KATRIN BONGARD

SUBWAY SOUND

Subway Sound

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Seiten
ISBN
3,99 €
coming soon
192
978-3-943799-25-5
Young Adult /Liebe

*Wie ich einen Tag auf der Straße verbrachte und mich in einen Off Road Boy verliebte*

Livia ist neu in Berlin und findet die Stadt mehr als aufregend. Da gibt es den alten Mann, der immer im Partnerlook mit seinem Dackel unterwegs ist, die Punks an der U-Bahn-Station mit den schlechten Zähnen und den noch schlechteren Sprüchen und die Mädchenclique um Johanna, für die Livia bestenfalls Luft ist. Aber dort gibt es auch Tim, den Straßenjungen, der anders ist als jeder Junge, den sie zuvor getroffen hat. Und der ihr die Stadt von einer ganz anderen Seite zeigt …

»Du würdest es nicht einen Tag auf der Straße aushalten!«, unterbricht mich Tim und sieht mich herausfordernd an.
Hat er Wetten, dass gesagt?

Subway Sound

 

1

Wir stehen im Flur des halb leer geräumten Hauses und warten auf Mama. Sie wollte nur noch schnell etwas für mich holen. Zum Abschied. Ich zähle ihre Schritte auf dem Parkett, dann multipliziere ich das Ergebnis mit der Zeit, die wir von Hamburg nach Berlin im Auto brauchen werden, drei Stunden etwa. Dann addiere ich die neue Hausnummer in Berlin dazu, neun, und dann teile ich alles durch vierzehn, mein Lebensalter. Es ergibt zwei und irgendwas. Ich bin kein Mathegenie, ich rechne nur immer wenn ich nervös oder gestresst bin, aber Wurzeln und Pi kommen dabei sicher nicht vor. Lena, meine beste Freundin, die mich nicht nur sehr gut kennt, sondern auch super intelligent ist, erklärt das mit der Funktion des Gehirns. Emotionen und Sprache sind da nämlich auf der einen Seite und Rechnen und Zahlen auf der anderen. Sie meint, ich würde in solchen Situationen gerne vor meinen Gefühlen auf die andere Gehirnhälfte flüchten. Stimmt vielleicht.
  „Livia?“
  Ich habe gar nicht gemerkt, dass meine Mutter wieder zurückgekommen ist. Über dem Arm hat sie einen Kleidersack, in dem sie normalerweise ihre Kostüme transportiert, wenn sie zu einer Modenschau fährt. Sie öffnet den Reißverschluss und zieht ein Kleid heraus. Ich erkenne es sofort. Es ist das erste Kleid, das sie selber für sich geschneidert hat, damals als sie so alt war wie ich und schon wusste, dass sie später Modedesignerin werden will. Ein kleines schwarzes Cocktailkleid, inspiriert von „Frühstück bei Tiffany“ und Coco Chanel.
  „Das wollte ich dir schenken!“
  Könnt ihr euch vorstellen, wie lange ich mir dieses Kleid schon wünsche? Nein? Schon seit ich drei bin. Aber jetzt bin ich mir nicht sicher, ob ich es in diesem Moment und überhaupt noch haben will. Meine Mutter bemerkt mein Zögern und Papa schubst mich etwas in den Rücken.
  „Wow, danke“, sage ich mit zitternder Stimme. Und nein, ich werde jetzt nicht weinen, das habe ich die letzten Wochen schon genug getan und ich hatte eigentlich beschossen, dass ich zu 99 Prozent erwachsen bin und verstehe, dass Paare sich trennen, Eltern sich scheiden lassen und Kinder dann eine Entscheidung treffen müssen. Für mich war die Sache einfach, denn Mama hat sich von Papa getrennt und geht mit ihrem neuen Lover nach Spanien. Einem Männermodel. Da musste ich einfach zu meinem Vater halten. Und Berlin ist eine tolle Stadt, da ich wollte schon immer mal hin.

Ich lege den Kleidersack auf den Rücksitz von Papas Mercedes Jeep M Klasse, aber dort kann er nicht liegen bleiben, weil ich noch drei Kisten mit meinen Kleidern gepackt habe, die auch noch mit müssen. Der Umzugswagen ist schon vor einer Woche nach Berlin gefahren und hat wenige Möbel, viele Bücher von Papa und viele Kisten mit meinen Sachen in die neue Wohnung transportiert.
  Schließlich kommen die Kisten auf den Rücksitz und ich nehme den Kleidersack mit nach vorne auf meinen Schoß. Ich weiß, das ist sentimental, aber so fühle ich mich besser. Ich öffne den Kleidersack und sauge das Parfüm meiner Mutter ein und wir verlassen Hamburg. Na ja, denke ich nüchtern, irgendwie habe ich Mama auf diese Weise noch dabei.
  „Alles okay?“, fragt Papa an der nächsten Ampel mit einem Seitenblick und schließt meinen iPod an den mp3-Tuner des Autos an. „Somebody that I used to know“ von Gotye ertönt aus den Lautsprechern und gibt mir das Gefühl, immer noch zuhause zu sein, oder zumindest an einem Ort, an dem es warm ist und meine Lieblingsmusik gespielt wird.
  „Ich habe alles fest im Griff!“, sage ich und grinse.
  „That´s my Baby!“, sagt Papa und gibt Gas.

Mit Entfernungen ist es seltsam. Manchmal kommen einem kurze Strecken sehr lang vor und manchmal lange Strecken ganz kurz. Drei Stunden Fahrt, das ist weniger als ein Schulvormittag aber schon die Zeit bis wir Hamburg verlassen kommt mir ewig vor. Aber ich brauche diese Zeit. Ich werde den Hafen vermissen. Das Gefühl, jeden Moment ein Schiff nehmen zu können und um die Welt zu reisen. Nur theoretisch, schon klar. Die Schule werde ich nicht vermissen. Auch wenn ich in Berlin auf eine öffentliche Schule gehen werde, was sicher eine Umstellung ist. Meine Freundinnen? Lena ist sowieso für ein Jahr mit ihren Eltern in Australien und mit den anderen bin ich nicht so eng befreundet. Und Jan? Hallo? Einem Typen, der einen nach drei Monaten für irgendein blonderes und dümmeres Mädchen verlässt, werde ich nicht nachtrauern. Bestimmt nicht. Auch wenn mir die drei Monate mit ihm wie ein ganzes Jahr vorgekommen sind und der Tag, als er sich von mir getrennt hat, wie eine Woche Heulen war. Was ich ihm natürlich nicht gezeigt habe. Und wir werden ja sehen, wer wen irgendwann mal vermissen wird.

Ich döse eine Stunde vor mich hin und starre auf die Leitplanken. Ich mag Autobahnen. Es geht immer geradeaus und meist hat man freie Fahrt. So stelle ich mir mein neues Leben in Berlin vor.
  „Wie ist die Wohnung?“, frage ich nach einer Weile und Papa dreht die Musik etwas leiser, um mich besser zu verstehen. Mein Vater hat alles allein organisiert, ich habe die Wohnung noch nicht gesehen, ich wollte vorher nichts davon wissen, aber jetzt interessiert mich alles auf einmal brennend.
  „Großartig. Super Aussicht, toll gelegen, ganz in der Nähe der alten Stadtmitte, Kudamm und so. Wird dir gefallen.“
  Mein Vater redet meist so. Ich nenne das den Korrespondentenstil. Möglichst viele Informationen in kürzester Zeit anbringen. Auch wenn man nicht mitten im Bombenhagel steht und nur drei Minuten für seinen Aufsager im Fernsehen hat. Mein Vater ist Journalist. Vor meiner Geburt hat er jahrelang aus den Krisengebieten der Welt berichtet. „Wie ist mein Zimmer?“
  „Tja, wie soll ich sagen, du kannst dir einen Raum aussuchen.“ Ohne dass ich es sehe, weiß ich, dass mein Vater beim Sprechen lächelt. Er macht sich immer ein bisschen lustig darüber, dass mir Einrichtungen und Stoffe und Kleider so wichtig sind. Es ist nicht einfach ihm klar zu machen, dass mich an unserer neuen Wohnung interessiert, ob sie schön und groß und hell ist, ob mein Zimmer eine gute Aussicht hat und die Küche groß genug ist, um dort mit meinen Freundinnen Pizza zu backen. Er hat zu lange in winzigen Zimmern von Betonhochhäusern in Israel, in provisorischen Zeltlagern in Afghanistan oder Lehmbauten in Afrika gewohnt. Wenn er einen Wasserhahn aufdreht und es kommt klares Wasser heraus, dann ist er schon zufrieden.
  „Aha. Und du nimmst dann den anderen?“, frage ich, um die Ausmaße der Wohnung schon mal vorsichtig abzuschätzen.
  „Genau.“
  Für einen Moment sehe ich eine Zwei-Zimmerwohnung in einem hässlichen Betonhochhaus vor mir. Oder Plattenbau. 40. Stock. Gute Aussicht. Er hätte nicht gelogen.
  Mein Vater nimmt die Geschwindigkeit etwas zurück und schaut kurz zu mir rüber.
  „Hunger?“
  Der Hinweis auf einen Mc Donalds flitzt vorbei und ich nicke. Gut, dass Lena nicht hier ist. Sie findet, man sollte diesen Konzern boykottieren. Ich finde das manchmal auch, aber ich muss mich immer mal wieder davon überzeugen. Und ich liebe Pommes!
  Mein iPhone brummt in meiner Tasche und ich hoffe, es ist eine sms von Lena. Dann fällt mir ein, dass es in Adelaide gerade halb zwölf Uhr nachts ist und sie sicher schon schläft.
  Gute Fahrt, hab dich lieb, Mama.
  Ich tippe ida und spüre einen kleinen Kloss im Hals. Vor ein paar Wochen wollte ich meine Mutter noch hassen und nie wieder sehen, aber ich bin nicht gut im Hassen. Und jetzt kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, dass wir uns vielleicht nur noch zwei oder drei Mal im Jahr sehen werden. Zur Fashion-Week? Ich hoffe doch, sie kommt auch mal wegen mir nach Berlin. Als wir auf den Mc Donalds Parkplatz fahren, schicke ich meine Antwort ab und schalte das Handy aus.
  Der Mc Donalds ist leer bis auf zwei Fernfahrer, die in einer Ecke vor einem Berg von Verpackungsmüll sitzen.
  „Was willst du haben?“
  „Pommes XL, Salat, Mineralwasser, Ketchup und Majo, bitte.“
  Mein Vater geht an die Theke zum Bestellen. Ich setze mich an einen Vierertisch und lege den Kleidersack auf den Stuhl neben mir. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich ihn mit hinein genommen habe und jetzt tue ich so, als ob das ganz normal wäre. Ich werfe einen unauffälligen Blick zu den Fernfahrern in der Ecke. Halten die mich für seltsam? Aber sie beachten uns gar nicht und ich entspanne mich.
  Mein Vater hat nichts gegen Mc Donalds. Er war früher wohl zu oft auf die Burger-Kette angewiesen, denn einer Portion Pommes vertraut man verständlicher Weise mehr als einer Schale Heuschrecken in Indien oder einem gebratenen Hund in China.
  Wir essen schweigend. Ich mag es, dass man hier die Finger zum essen benutzt. Pommes muss man mit den Fingern essen. Nur meine Mutter benutzt – ungelogen – eine Pommes-Gabel aus Edelstahl, die ihr ein Designerkollege geschenkt hat.
  „Wir werden es uns in Berlin ganz gemütlich machen.“
  Ich sehe auf. Papa lächelt und kramt in seiner Tasche.
  „Hier für dich.“
  Er reicht mir eine Kreditkarte. Ich bekomme sehr großzügig Taschengeld und fast jeden Wunsch erfüllt, aber eine Kreditkarte? Ich bin doch erst 14.
  „Es ist eine Geldkarte, ich habe sie aufgeladen. Ich will nicht, dass du mit zu viel Bargeld in der Gegend herumrennst.“
  „Welcher Gegend?“, frage ich, denn gerade sehe ich eine Hochhauswohnung in einer der finstersten Gegenden von Berlin vor mir.
  „Ich meine nur, du wirst hier oft allein unterwegs sein.“
  „Okay.“
  Ich wende die Karte hin und her und denke, dass man mit so was extrem erwachsen wirkt. Das gefällt mir. Mein Vater lächelt verlegen.
  „Und wenn ich mal vergesse einzukaufen, könntest du ja vielleicht auch Milch oder so mitbringen?“
  Wir haben beide beschlossen, dass wir in Berlin ohne Hausangestellte auskommen wollen. Ich meine, wir hatten vorher nie einen Diener oder so, aber es gab eine Kinderfrau als ich klein war und ein Aupair-Mädchen, eine Putzfrau, einen Gärtner für den Garten und eine Hauswirtschafterin, die oft gekocht hat.
  „Oder wir bestellen einfach Lebensmittel.“
  Ich nicke. Bestellen hört sich gut an. Und ja, ich weiß, was ihr denkt: ich bin verwöhnt. Ihr habt Recht und leider habe ich mich daran gewöhnt.

2

Es ist Nachmittag als wir ankommen, aber es ist bewölkt und trübe und man hat fast das Gefühl, es ist schon Abend. Ich sehe den Funkturm und erinnere mich, dass ich mit meiner Mutter vor etwa fünf Jahren schon einmal in der Stadt war. Natürlich zur Fashion-Week. Sie stellte dort ihre erste Kollektion vor und ich durfte am Ende auf den Laufsteg und mit zwei anderen Mädchen für das Brautmodel die Blumen streuen. Das Kleid, das ich damals getragen habe, besitze ich immer noch aber natürlich passt es mir nicht mehr. Seitdem ist Berlin für mich eine Traumstadt mit wunderschönen Menschen und Kleidern und Partys. Natürlich ist mir klar, dass dies eine etwas geschönte Sicht ist, zum Beispiel wenn ich jetzt vom Stadtring auf die Industriegebiete der Stadt schaue. Ich hoffe nur, wir wohnen in einer guten Gegend.
  „Gleich sind wir da.“
  Mein Vater biegt in eine der kleineren Straßen ab. Es gibt Bäume, alte Mietshäuser, aber auch Cafés, Restaurants, Geschäfte. Es ist eine Wohngegend, aber es sieht so aus, als ob wir noch mitten in der Stadt wären. Wir haben gerade erst den Stadtring verlassen, überall fahren und parken Autos, Radfahrer rasen todesmutig durch den Verkehr und es sind viele Menschen unterwegs.
  „Wo sind wir?“
  „Schöneberg. Der Bezirk liegt zwischen alter und neuer Stadtmitte. Von hier ist es nur eine U-Bahnstation bis zum Kudamm, und vier Stationen in die andere Richtung und du bist am Potsdamer Platz. Da arbeite ich.“
  „Super“, sage ich skeptisch. Denn was bedeutet das? Ich brauche eigene Orientierungspunkte. Die neue Schule, der nächste H&M, ein Kino, einen Starbucks. Davon sehe ich hier nichts.
  Mein Vater hält auf der Straße in der zweiten Reihe. Er schaltet den Motor aus und beugt sich zu mir.
  „Wir sind da. Und deine Schule ist hier gleich um die Ecke.“

Eines Tages, sagt Lena, wird es keine Parkplätze mehr in den Städten geben und alle Autos müssen vor der Stadt abgestellt werden. Lena kann ziemlich dramatisch sein, wenn es um Tier- oder Umweltschutz geht. Aber die Vorstellung gefällt mir. In der Stadt kann man dann völlig entspannt Radfahren oder Skateboarden oder Spazieren gehen. Wie in Venedig, mal abgesehen davon, dass Venedig, wenn Lena Recht behält, wegen der Klimaveränderung wohl bald im Meer versinken wird. Ich finde eigentlich, dass ihre Prognose etwas düster ist, aber wenn ich mich hier umsehe, dann muss ich ihr zustimmen. In dieser Gegend gibt es schon jetzt keine Parkplätze mehr. Doch mein Vater ist Ausnahmesituationen gewöhnt, er bleibt einfach in der zweiten Reihe stehen und steigt aus.
  „Komm, ich zeig dir die Wohnung.“
  „Hier?“, frage ich skeptisch, denn wir haben direkt vor einem asiatischen Restaurant gehalten. Neben der Sushi Lounge ist ein Café, auf der anderen Seite ein Schmuckgeschäft.
  Mein Vater zeigt nach oben. Über dem Restaurant erkenne ich ein altes aber schön renoviertes, vierstöckiges Mietshaus. Ich bin sehr erleichtert, dass es kein Betonhochhaus ist und trotzdem aufgeregt.
  Bis zur Tür, die ins Haus führt, sind es sechs Schritte, fünf und sechs sind elf, und dann rechne ich mal vier, als Papa im Fahrstuhl auf den vierten Stock drückt. Vierundvierzig plus fünf Schritte bis zur Wohnungstür und ...
  „Wow!“
  Ich würde sagen, es ist die größte Wohnung, die ich je gesehen habe. Ich meine, ich kenne natürlich große Häuser und Büros und Ateliers und so weiter, aber ich habe noch nie eine so große Wohnung gesehen.
  „Sechs Zimmer, Küche, zwei Bäder. Du kannst dir eins aussuchen.“
  „Ein Bad für mich?“
  Mein Vater grinst. „Und ein Zimmer. Oder zwei.“
  Die Wohnung ist, bis auf einen riesigen Raum, in den die Möbelpacker unsere Sachen abgestellt haben, leer. Dunkles Eichenparkett, die Wände weiß, die Decken hoch und mit Stuck verziert. Ich fühle mich wie eine Prinzessin in einem Palast. Wir wandern durch die Räume und ich verliebe mich in ein großes Zimmer, das an eines der Bäder anschließt. Ich bin überwältigt. Ich habe ein eigene Badewanne und genug Platz, um eine Schaumparty zu feiern.
  „Dein Reich!“, sagt mein Vater großzügig. Ich nehme an, er wird sich das Zimmer mit dem Telefonanschluss nehmen und eine Matratze auf den Boden legen. Korrespondentenstyle.
  „Hier stelle ich mein Bett hin und da die Sessel“, beginne ich zu planen und gehe zum Fenster. „Aber ich bräuchte neue Gardinen.“
  „Was du willst!“, sagt Papa und kommt zu mir. Das Zimmer geht nach vorne raus. Weil die Bäume noch kahl sind, kann ich die Läden auf der anderen Straßenseite sehen, die Geschäfte und die Menschen auf den Gehwegen. Ich find´s super.
  „Schöne Aussicht!“, sage ich und Papa nickt. Und während wir verträumt nach unten sehen, fährt der Abschleppwagen seelenruhig mit unserem Auto davon.

Weil der Fahrstuhl im Schneckentempo fährt, müssen wir die vier Stockwerke nach unten laufen und wir sind beide nicht die besten Sprinter. Als wir auf der Straße stehen ist nichts mehr von dem Abschleppwagen oder Papas Auto zu sehen, fast als hätte es jemand weggezaubert.
  „Mist!“
  Mein Vater holt sein iPhone heraus, aber ich glaube nicht, dass ihm das jetzt weiterhilft. Ich drehe mich suchend nach jemanden in der Nähe um, der uns sagen könnte, was wir jetzt am besten machen sollen, aber das Abschleppen eines Autos gilt hier wohl nicht als Katastrophe. In dem Wagen sind all meine Kleider!, fällt es mir ein.
  „Mein Portemonnaie ist im Auto“, sagt Papa, „mit allen Papieren.“
  „Meins auch.“
  Ich grinse, denn es ist typisch, dass uns beiden so etwas passiert. Mein Vater seufzt resigniert. Im Grunde kennt er derartige Situationen - nur nicht hier in Europa.
  „Tja“, sage ich, „aber ich habe eine voll aufgeladene Geldkarte.“ Papa lächelt erleichtert. „Wir sind gerettet.“
  Wir beschließen abends in dem Sushi-Restaurant zu essen und ich schätze, wenn das Essen einigermaßen gut ist, werden wir das wohl öfter machen. Doch zuerst möchte ich unbedingt meine Sachen sortieren und mein neues Zimmer einrichten. Am besten so schnell wie möglich. Beim schwungvollen Umdrehen wirbele ich gegen einen Jungen. Ich habe ihn nicht kommen sehen und entschuldige mich. Er grinst. An einem seiner Schneidezähne ist die untere Ecke abgebrochen, was sehr sexy aussieht und seine hellen Augen strahlen. Ich bin eigentlich nicht schüchtern, aber seine selbstsichere Art macht mich verlegen. Er sieht aus wie ein Punk mit stachelig nach oben gekämmten dunklen Haaren, einer schwarzen, halb zerrissenen Hose und einer abgewetzten Lederjacke. Um den Hals trägt er ein Hundehalsband und am Armgelenk lauter Lederarmbänder mit Nieten. Irgendwie ist sein Outfit komplett out, wie aus den 8oern, aber zugegeben - es steht ihm gut.
  „Tut mir leid“, sage ich noch mal, doch er zuckt nur entspannt mit den Schultern. Und da sehe ich etwas unter seiner Jacke hervorgucken. Es ist eine kleine Hundeschnauze, die zu dem süßesten Welpen gehört, den ich je gesehen habe. Er fiept leise und ich kann mich nicht zurückhalten und streichele kurz seine Schnauze. Der Junge zuckt ein wenig zurück, als ob ich ihm den Hund wegnehmen wollte und ich ziehe meine Hand weg. Sehe ich aus wie eine Hundediebin?
  „Der ist süß!“, sage ich und werde rot, weil nicht nur der Hund süß ist. Der Junge lächelt kurz.
  „Na, dann“, sagt er, lächelt noch einmal und schlenzt weiter. Ich bin etwas verwirrt. Unsere Begegnung hat vielleicht 10 Sekunden gedauert, aber sie kam mir viel, viel länger vor. Er sieht nett aus und ganz anders als die Jungs in Hamburg. Ich sehe dem Jungen nach, seine tiefhängende Hose, die Boxershorts, und wundere mich, dass er nicht friert. Und frage mich, ob er hier in der Nähe wohnt. Aber das ist nur die erste von sehr vielen Fragen, die ich mir in der nächsten Zeit stellen werde.


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Presse / Rezensionen

»Unkonventionell, ehrlich und glaubwürdig
Ich kann dieses Buch einfach nur weiterempfehlen, denn die Geschichte von Livia reißt einem mit, am liebsten hätte ich sie in einem Stück gelesen, ohne jegliche Pausen dazwischen. Die Liebesgeschichte ist glaubwürdig aber auch unkonventionell und lädt zum Nachdenken ein.« (Petra S. 12. März 2013)


»»Jugendbuch mit Tiefgang … unbedingt lesen!«
(Julia, 24. Februar 2013)


»Wunderschöne Lovestory ohne märchenhaften Kitsch. Ich muss sagen das Katrin Bongard es geschafft hat, das ich mich verliebt habe: In ihren Schreibstil, in ihr Buch …«
(Bücherwesen.de, 21. Februar 2013)


»Fesselnd geschriebener und überzeugender Denkanstoß – einfach ein tolles Buch! Eine wunderbare Geschichte, die zum Nachdenken anregt, aber dabei so fesselnd, packend und nebenbei noch humorvoll geschrieben ist, dass man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen kann.«(Ira W., 28. Februar 2013