisieren, die uns versorgten. Schauspieler dürfen ihre Schirme niemals selbst halten, also standen Lorenz und ich im Nieselregen, bis zwei weitere Frauen von Disney herbeisprangen. Aus den anderen Wagen stiegen weitere Leute und die Aufmerksamkeit der Fotografen wanderte weiter. Ich warf einen Blick auf die Menge der Jugendlichen und Eltern mit ihren Kindern, die sich dicht hinter der Absperrung neben dem roten Teppich drängten. Sie hielten Schilder mit den Namen der Hauptdarsteller hoch und hatten ihre Handys griffbereit. Lorenz stieß mich an.
  »Schau mal!«
  Zwei Mädchen standen etwas weiter weg. Sie hielten ein Schild hoch, auf dem mein Name stand und ein großes rosa Herz gemalt war. Als ich in ihre Richtung sah, kreischten sie los und ich sah schnell wieder weg.
  Lorenz lächelte. »Das kennst du sicher, oder?«
  Ja, aus Schweden, aber nicht von hier.
  Woher wussten sie überhaupt, dass ich zu der Premiere kommen würde? Ich hatte es ja bis vor Kurzem selbst nicht gewusst.

Die PR-Frau dirigierte die ersten Schauspielergrüppchen vor die Fotowand. Die Regentropfen schimmerten im Scheinwerferlicht, und ich dachte an unsere Ferien in Schweden, die langen Nächte und einen Abend, an dem ich mit Ole aus irgendeinem Jugendklub nach Hause gelaufen war. Im Dunkeln, im Regen. Wir wollten per Anhalter fahren, aber es kamen keine Autos vorbei, nur eines, das vorbeiraste. Damals hatte ich gedacht, ich wüsste, was Einsamkeit ist.
  »Jetzt ihr!«
  Jemand nahm mich am Arm und führte mich und Lorenz vor die Fotowand.
  »Hierher, Lorenz, Lasse!«
  Das Blitzlichtgewitter begann, die Fotografen schrien und riefen unsere Namen, damit wir in ihre Richtung sahen. Das war der Trick und er funktionierte, und ich grinste unwillkürlich, weil ich es doch irgendwie genoss, nun tatsächlich genau im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Ich drücke mich meistens vor den kleinen Interviews, die am Rand des roten Teppichs stattfinden, die Fragen sind immer die gleichen und meine Antworten meistens auch. Doch die PR-Leute waren gut, und ehe ich noch eine eigene Entscheidung getroffen hatte, stand ich vor einem der Mikrofone und hörte mich Sachen über den Film sagen, den ich überhaupt noch nicht gesehen hatte.
  »Wo ist Krista? Seid ihr noch zusammen?«
  Im ersten Augenblick verstand ich Kristen und dachte wieder an Pattinson. Was hat das private Leben eines Schauspielers mit seinem Job zu tun? Warum interessiert es alle? Warum spielt es überhaupt eine Rolle? Okay, naive Frage, okay, ich wollte nur nicht antworten. Und tat es auch nicht. Und dann fragten sie nach Ole. Er hatte anscheinend einen Fotografen niedergeschlagen, der ihn fotografieren wollte, als er aus einer Bar in Berlin kam. Das hatte ich nicht gewusst und sie machten Fotos von meinem überraschten Gesicht. Nun gut, darauf hätte ich mich nicht vorbereiten können, und sagen konnte ich dazu auch nichts, außer, dass ich ihn verstand. Er war nicht Schauspieler geworden, damit man sein Leben abfilmte oder fotografierte. Das war nicht Teil des Plans gewesen.

Im Kinosaal war die Hälfte der Plätze mit Zetteln versehen, auf denen Namen standen. Jemand hatte eine Liste und führte mich zu meinem Platz. Ich kannte die Leute neben mir nicht und blieb stehen, weil ich hoffte, Gerion zu entdecken. Jemand winkte mir zu, und ich winkte zurück, ohne jemand Besonderes zu meinen. Selbst mir ging es so: Ich kannte die meisten Schauspieler nur aus Zeitschriften und aus den Geschichten, die am Set über sie erzählt wurden. Leider wurde viel herumgetratscht, besonders in München. Aber was sollte ich sagen? Wenn Krista irgendwo herumerzählen würde, was für ein Idiot ICH war, dann musste ich ihr sogar recht geben. Zumindest in diesem Fall.
  Auf meinem Sitz lag Popcorn und eine Flasche Mineralwasser, und als ich mich setzte, freute ich mich zum ersten Mal auf den Film. Ich liebe es, im Dunkeln im Kino zu sitzen, die große Leinwand, die Musik. Draußen, bei den Journalisten, hatte ich gesagt, dass der Film toll sei – was ich gehört hatte –, und nun wünschte ich mir, dass es tatsächlich so war und ich in eine gute Geschichte abtauchen konnte, egal, wie kindisch oder kitschig sie war.


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Presse / Rezensionen

 

„Lasse ist wie ein fehlendes Puzzleteil, das Moon’s Geschichte vervollständigt. Obwohl einige Geschehnisse aus Flying Moonbereits bekannt waren, bekommt man durch Lasse’s Sicht der Dinge ganz neue Eindrücke und Emotionen übermittelt.“ (Ina Fösel, Ina’s Little Bakery, 19.8.2013)

„Tatsächlich kommt einem Vieles bekannt vor und doch ist Lasses Geschichte anders. Nicht nur, dass man den Schauspieler von seiner sensiblen Seite kennenlernt, auch erlebt er die Zusammentreffen mit Moon anders und manches, was im ersten Teil vielleicht ein Stirnrunzeln hervorgerufen hat, erklärt sich nun. Dabei greifen die beiden Bücher wie Zahnräder ineinander. Genau das macht auch den Reiz des Buches aus.“ (Mona, Tintenhain, 18.8.13)

„Während mir das bei „Flying Moon“ nicht so sehr aufgefallen ist, liegt der Fokus hier sehr auf der Gefühlswelt des Protagonisten. Der Autorin ist es perfekt gelungen, seine Gefühle zu schildern. Von Anfang an merkt man, wie viel Moon ihm bedeutet, und das ganze Buch über wusste ich immer genau, wie es ihm geht, was ihn beschäftigt und konnte total mitfühlen. Dabei wurde auch gut deutlich, wie sehr sich der „echt“ Lasse von dem „Star“ Lasse unterscheidet und wie gerne er aus der Rolle, die ihm von der Presse aufgedrückt wird, fliehen möchte. Seine Meinung über das schauspielern und die damit verbundene Aufmerksam von der Öffentlichkeit haben mir sehr gut gefallen. Aber nicht nur die Liebesgeschichte spielt in diesem Roman eine Rolle, sondern auch die Themen Familie und Freundschaft, worauf ich hier aber nicht weiter eingehen möchte. Beides fand ich sehr gut umgesetzt und es wirkte einfach echt.“ (Jacquy, Jacquy’s Thoughts, 12.8.2013)

„Fazit: Auch der 2. Teil hat mich in den Bann gezogen. Gefühlvoll und so tief- eine Liebesgeschichte die mitten ins Herz geht.“ (Mone, Kleine Bücherinsel, 10.8.2013)

„Für alle, die „Flying Moon“ gelesen haben, ist „Lasse“ tatsächlich ein Muss und ich fieberte dem Erscheinungstermin des eBooks voller Spannung entgegen. Es hat sich gelohnt, denn auch Lasses Sicht der Dinge sind wirklich phänomenal geschrieben und wenn ich es nicht schon wäre, hätte ich mich spätestens jetzt in Moons und Lasses Lovestory verliebt. Für mich eine Romeo und Julia Geschichte in moderner Form.“ (Mel, 10.8.2013, MelBücherwurm)

„Wer geglaubt hat, mit „Fying Moon“ sei die Geschichte bereits beschrieben, der irrt sich gewaltig. Denn Autorin Katrin Bongard hat es geschafft, mit der gleichen Handlung ein weiteres unterhaltsames Werk zu erzählen. Hat der Leser in Flying Moon alle Begebenheiten aus Moons Erzählperspektive erlebt, so ist hier der Wechsel zu Lasse erfolgt. Lasses Bericht beginnt kurz vor seinem ersten Treffen mit Moon und sein Hintergrund wird dabei beleuchtet. Sein Familienleben, seine Gedankengänge, seine Emotionen werden dabei verdeutlicht und der Leser sieht die andere Seite der Liebesgeschichte. Viele Geschehnisse aus dem ersten Teil geben nun erst einen richtigen und logischen Sinn.“ ( Anja, Merlin’sBücherkiste, 6.8.2013)

*DieSeitenflüsterer

*BuchstabenJunkies

*Schlüsselreiz

*Buchjunkies

*JustBooks

Lovelybooker:*romantic_devil *Thala *Lesejulia *EmmaWoodhouse *Buecher_Engel *MeIE

 


KATRIN BONGARD

FLYING MOON — PREMIERE

Band 3 der Flying Moon-Serie
Flying Moon Premiere von Katrin Bongard
E-Book
Print
Seiten
ISBN
4,99 €
9,99 €
312
978-3-946494-03-4

*Ein verwandeltes Aschenputtel,
ein Ballsaal im Dunkeln,
ein überraschter Prinz –
Ein modernes Märchen*

Schon zweimal hat Moon den Jungschauspieler Lasse Paulsen getroffen. Jedes Mal war es Liebe und Leidenschaft, aber immer hat das Schicksal die beiden wieder getrennt. Als sie sich zum dritten Mal auf einer Premiere treffen, könnte es endlich eine Zukunft für das Paar zu geben. Lasse will nach Berlin ziehen und Moon hat die Schule beendet und ist frei. Nur ist Lasses Leben alles andere als einfach. Seine Karriere hebt ab und er wird schnell immer bekannter und begehrter. Und Moon hat ein eigenes Leben und Freunde, die sie nicht vernachlässigen will. Lasse gibt nicht auf und lädt Moon zu dem legendären Weihnachtsfest bei Lasses Familie in Schweden ein – doch dort warten neue Überraschungen …

Life is crazy – is love stronger?

Der dritte Teil der Film-Love-Story, diesmal aus Moons und Lasses Perspektive erzählt.

Flying Moon

Premiere

 

1
 

Moon

Es gibt viele Dinge, die ich liebe und ein paar Dinge, die ich hasse. Dazu gehören Umkleidekabinen in Kaufhäusern. Wenn ich ein neues Kleid anprobiere, will ich mich sicher und geborgen fühlen, doch wie ist das möglich, wenn jemand ungeduldig vor der Kabine wartet? Oder - noch schlimmer - in der Kabine nebenan lautstark diskutiert wird. Oder am allerschlimmsten: sich deine beste Freundin in der Kabine nebenan lautstark mit dir unterhält.
  »Und was wirst du jetzt zur Premiere anziehen?«
  Okay, die Filmpremiere von Heimweh. Der erste und vermutlich letzte Kinofilm, in dem ich mitgespielt habe. Ein Film, für den mein Vater das Drehbuch geschrieben hat, weshalb vermutlich jeder denkt, ich hätte ihm die Rolle zu verdanken. Was nicht stimmt. Dreharbeiten, die schon fast ein Jahr zurücklagen. Eine Zeit, die eigentlich schon aufregend genug war, da ich seit kurzem mein Abitur hatte und mich zum ersten Mal ganz frei und unabhängig fühlte.
  Sophia riss den Vorhang der Kabine auf. Ich bedeckte schnell meine Brüste.
  »Hey, ich stehe hier nackt!«
  Sie grinste. »Nur oben ohne, das ist ein großer Unterschied.«
  Sie schlüpfte in die Kabine und hielt mir ein türkisblaues Kleid mit einem himmelblauen Tüllrock hin.
  »Passt fantastisch zu deinen Augen. Zieh es an! Es wird ihn umhauen.«
  Ich wurde rot, obwohl Sophia noch nicht mal seinen Namen ausgesprochen hatte, da ich es ihr verboten hatte. Ich ergänzte ihn still in meinem Kopf: Lasse.
  Hauptdarsteller in Heimweh. Trotzdem war es nicht einmal sicher, dass er zu dieser Premiere kam. Er war zum Synchron nicht erschienen und ich hatte die letzten Monate nichts von ihm gehört. Keine Ahnung, wo er sich gerade befand.
  »Er wird sicher nicht kommen. Es ist doch nur ein kleiner Independent-Film.«
  Sophia verdrehte theatralisch die Augen. »Papperlapapp! Aller guten Dinge sind drei.«
  Sollte mich das aufheitern? Begegnungen mit Lasse endeten eigentlich immer in Katastrophen.
  Sophia drückte mir das Kleid vor die Brust und sah in den Spiegel. »Das kannst du danach auf dem Abiball tragen. Passt doch perfekt zu unserem Thema - Hollywood.«
  Ich nahm ihr das Kleid ab und betrachtete Sophia, die ein weißes Kleid mit einem weitschwingenden Rock trug. Auf einmal konnte ich sie mir als Braut vorstellen. Würde sie Karl heiraten? Irgendwann?
  »Du siehst toll aus.«
  »Ich weiß«, sagte Sophia auf ihre eigene selbstbewusste Art, aber auch, weil es hier um mich ging und sie nicht wollte, dass ich das vergaß.
  Ich zog das Kleid über und Sophia quetschte sich in der kleinen Kabine hinter mich, um den Reißverschluss zu schließen. Ich nahm das Preisschild hoch, das am Saum baumelte.
  »Achtzig Euro?«
  »Ach, was. Ein Kleid, zwei Ereignisse - sparsamer kann man gar nicht sein.«
  Sophia legte den Kopf schief und sah mich im Spiegel mit diesem Blick an, der mich daran erinnern sollte, dass es hier nicht um Geld ging. Im Grunde wusste ich das. Es ging noch nicht mal um einen teuflisch gutaussehenden und immer berühmter werdenden Schauspieler, der mir seit zwei Jahren nicht mehr aus dem Kopf ging, sondern um mein Selbstbewusstsein, das nach den Höhen und Tiefen, die meine Familie und ich in der letzten Zeit erlebt hatten, extrem gelitten hatte. Die Affäre meines Vaters und seine Trennung von unserer Familie hatten in mir nicht gerade ein Gefühl von Zuversicht in Bezug auf Beziehungen hinterlassen. Auch die Tatsache, dass mein Vater nichts von Lasse und dessen Lebensstil hielt, machte die Sache nicht besser. Zumal Lasse ihm bei dem Abschlussfest von Heimweh im Grunde recht gegeben hatte, als er sich mit einem anderen Schauspieler geprügelt hatte und dann für immer verschwunden war. Wie konnte ich mich überhaupt danach sehnen, ihn wiederzusehen? Das war verrückt.
  »Findest du das Kleid nicht zu …«
  »Auffällig? Nein, überhaupt nicht«, sagte Sophia entschieden. »Ich finde, es bringt deine tollen blauen Augen zum Strahlen, passt zu deinen nussbraunen Locken, betont deine fantastische Figur und erzeugt in mir gerade ein Gefühl von tiefem Neid. Was will man mehr?«
  Unauffällig verschwinden? Auf keinen Fall daran erinnert werden, dass bald jeder in einen Film gehen konnte, in dem ich Lasse Paulsen, die Neuentdeckung des deutschen Films, küsste? Und mich ab da vermutlich auch jeder auf Lasse ansprechen würde. Ich dachte an die Abifeier, die am Tag nach der Filmpremiere war.
  »Okay, ich nehm’s«, sagte ich kurzentschlossen.
  Zum einen, um mir eine endlose Diskussion mit Sophia zu ersparen, zum anderen, weil sie recht hatte. Es sah großartig aus. Etwas übertrieben und disneylike, aber so würde es perfekt für die Abiturfeier und zum Motto Hollywood passen. Genauso sicher war ich mir allerdings, dass ich es zur Filmpremiere nicht tragen würde.
  
»Gehen wir noch zu Starbucks?«
  Wir hatten den Laden verlassen und standen wieder auf dem riesigen Gang des Einkaufscenters. Aus irgendeinem Grund raubte mir dieser Ort immer jede Energie, während er Sophia erst richtig in Stimmung brachte.
  »Okay.«
  Ich presste die Tüte mit dem Kleid an mich und versuchte nicht daran zu denken, dass ich mir für den Preis Janis Joplin’s Greatest Hits auf Vinyl hätte kaufen können, was ich mir seit Wochen nicht gönnte, obwohl ich bei dem Filmdreh gut verdient hatte.
  »Du kannst das Kleid ja auch nach der Abifeier wieder zurückgeben«, sagte Sophia, die mich offenbar lange genug kannte, um meine Gedanken zu lesen. Genau genommen erst zwei Jahre, doch es kam mir sehr viel länger vor.
  »Geht das?«
  »Na klar. Lass einfach das Schild dran.«
  Sie sah mich an, als ob alle das so machen würden und mir wurde mal wieder klar, dass ich einfach nicht das typische Mädchen war, das sich mit diesen Dingen auskannte.
  »Bleiben wir draußen?«, fragte Sophia und ließ ihren Arm über die Sitzgruppe zwischen den Geschäften schweifen.
  Draußen war sicher nicht die richtige Bezeichnung für den Bereich vor dem Café, ohne Sonne, ohne Himmel, ohne frische Luft, aber es war hier schöner als in dem dunkelbraun gestrichenen Innenraum mit Kunstlicht, der außerdem noch überfüllt zu sein schien.
  »Ja, okay.«
  Ich räumte ein paar Pappbecher von einem niedrigen Couchtisch und sammelte unter Sophias kritischen Blicken eine Papierserviette vom Boden auf. Nicht meine Aufgabe! Schon klar, aber ich wollte mich hier auch wohlfühlen.
  »Ich lade dich ein«, sagte Sophia.
  »Nein, ich lade dich ein, du hast mir heute geholfen.«
  Sie strahlte und ließ sich in die Ledersitzgruppe fallen.
  »Latte Macchiato mit Sojamilch und etwas Kakao«, rief sie mir hinterher, als ich Starbucks betrat.
  Mein Handy klingelte. Es war immer noch ungewöhnlich für mich, ein Smartphone zu besitzen. Als es das erste Mal geklingelt hatte, konnte ich nicht glauben, dass es mein Handy war, das Mercedes Benz von Janis Joplin spielte, obwohl ich lange gebraucht hatte, den Klingelton einzustellen.
  »Lion?«
  »Moon? Bist du es?«
  Die Stimme meines Bruders brach vor Aufregung. Mitten im Stimmbruch, eine Sache, um die ich keinen Jungen beneidete.
  »Ich bin’s. Wer sonst?«
  »Dad kommt zur Premiere!«
  »Echt?«
  Ich bemühte mich, erfreut zu klingen, obwohl meine Gefühle gemischt waren. Lasse und mein Vater - das war nicht unbedingt eine gute Mischung und wenn Lasse zur Premiere kam, würden beide sehr wahrscheinlich aufeinandertreffen. Eine hochexplosive Mischung. Ein Psychiater hätte seine helle Freude an dieser Aussage: Schwierigkeiten bei der Ablösung vom Vater? Vaterkomplex?
  Aber es hing wohl weniger mit der Beziehung von meinem Vater und mir, die eigentlich ganz okay war, zusammen, sondern eher mit der Beziehung von Lasse und meinem Vater zum Film. Mein Vater war Drehbuchautor und betrachtete den Glamour des Filmgeschäfts mit Skepsis und einer gewissen Distanz. Trotzdem hatte er meine Mutter ausgerechnet mit einer Produzentin betrogen, die sein erstes großes Drehbuch produziert hatte, was sicher kein Zufall war. Und Lasse stand gerade mitten in diesem ganzen Starrummel. Ungewollt und auch nicht besonders gerne, wie er mir immer versichert hatte. Es war nichts, was er gut steuern konnte, so viel hatte ich bereits verstanden, auch wenn ich sonst wenig Ahnung vom Filmgeschäft hatte.
  Und natürlich kannte mein Vater Lasse nicht so, wie ich ihn kannte: als intelligenten, tiefsinnigen und sehr zärtlichen Jungen. Er sah nur den Partygänger, Kiffer und Mädchenverführer, als der er in der Presse galt. Okay, nicht ganz zu unrecht.
  »Du klingst nicht gerade begeistert«, sagte Lion, der ganz sicher einen Vaterkomplex hatte, da er meinen Vater sehr unkritisch vergötterte.
  »Doch, natürlich. Klasse.«
  Jetzt klang es wirklich unglaubwürdig.
  »Du hoffst, dass Lasse kommt, oder?« Lion, der damals kurz am Set gewesen war, wusste genau, wie sehr ich Lasse mochte. Okay, ja, meine ganze Familie wusste Bescheid, obwohl ich meine Gefühle schon seit Monaten herunterspielte.
  »Ich will nicht, dass Dad und er wieder aneinandergeraten. Beim vorletzten Mal hat er ihn fast verprügelt, beim letzten Mal aus einer Schlägerei gezerrt.«
  Und alles wegen mir, hätte ich hinzufügen können, schwieg aber.
  »Schreibt ihr euch Nachrichten? Weißt du, ob er kommt?«
  »Nein«, sagte ich ehrlich. »Und - wenn Dad kommt, finde ich das schön.«
  »Er will hauptsächlich sehen, wie du dein Abizeugnis bekommst. Er will nicht zur Premiere gehen, wenn du das nicht willst«, nuschelte Lion.
  Jetzt verstand ich. »Er hat dich gefragt?«
  »Na ja, Moon, es wäre doch schön, wenn wir alle, die ganze Familie, zu deiner Premiere gehen könnten, oder?«
  Ich musste lächeln. »Ja, das wäre schön!«

 

2
 

Lasse

Motorradfahren ist fast zu einer Sucht geworden. Vielleicht bin ich ein Typ, der gerne von etwas abhängig wird. Im schlechtesten Fall von Alkohol oder Drogen, im besseren Fall von Schokolade oder körperlicher Bewegung. Oder von einem Mädchen, das ich nach einem Jahr immer noch nicht vergessen konnte.
  Gerion bockte seine Harley vor dem Zeltplatz auf, den wir uns für die Nacht gemietet hatten.
  »Verdammt, der Boden ist überall aufgeweicht.«
  »Stellen wir sie nach vorne ans Tor«, schlug ich vor und wendete mit meiner Transalp.
  Gerion warf mir einen Blick zu, als wäre ich verrückt. Seine geliebte Harley.
  Ich klappte mein Visier hoch, grinste.
  »Du kannst dein Mädchen nicht allein lassen?«
  Er zeigte mir den Mittelfinger, der im Handschuh ganz erheblich von seiner Aggressivität verlor, und mein Grinsen wurde noch breiter.
  Schließlich fuhren wir nach vorne, aber nur, um uns zwei Holzbretter als Unterlage für die Motorräder zu organisieren.
  Der Zeltplatz war fast voll besetzt und mittlerweile folgten uns alle Blicke. Zwei Mädchen in Bikinis kicherten, als wir unsere Helme abnahmen. Wir lächelten nicht zurück, denn für unsere Reise gab es eine Abmachung: Keine Mädchen. Eigentlich auch kein Alkohol, nicht, wenn wir fuhren, aber ein Feierabendbier gönnten wir uns mittlerweile.
  Die Mädchen kamen näher, tuschelten auf Französisch. Ich überlegte, ob sie mich erkennen könnten. Jein war in Frankreich im letzten Frühjahr sehr erfolgreich gelaufen, doch bisher hatte ich keine Probleme mit Fans gehabt.
  Ich zog mir die Sturmhaube ab und sie tuschelten lauter.
  »Lasse!«, hörte ich eine der beiden sagen und Gerion verdrehte die Augen.
  Okay, ja, normalerweise vermieden wir die großen Campingplätze. Oben in den Bergen oder an abgelegenen Stellen, an die man mit dem Auto schlecht herankam, waren die Plätze wesentlich leerer.
  »Musst du wirklich zurück?«, fragte Gerion und warf das eingepackte Zelt auf den Rasen.
  Nicht schon wieder diese Diskussion. Natürlich musste ich nicht zurück. Aber ich wollte. Es war meine einzige Bedingung vor dieser Fahrt gewesen: Die Premiere von Heimweh in Berlin.
  Und Gerion musste mich nicht begleiten. Wir hätten uns auch in Marseille trennen können. Doch nun waren wir schon ein paar Tage auf dem Rückweg nach Deutschland.
  »Oder du kommst mit zur Premiere.«
  Er hatte immerhin in einer kurzen Szene mitgespielt.
  »Ich bin noch nicht mal eingeladen«, sagte er, während wir unter den Blicken der beiden Mädchen das Zelt ausrollten und aufzubauen begannen.
  »Du kannst als meine Begleitung gehen. Ich sage meiner Mutter Bescheid, die regelt das.«
  »Um zuzusehen, wie du zum dritten Mal bei diesem Mädchen abblitzt? Nein, danke.«
  Da wir von Franzosen umringt waren, die, nach unserer Erfahrung, alle nicht besonders gut Deutsch sprachen, war es eigentlich egal, ob sie uns zuhörten, trotzdem störte es mich, dass Gerion so laut sprach.
  »Ich bin nie abgeblitzt«, zischte ich leise. »Da sind immer Leute dazwischen gekommen und wenn ich Leute sage, dann schließt das dich mit ein.«
  Gerion warf die Hände hoch. »Hallo? Ich habe sie nur vor dir gewarnt und das war ja wohl zu diesem Zeitpunkt ganz richtig.«
  Dieser Zeitpunkt. Meine Vergangenheit, die an mir klebte wie mein schlechter Ruf.
  »Wann sind Dinge eigentlich verjährt?«
  Gerion sah auf und grinste. »Mord?«
  Ja, okay. In Heimweh gibt es diese Szene, in der ich einen Bauern in Notwehr töte. Gerion hatte den Bauern gespielt, also hatte ich ihn getötet. In einer Filmszene!
  Ich grinste zurück. »Mord verjährt nicht. Und wie ist es mit einer gebrochenen Nase?« Die hatte ich Gerion nach einer sehr realen Schlägerei zu verdanken.
  Gerion sah auf, blinzelte. »Ist doch gut verheilt.« Er nickte unauffällig zu den Mädels. »Hat deiner Schönheit jedenfalls keinen Abbruch getan.«
  Ich hob die Zeltstange gespielt drohend hoch. Gerion grinste nur noch breiter. Okay, er wollte es so. Ich ließ die Stange fallen und warf mich auf ihn. Es war kein Ernst, nur erschöpftes Rangeln auf dem aufgeweichten Boden und Gerion lachte sich natürlich schlapp. Er zog mich an sich, sein Mund dicht an meinem Ohr. »Du bist verliebt, Alter!«
  Ja, zufällig.
  Mittlerweile war die Gruppe der Zuschauer um etwa zehn weitere Jugendliche und zwei Familien angewachsen, die alle tuschelten. Die ersten zückten die Smartphones und ich ließ Gerion los, stand auf und reichte ihm die Hand.
  Auf einmal fühlte ich mich wieder wie ein Schauspieler. Dies hier war eindeutig eine Show für die Zuschauer, etwas, das belegte, dass Gerion und ich uns nicht wirklich schlugen. Ich hatte genug schlechte Presse. Aber es ärgerte mich, dass ich an immer weniger Orten einfach nur ich selbst sein konnte.
  Menschen, die nicht berühmt sind, können das kaum verstehen. Sie denken vielleicht, dass man es genießt, erkannt zu werden. Oder dass wildfremde Menschen einen beim Namen rufen und um ein Autogramm bitten. Ich weiß nur, dass alle, die sehr berühmt sind, eine große Menge ihres Geldes und ihres Ruhms dafür eintauschen würden, ganz unerkannt durch ihre Heimatstadt laufen zu können. Ja, das ist vielleicht das Schlimmste, dass man keine wirkliche Heimat mehr hat. Überall ist man die Attraktion. Besonders dort, wo man herkommt. Für mich ist das Hamburg, wo ich seit kurzem überall erkannt werde. Meine Mutter kommt aus Schweden, ich sehe das Land zu fünfzig Prozent als mein Zuhause an, und dort bin ich sogar noch bekannter. Gerion bekommt das irgendwie besser hin. Obwohl er mehr Rollen in besseren Filmen als ich gespielt hat, ist er unbekannter geblieben.
  »Sie denken jetzt sicher, du bist schwul«, raunte mir Gerion grinsend zu, als wir aufstanden und uns den feuchten Rasen von den Lederhosen klopften.
  Wir bauten schweigend das Zelt weiter auf und die Hälfte der Zuschauer verkrümelte sich langsam, da es nichts weiter zu sehen gab. Einige Mädchen kamen mit Bierdeckeln und Zetteln an, auf denen wir unterschreiben sollten.
  Unter normalen Umständen wäre ich Duschen gegangen, aber so musste ich warten, bis es spät war. Am besten Nacht, denn natürlich würde uns der Fanclub zu den Waschräumen folgen. So setzten wir uns in den Motorradsachen vors Zelt und checkten unsere Essensvorräte.
  »Komm, wir gehen irgendwohin«, schlug Gerion vor.
  Unsere Hosen waren schlammbespritzt, die Gesichter dreckig, wir waren verschwitzt.
  »So?«
  »Fuck!« Gerion warf sich zurück ins Zelt und stöhnte. »Dann gehen wir eben duschen, die Kabinen kann man abschließen«, murmelte er erschöpft.
  Ich nickte. Er hatte recht, ich war einfach paranoid.
  
Nach dem Duschen, das tatsächlich ganz unspektakulär verlaufen war, stiegen wir in Jeans und T-Shirts auf unsere Maschinen und fuhren in die Umgebung, bis wir ein kleines französisches Landrestaurant fanden, in dem uns ganz sicher niemand kannte. Wir bestellten alkoholfreies Bier und stießen an.
  »Auf den letzten Tag«, sagte Gerion.
  »Auf die letzten vier grandiosen Wochen!«
  Wir grinsten. Ja, die Zeit war perfekt gewesen. Vier Wochen lang auf unseren Motorrädern quer durch Europa. Eigentlich hatten wir diesen Trip schon im Herbst vorgehabt, aber wie das so ist, war ein Filmprojekt für Gerion dazwischengekommen. Das, was immer passierte, wenn wir uns nicht ausdrücklich Zeit für eine Reise nahmen. Auch jetzt nahmen die Anrufe meiner Mutter schon wieder zu. Sie vertrat uns beide als Agentin und es standen neue Projekte an.
  »Was machst du als nächstes?«, fragte ich Gerion.
  »Kleine Rolle im Hamburger Tatort, dann zwei Tage in Schweden und dann hoffentlich Theater.«
  »Theater! Wow.«
  Moon spielte Theater, fiel es mir ein. Ihre Mutter war Bühnenbildnerin und so hatte es bei ihr angefangen. Erst Statistenrollen, dann die Theater-AG an der Schule, dann die Filmrolle in Heimweh. Wo wir uns zufällig wiedergetroffen hatten. Das ist doch Schicksal, oder? So etwas passiert doch nicht ohne Grund?
  Wie immer, wenn ich an den Dreh vor einem Jahr dachte, fragte ich mich, was ich hätte besser machen können? Seit zwei Jahren versuchte ich, mein Leben auf einen neuen Kurs zu bringen. Ich hatte mich geändert. Ich lebte ohne Ausschweifungen, Sex und Drogen. Eine Zeitlang hatte ich sogar auf Fleisch und Alkohol verzichtet, und nur für die Reise diese Regel etwas gelockert.
  »Und du?«, unterbrach Gerion meine immer düster werdenden Gedanken. »Was steht bei dir an?«
  Ich zögerte.
  Nach Heimweh hatte ich sehr viele Filmprojekte abgesagt, war zu meinem Vater nach Schweden gefahren und hatte ein Regiepraktikum bei ihm am Set gemacht. Irgendwie hatte ich alles infrage gestellt. Vielleicht sollte ich Regisseur werden wie er? Doch richtig Klick gemacht hatte es nicht. Die Filmangebote waren weniger geworden und auf einmal war wieder die alte Angst zurückgekehrt, dass vielleicht niemand mehr etwas von mir wissen wollte und ich demnächst für meinen Lebensunterhalt Taxi fahren oder in einem Café arbeiten musste. Was ein Großteil der arbeitslosen Schauspieler tat.
  Und dann, vor ein paar Wochen, war dieses grandiose Projekt hereingekommen. Ich hatte schon ein E-Casting aufgenommen. Ein historischer Film, Dreh in England und Lars von Trier würde Regie führen. Schon wenn ich daran dachte, begann mein Herz aufgeregt zu schlagen. Ein internationales Kinoprojekt! Mit kompletter Geheimhaltung. Aber das war nicht der Grund, warum ich Gerion nichts davon erzählte. Ich hatte vielmehr Angst, es würde sich in Luft auflösen, wenn ich nur darüber sprach. Gott, ich wollte diesen Film. In Frankreich und Schweden zu drehen, war toll gewesen, aber mein Traum war, mit einer amerikanischen oder englischen Produktion zu arbeiten. Selbst wenn es nur eine kleine Nebenrolle sein sollte. Ich sollte überhaupt nur noch das drehen, wozu ich Lust hatte.
  »Nichts Besonderes.«
  Gerion schob seinen Teller weg. Das Essen - irgendeine französische Spezialität - war gut, aber viel zu reichlich. Er sah zu mir. »Du willst nach Berlin ziehen, nicht? Hast du schon eine Wohnung?«
  Ich wurde rot. Okay, Berlin lag nah an Potsdam und Moon wohnte in Potsdam. Vielleicht wollte ich ja nur in ihre Nähe? Aber Berlin war auch eine Filmstadt und der beste Ort, um meine Karriere wieder in Schwung zu bringen. Hier fanden viel mehr Castings statt, hier wurden internationale Filme gedreht.
  »Ich habe die Wohnung in Hamburg gekündigt. Erst wollte ich sie untervermieten, aber …«
  Gerion nickte. »Ein echter Wechsel also.« Er nahm einen Schluck Bier. »Ole ist jetzt auch in Berlin, oder?«
  Okay, Ole. Mein großer Bruder würde wohl immer ein Thema zwischen uns sein.
  Gerion war mein bester Freund, aber Ole und ich waren enger. Brüder eben. Gerions Familie war eher unstabil und daher war er praktisch mit uns, in einer großen Stadtwohnung in Hamburg, aufgewachsen. Auch die Urlaube in Schweden hatten wir meist zu dritt verbracht. Genau wie wir war Gerion schon als Kind ins Filmbusiness eingestiegen, erst aus Spaß und nun war es eine Karriere. Allerdings hatte es schon immer Spannungen zwischen Ole und Gerion gegeben und neuerdings auch zwischen Ole und mir. Wenn ich ein Badboy war - dann war Ole ein Bad-Badboy nicht nur, weil er zwei Jahre älter war, sondern auch wesentlich exzessiver lebte.
  »Ja. Er hat mich gefragt, ob ich zu ihm ziehen will.«
  Ich hielt leicht die Luft an, denn ich konnte mir denken, was Gerion davon hielt. Vor zwei Jahren hatte Ole Gerion krankenhausreif geschlagen. Und das nur, weil er eine Rolle angenommen hatte, die man kurz vorher mir entzogen hatte. Damals war alles zusammengekommen: Schlechtes Timing und schlechtes Benehmen meinerseits. Obwohl ich es erst ungerecht fand, verstand ich jetzt besser, dass ich es selber herausgefordert hatte. Verdient. Ole sah das anders und nahm Gerion übel, dass er von meiner Situation profitierte. Okay. Aber sollte nicht langsam Gras über die Angelegenheit gewachsen sein?
  »Wie steht ihr jetzt zueinander?«, fragte ich.
  »Waffenstillstand«, sagt Gerion und tippte auf zwei Käsesorten, die der Kellner ihm auf einem großen Korbtablett hinhielt. Ich entscheid mich für zwei andere Sorten und er ging, um uns damit eine kleine Käseplatte zuzubereiten.
  Abends, im Zelt, als Gerion und ich nebeneinander eingerollt in unseren Schlafsäcken lagen, war ich mit den Gedanken schon bei der Kinopremiere von Heimweh. Ich hatte noch drei Tagesetappen bis Berlin, das war gut und entspannt zu schaffen. Seit einem Jahr hatte ich Moon nicht mehr gesehen, nur ein paar Dinge über sie von Krista gehört, aber keine Ahnung, ob sie mit diesem Johann zusammen war oder überhaupt noch an mich dachte. Eine Filmpremiere war eigentlich perfekt, um das unauffällig herauszufinden. Ich würde zu Ole fahren, dort übernachten, am Morgen duschen, mir seinen Boss-Anzug ausleihen, das T-Shirt tragen, dass ich mir seit Wochen dafür aufhob, mich rasieren, Turnschuhe. Und was dann auf der Premiere passieren würde, ob ich Moon sehen, mit wem sie kommen würde - davon konnte ich mich überraschen lassen.


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