UWE CAROW
Im Dunkeln zu Hause

| E-Book Hardcover Paperback Seiten ISBN |
4,99 € 18,00 € 9,99 € 248 9783946494683 |
Roman
Ruhrgebiet. 1975.
Der 19-jährige Hauke wird von seinem Großvater und seiner Tante in einem kleinen Bergarbeiterhaus aufgezogen.
Alle seine Vorfahren waren Bergleute, doch Hauke will Künstler werden.
Er ahnt nicht, wie weit er in die Vergangenheit hinabsteigen muss, um seinen Traum zu verwirklichen.
»Da ist kein Schachtgitter, nie eins gewesen.
Statt Förderkorb ein schwarzes Loch.
Da geht es wirklich tief hinab. Nach innen.«
Im Dunkeln zu Hause
1
Hauke steigt auf die Bremse. Zweieinhalb Tonnen bester Anthrazitkohle liegen im Novemberniesel und versper-ren die enge Auffahrt neben dem kleinen Bergarbeiterhaus.
Die nasse Kohle glänzt metallisch im Scheinwerferlicht. Auge in Auge, den Fuß auf der Bremse, schaut Hauke von seinem durchgesessenen Fahrersitz zu dem Kohleberg hoch. Nein, den bildet er sich nicht ein, das ist keine Fata Morgana, und der Haufen Kohle gibt die Einfahrt auch nicht frei, als Hauke die Lichthupe betätigt. Liegt da schwer und wuchtig zwischen der schieferverkleideten Giebelwand auf der einen und der Backsteinmauer zum verwilderten Nachbargrundstück auf der anderen Seite, als könne er beide auseinanderdrücken, wegschieben und sich noch breiter machen. Ein schwarzes Hindernis, außerirdisch, wie vom Himmel gefallen. Dabei ist Hauke sich sehr sicher, dass der Kohlenkeller noch gut gefüllt ist.
Er schaltet den Motor aus. Die Kassette läuft weiter. Gestern erst hatte er den Kassettenrekorder mit dem Autoradio verkabelt und zwei gebrauchte Lautsprecher auf die Hutablage geschraubt – nur damit Neil Young ihn nochmal daran erinnert? Time fades away … weil da noch ein Berg Kohle auf dich wartet?
In den Nieselregen mischen sich die ersten Schneekristalle. Hauke schaut ihnen dabei zu, wie sie auf der Windschutzscheibe wegschmelzen, auf der kalten Kohle aber liegen bleiben. Durch die Tropfen erkennt er verschwommen, wie ein Schneeflöckchen nach dem ande-ren landet. Hier eins, dort eins, dann immer mehr, nebeneinander, übereinander. Er schaltet das Fernlicht an und der Kohleberg verwandelt sich in eine Märchenlandschaft. Schneekristalle klettern als kleine weiße Zwerge mit winzigen Spitzhacken und Grubenlampen in der Kohle herum.
Die Zwerge freuen sich, winken rüber. Aber auch sie bauen den Kohleberg nicht ab. Rutschen nur in dem schwarzen Gebirge herum, vergnügen sich und singen mit, lösen sich auf und fallen immer wieder als neue Zwergflöckchen vom Himmel. Die Zwerge, der Schnee-regen, Neil Young und die Kohle. So sitzt Hauke da, die Hände am Lenkrad. Die Zwerge haben ihren Spaß. Hauke betätigt den Scheibenwischer und drückt die Kassette aus dem Rekorder. Die Musik ist aus und die Zwerge verschwinden. Der Schneeregen und die Kohle bleiben.

